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Wie sehen sich Juden und Christen?

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in: Augsburg UniPress

Verlag: Selbstverlag


Der Rabbiner Michael Signer, Professor an der Universität Notre Dame, Indiana, USA, sprach von einem Wunder: Wie kann ein jüdischer Rabbiner mit katholischen Theologieprofessoren und -studenten in einem katholischen Priesterseminar in Deutschland den Sabbat einleiten? Grenzt dieses Ereignis nicht wirklich an ein Wunder?

An einem Freitagabend trafen sich im Augsburger Priesterseminar rund 50 Angehörige der Katholisch-Theologischen Fakultät, um in einem dreitägigen Kompaktseminar - Thema: Wie sehen sich Juden und Christen? Paradigmen eines Verhältnisses - Juden aus den USA und aus Europa zu begegnen. Eingeladen hatten die Augsburger Professoren Hanspeter Heinz (Pastoraltheologie), Herbert Immenkötter (Kirchengeschichte), Klaus Kienzler (Fundamentaltheologie), Alois Halder (Philosophie) und der Exeget Dirk Kinet.

Diskussionsgrundlage waren zwei Erklärungen des Gesprächskreises “Juden und Christen” beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken: “Juden und Judentum im neuen Katechismus der Katholischen Kirche. Ein Zwischenruf” (Bonn 1996) und “Nach 50 Jahren - Wie reden von Schuld, Leid und Versöhnung?” (Bonn 1988); darüber hinaus ein Text von Rabbi Signer mit dem Titel “Der Riß, der verbindet. Hermeneutische Zugänge zum Verhältnis von Juden und Christen" und in einem Reader zusammengefaßte Statements der beteiligten Augsburger Theologen.

Rabbi Signer, ein amerikanischer Jude, dessen Familie nicht unmittelbar mit dem Holocaust konfrontiert war, skizzierte, wie sich während der letzten 50 Jahre, besonders seit dem Konzilsdekret “Nostra aetate” von 1965, das Verhältnis von Juden und Christen langsam, aber konsequent vom “Streitgespräch” zum “Dialog” gewandelt habe. Die Schwierigkeit, Vertrauen zwischen den beiden Gemeinschaften zu begründen, sei aus einer schmerzvollen theologischen Tradition erwachsen, die oft zu Gewalt geführt habe. Eine zentrale These: Ökumene mit dem Ziel der Glaubensgemeinschaft sei ein christliches Vorhaben, das man auf das Verhältnis Juden und Christen nicht übertragen dürfe. Zu bejahen sei Ökumene als Ziel der christlich-jüdischen Verständigung dann, wenn man Ökumene mit “Haushalt” übersetze: Das jüdische Volk und die Christen sollen sich in der Teilhabe am Haushalt all derer zusammenfinden, die den Gott Abrahams anrufen.
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Für das Verhältnis von Judentum und Christentum fand Signer das Bild vom “Ölbaum” nach Paulus: Neue Zweige werden aufgepfropft, alte hingegen abgehauen. Oder das Bild vom “Stern und den Strahlen” von Franz Rosenzweig: das Judentum als nach innen gewandt, das Christentum als missionarisch, weltgewandt. Oder schließlich aus Martin Heideggers “Der Ursprung des Kunstwerks” das Bild vom Riß: Ein Riß, so Signer, müsse nicht unweigerlich trennen, er könne auch eine Herausforderung darstellen für zwei Teile, die trotz einer trennenden Kluft zusammengehören. Signer illustrierte dies am biblischen Beispiel der Entzweiung der Brüder Jakob und Esau: Gott habe die beiden Kontrahenten wieder als Brüder zusammengeführt. Beide, die jüdische wie die christliche Tradition, hätten Jakob und Esau, Symbolgestalten für Christentum und Judentum, je auf ihre Weise als Rechtfertigung der Spaltung ausgelegt, nicht jedoch als Aufforderung zur Verbindung über die trennende Kluft hinweg. Diese einseitige Interpretationsgeschichte müsse korrigiert werden.

Zum Gottesbegriff meinte Signer, die Juden distanzierten sich von einem Gott der Spekulation. Im Vordergrund stehe für sie das Leben mit Gott, das Studium der Thora und die Einhaltung der Gebote Gottes. Gott sei von Beginn an ein rettender, beschützender Gott, der ewige Treue und Liebe seinem Volk entgegenbringe. In dieser Vorgabe liege die Verantwortung Israels gegenüber Gott. Israel stehe in einem Dialog mit Gott, der seinen Willen einerseits in den moralisch-sittlichen, andererseits in den kultischen Geboten artikuliere.

Die Statements der katholischen Theologen leitete der Exeget Dr. Kinet ein. Er referierte über die Volk-Werdung Israels, die Hinwendung zum Monotheismus, aber auch über die Bruchstellen in der Geschichte Israels - wie etwa die babylonische Gefangenschaft nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 587 v. Chr. -, weiterhin über die Problematik der Messiasgestalten und die schwierige Frage der Erwählung Israels gerade in Perioden der Niedergeschlagenheit. Die Geschichte Israels, so Kinet, sei immer die Geschichte dieses Volkes im Verhältnis zu seinem Gott gewesen. Dieser Gott übersteige jedoch jede systematische Theorie. Erst in der Retrospektive würden seine Spuren deutlich, die Zukunft bleibe aber immer auf ihn hin offen.

Professor Kienzler hob auf die Geringschätzung ab, mit der die Christen seit dem Entstehen der Kirche auf das Judentum herabgeschaut hätten. In klischeehaften Typologien sei versucht worden, das Judentum zu übertreffen und ihm den Rang des von Gott geliebten Volkes streitig zu machen: Jesus versus Adam, Maria versus Eva, das Neue Testament versus das Alte und die Bergpredigt versus die Botschaft des Mose vom Sinai. Diese Klischees hätten sich durch die Traditionen und die Erziehung der Christen gezogen. Um mit dem Judentum in Dialog treten zu können, müsse mit ihnen Schluß gemacht werden. Das Judentum, so Kienzler, sei "nicht die Vorhalle, sondern die Wurzel des Christentums".

Professor Immenkötter führte die Ergebnisse seiner Studien zum Antisemitismus in deutschen Schulbüchern vor. Man könne heute mit gutem Gewissen sagen, daß die deutschen Religionsbücher von gewollten und ungewollten Antijudaismen gereinigt worden seien. Die Bischöfe, von einer Gruppe von Wissenschaftlern um den Freiburger Religionspädagogen Biemer auf die Mißstände hingewiesen, hätten schon vor Jahren die entsprechenden Revisionen veranlaßt. Nunmehr habe sich die Aufmerksamkeit auf die Geschichtsbücher zu richten. Man gewinne hier bisweilen den Eindruck, das europäische Judentum ende mit dem ersten Jahrhundert und beginne erst wieder im zwanzigsten. Das Landjudentum, das über Jahrhunderte hinweg ganze Landstriche prägte, oder die Hofjuden, die sich in einflußreichen Kreisen bewegten, seien Teil der deutschen Geschichte, kämen aber entweder nicht oder nur punktuell vor. Immenkötter forderte für die Schulbücher der 90er eine gesonderte, zusammenhängende Darstellung der jüdischen Geschichte.

Wie ist es möglich, daß Menschen miteinander in ein aufrichtiges Gespräch kommen können? Diese Frage stellte sich Professor Halder und meinte, Kommunikation (communio) könne nicht in einer Diskussion oder einem Diskurs entstehen, da beide in ihrer Ursprungsbedeutung ein “Auseinanderlaufen” der Gesprächspartner implizieren würden; echte Kommunikation entstehe im Dialog, im "miteinander reden", im "sich miteinander verständigen". In einer kaum mehr überschaubaren, gleichsam viele Welten in sich bergenden Welt, werde der Mensch angesichts der Undurchschaubarkeit und Undurchdringbarkeit dieser vielen Welten - auch der Sprachwelten - auf seine Existenz zurückgeworfen. Das Verbindende in diesem Viele-Welten-Chaos sei “die unmittelbare Endlichkeitserfahrung des Menschen, wie Sterblichkeit, Angst, Gebrechlichkeit und Verzweiflung.” Erst auf der Basis, daß der Mensch als bedingtes und schwaches Wesen sub specie aeternitatis wahrgenommen wird, könne ein neuer Kommunikationsprozeß in Gang kommen.

In einem dogmatischen Referat lotete Professor Heinz die Möglichkeit einer nicht-antijüdischen Christologie aus. Nicht die Gottesfrage oder die Ethik, sondern der Christustraktat entzweie beide Religionen, und dies nicht nur im theologischen Diskurs, sondern in brutalen Pogromen -vorzugsweise anläßlich von Christusfesten wie Fronleichnam. Ein Meilenstein sei das Zweite Vatikanum, das jegliche Antisemitismen und Kollektivschuldbegriffe nicht allein als ethische Untat verurteilte, sondern als theologischen Irrtum. Verschiedene Lösungswege seien bereits versucht worden: so die Relativierung der neutestamentlichen Antijudaismen als soziologisch notwendige Abgrenzung des Frühchristentums; so die Vertagung der Judenmission und Heilsfrage auf den Jüngsten Tag, wenn Christus die Juden “heimholt”; so die Trennung der Heilswege: die einen durch Christus, die anderen ohne ihn. Aber das Skandalon bleibe bestehen, weil Jesus ausdrücklich für alle gestorben ist. Heinz' Vorschlag: Beide Religionen sollten als Dialogprogramm zunächst dem Willen Gottes folgen - und nicht ihrer Selbsterhaltung. Modell unseres Verhältnisses zum Judentum sollte Paulus sein: Er halte daran fest, daß Gottes Erwählung unwiderruflich ist - sowohl gegenüber Israel als auch gegenüber der Kirche. Um der Rettung der Juden willen wolle er sogar
von Gott verflucht und von Christus getrennt sein. Der erste Theologe werfe für seine ehemaligen Glaubensgeschwister sogar seinen Christusglauben in
die Waagschale! Das, so Heinz, sei wahre Christologie. Muß nicht erst einmal der Weg des Umdenkens bei den Christen selbst beginnen, bevor ihnen eine Begegnung mit den Juden möglich wird?
In welche Tiefe eine Begegnung zwischen Juden und Christen führen kann, zeigte sich an diesem Seminar-Wochenende nicht zuletzt in der Liturgie des Sabbatabends und in der Feier der Eucharistie, an der Rabbi Signer als Gast teilnahm, um die Christen am Ende des Gottesdienstes zu segnen. Warum er das tat? "Ich bin", so antwortete Signer, "kein Kleriker. Ich kenne die christlichen Sakramente und den christlichen Gottesdienst. Im Jahre 1989 hat es angefangen. Ich wurde gefragt, ob ich eine christliche Gemeinde segnen würde. Ich habe sie gesegnet. Gestern wurde ich gefragt, und ich segnete. Es war wieder eine neue Erfahrung. Als ich Sie das Brot brechen sah und sah, wie Sie das Brot an den Nächsten weiterreichten, da erlebte ich dieselbe Realität, die ich mit dem geistlichen Gehalt des 'Volk Israel' verbinde. Es gibt im Judentum meiner Ansicht nach noch nicht viele, die die Brücke zu Ihnen überqueren. Warum ich das mache? Ich ordne die Menschen nicht ein, frage nicht, wie alt ist er, wieviel verdient sie, welche Hautfarbe hat jemand. Ich vermeide Konfrontation. Meine Methode ist, die richtige Fragestellung zu klären, statt vorschnelle Antworten zu geben. So bleibe ich mit meinem Gesprächspartner im Gespräch und lerne Menschen kennen und verstehen. Dadurch reife ich und dadurch reift auch der andere. So haben beide einen Gewinn von dieser Begegnung. Sehen Sie die vergangenen Tage. Was hat sich ereignet? Wir begehen gemeinsam den Sabbat, ich werde von meinen Freunden gesegnet, ich segne Sie. Das halte ich für ein bedeutsames Ereignis."

Andre Kraus