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UPD 153/12 - 02.10.2012

Ein "Baumeister" der Augsburger Physik verabschiedet sich

Prof. Dr. Bernd Stritzker, seit 1990 Inhaber des Augsburger Lehrstuhl für Experimentalphysik IV, "Vater" der Augsburger Materialwissenschaften und Initiator und langjähriger Leiter des Anwenderzentrums Material- und Umweltforschung (AMU), verabschiedet sich in den Ruhestand.


Augsburg/KPP - Nachdem er bereits noch im Juli 2012 zusammen mit Kollegen und Freunden seinen 65. Geburtstag samt Ausstand gefeiert und - zur auch wissenschaftlichen Feier dieser Anlässe - Experten aus ganz Deutschland zu einem internationalen Workshop auf einem seiner Spezialgebiete - der Ionenstrahlphysik - eingeladen hatte, hat sich Prof. Dr. Bernd Stritzker Ende voriger Woche nun endgültig in den Ruhestand verabschiedet. Mit Stritzker geht ein Angehöriger der ersten Augsburger Physiker-Generation: Seit 1990 war er Inhaber des damals erstmals besetzten Lehrstuhls für Experimentalphysik IV an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, an der kurz zuvor - zum Wintersemester 1989/90 - der neue Diplomstudiengang Physik gestartet war.

Bernd Stritzker kam vor 22 Jahren an die Universität Augsburg, nachdem er 22-jährig sein Physik-Studium an der Universität Karlsruhe mit dem Diplom an der Universität Karlsruhe abgeschlossen, drei Jahre später dort promoviert und sich sechs Jahre darauf 1979 an der Universität zu Köln habilitiert hatte. Unmittelbar nach dem Diplomabschluss begann bereits seine zwanzigjährige Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität zu Köln und am Forschungszentrum Jülich - unterbrochen von einem knapp zweijährigen Forschungsaufenthalt in den Jahren 1979/80 in der Solid State Division des Oak Ridge National Laboratory in den USA. 1989 lehnte er einen von der dortigen Universität und vom Institut für Neue Materialien (INM) an ihn ergangenen Ruf nach Saarbrücken ab, um stattdessen dem annähernd zeitgleichen Ruf an das junge Physik-Institut der Universität Augsburg zu folgen. Dieser Entscheidung blieb er auch treu, als ihm 1998 ein gemeinsamer Ruf des Hahn-Meitner-Instituts und der TU Berlin die Chance geboten hätte, von der bayerisch-schwäbischen in die Bundeshauptstadt zu wechseln.

Der Physik-"Baumeister"

Mit ausschlaggebend für diese Entscheidung Stritzkers könnte das Herzblut gewesen sein, das er von Beginn seiner Augsburger Zeit an in den buchstäblichen (Auf-)Bau der Augsburger Physik investierte: Für alle Neubauten, die in Form zweier großer Instituts- und Laborgebäude, einer Teilbibliothek und in Form des Physik-Hörsaalzentrums während der 1990er Jahre rasant emporwuchsen und die nicht nur den frühzeitigen Umzug des Physik-Instituts von den räumlichen Provisorien am Standort "Alte Universität" auf den Campus möglich machten, sondern auch die zügige und erfolgreiche Implementierung des neuen Zentrums für Elektronische Korrelationen und Magnetismus (EKM) ins Augsburger Physik-Institut, zeichnete Stritzker als Baubeauftragter seiner Fakultät wesentlich mit verantwortlich.

Materialwissenschaft und AMU

Diese über mehrere Jahre hinweg währende handfest-"baumeisterliche" Herausforderung hinderte Bernd Stritzker nicht daran, auch den inhaltlichen Ausbau der Augsburger Physik und ihre Profilierung mit voranzutreiben: Dass im Jahr 2000 neben dem Physik-Studium auch ein Diplomstudiengang in Materialwissenschaften eröffnet werden konnte, ging maßgeblich auf Stritzkers Initiative und Engagement zurück, ebenso - im Zuge der damaligen "High Tech Offensive (HTO) Bayern" - die Einwerbung des Projekts "Anwenderzentrum Material- und Umweltforschung" (AMU) . Ganz im Sinne Stritzkers - "neben der Grundlagen-Physik war die praktische Anwendung für mich stets gleichberechtigtes Anliegen", sagt Stritzker und verweist dabei u. a. auf zehn Patente, die er innehat, und auf die von ihm mitgegründete AxynTeC Dünnschichttechnik GmbH - hat sich das AMU im vergangenen Jahrzehnt als Aushängeschild fruchtbarer Kooperation zwischen universitärer Forschung und Industrie einen Namen gemacht. Das AMU hat sich als eines derjenigen HTO-Projekte bewiesen, die nachhaltig - und sich längst selbst finanzierend - den Intentionen der damals aus Privatisierungserlösen anschubfinanzierten Initiative des Freistaats in vollem Umfang gerecht geworden sind.

Über 450 Publikationen

All diese Herausforderungen konnten Bernd Stritzker nicht daran hindern, nach den "43 Physiker-Dienstjahren, die ich auf dem Buckel habe", über 450 Publikationen vorzuweisen - vorwiegend in seinen speziellen Arbeitsgebieten:

  • Physik dünner Schichten
  • Plasma-, Ionen- und Laserstrahltechniken
  • Ionenanalyse
  • Epitaxie, Diffusion, amorphe Schichten
  • HTS-Schichten
  • Hartstoffbeschichtungen
  • Diamant- und SiC-Schichten
  • Fulleren-Schichten
  • Ferroelektrische Schichten und
  • optische und magnetische Eigenschaften von vergrabenen Nanokristalliten
  • biokompatible und antibakterielle Beschichtung von medizinischen Implantaten

Aktiv für die MRS und die E-MRS

Im Rückblick empfindet es Stritzker, der sein wissenschaftliches Leben lang im Vorstandsrat der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) aktiv war, als besondere Anerkennung, dass ihm im Jahr 2000 als erstem Europäer die Ehre zuteil wurde, als Meeting Chair für das große Fall Meeting der Materials Research Society (MRS) mit rund 5.000 Teilnehmerinnen und 35 paralleln Symposien verantwortlich zeichnen zu dürfen. Auch an die beiden "Materials Science Fora on Future Sustainable Technologies" (MATFORUM I und II) denkt Stritzker gerne, die er gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Dr. Armin Reller (Wissenschaftszentrum Umwelt/Lehrstuhl für Ressourcenstrategie) 2002 und 2004 an der Universität Augsburg veranstaltet hat - unterstützt sowohl von der MRS als auch von der E-MRS, der European Materials Research Society, die Stritzker selbst über eine Amtsperiode hinweg als Präsident leitete.

Zum Ausstand versammelte sich nochmals die "Ionen-Community"

Die Organisation einer Tagung gönnte sich Bernd Stritzker dann auch anlässlich seines 65. Geburtstags und seines Wechsels in den Ruhestand zum Ende des vergangenen Sommersemesters nochmals: 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten am 10. und 11. Juli 2012 seiner Einladung zum 11. Workshop Ionenstrahlenphysik. Von Stritzker initiiert und organisiert, hatte auch das erste dieser seither alljährlich stattfindenden Treffen der deutschen "Ionen-Community" im Oktober 2001 in noch wesentlich kleinerem Rahmen an der Universität Augsburg stattgefunden. "Es war schön zu sehen, was aus den relativ bescheidenen Anfängen von vor rund zehn Jahren geworden ist und wie sich der Ionenstrahlworkshop als das zentrale Forum dieses Arbeitsgebiets etabliert hat, in dem zuletzt jetzt rund fünfzig Arbeitsgruppen ihre Projekte und neuesten Forschungsergebnisse vorstellten, offene Probleme aufzeigten und künftige Entwicklungen diskutierten.", resümiert Stritzker.

Durch eine umweltfreundliche Ionen- und Plasmabehandlung können Oberflächen von Materialien funktionalisiert und hinsichtlich ihrer mechanischen, optischen, elektrischen, katalytischen oder thermischen Eigenschaften bedarfsgerecht optimiert werden. So lässt sich u. a. die Korrosionsbeständigkeit oder auch die Biokompatibilität von Materialien erhöhen. Das enorme Anwendungspotential ionenbasierter Oberflächenveredelungsmethoden reicht von der Verlängerung der Lebensdauer von Werkzeugen bis zur Verbesserung des Einwachsverhalten medizinischer Implantate, und Stritzker betont: "Allein dadurch bereits, dass wir mit unseren Methoden umweltproblematische Beschichtungsverfahren obsolet machen, leisten wir einen wesentlichen Beitrag zu Nachhaltigkeit und zu einem zukunftsfähigen Umgang mit unserer Umwelt."

Dass ihm dieses Anliegen auch in Zukunft nicht abhanden kommen wird, gibt Bernd Stritzker in seiner Abschiedsansprache zu erkennen: Die nach so vielen Jahren mit dem Abschied unweigerlich verbundene Wehmut werde nicht zuletzt von der Hoffnung gedämpft, "dass ich immer mal wieder vorbeischauen, meine Kollegen und Doktoranden sehen und von ihnen die neuesten Ergebnisse erfahren kann."

Der Bachelor macht den Abschied leichter

Aber da ist auch noch etwas, was dem notorischen Forscher, der nie minder zugleich engagierter akademischer Lehrer war, den Abschied dann doch zugleich auch etwas leichter macht: "Durch die Einführung des Bachelor-/Mastersystems geht für die Studenten ein wesentliches Grundprinzip unseres Studiums verloren, nämlich die Eigenverantwortung für ihr individuelles Studium. Wir haben jetzt einen Lehrplan wie an den Schulen. Jede Vorlesung muss abgeprüft werden, zu dieser Prüfung muss man den Stoff parat haben, anschließend kann man ihn getrost vergessen, denn eine Gesamtprüfung wie das Diplom gibt es nicht mehr. Meine vielen amerikanischen Freunde in der Wissenschaft halten uns für total verrückt, dass wir uns auf ihr System - und dann auch nicht mal richtig - eingelassen haben."
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Foto zu dieser Pressemitteilung:

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