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UPD 154/13 - 15.08.2013                                 Meldung als pdf

Fit for Change: Gesellschaftlichen Wandel besser verstehen und konstruktiv gestalten

Die beiden Augsburger Teilprojekte des neuen bayerischen Forschungsverbundes ForChange zielen auf nachhaltigere Marktstrukturen und gelingende Politikberatung unter den Bedingungen von Denationalisierung und Globalisierung.


Augsburg/KPP - Mit gleich zwei Projekten des Wirtschaftsinformatikers Prof. Dr. Andreas Rathgeber (Institut für Materials Resource Management) und des Politikwissenschaftlers Prof. Dr. Christoph Weller (Friedens- und Konfliktforschung) ist die Universität Augsburg an dem neuen geistes- und sozialwissenschaftlich ausgerichteten bayerischen Forschungsverbund "Fit for Change" (ForChange) beteiligt. Die insgesamt 13 Teilprojekte dieses interdisziplinären Verbundes werden in den kommenden vier Jahren vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit über 2,7 Mio. Euro gefördert werden.

Angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche untersuchen die Fit for Change-Projekte gegenwärtige Veränderungsprozesse in ihren systematischen Wechselwirkungen. Sie nehmen dabei in Form konkreter Forschungsvorhaben Aspekte wie etwa den Klimawandel, die Ressourcenknappheit, die Finanzkrise, die Arbeitsunsicherheit oder den demografischen Wandel in den Blick. Begleitend dazu werden die Wandlungsprozesse aus Sicht der Philosophie und Ethik beleuchtet. Der Begriff der Resilienz, der "Anpassungs- und Überlebensfähigkeit" im weitesten Sinn umschreibt, verbindet als roter Faden alle Teilprojekte. Das verbindende Forschungsinteresse richtet sich also auf die Kompetenzen und Ressourcen, die Menschen und Institutionen dazu befähigen, komplexe gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu verstehen, zu bewältigen und positiv zu gestalten.

Die beiden Augsburger der 13 ForChange-Projekte, die aus 65 Bewerbungen ausgewählt wurden, wenden sich in diesem Kontext zwei Fragen von globaler Bedeutung zu: Wie kann die Gesellschaft dazu befähigt werden, hochstrukturierte Märkte besser verstehen und dementsprechend besser steuern zu können? Und wie sehen wissenschaftlichen Beratungsformate aus, die auf der Basis einer Reflexion ihrer eigenen Möglichkeiten und Grenzen in der Lage und geeignet sind, Außenpolitik als Scharnier zwischen gesellschaftlicher Krisenwahrnehmung und internationaler bzw. globalisierter Krisenbearbeitung zu unterstützen.

Fluch und Segen der (Finanz- und Rohstoff-)Märkte

"Mit unserem Teilprojekt 'Fluch und Segen der (Finanz- und Rohstoff-)Märkte'", erläutert Prof. Dr. Andreas Ratgeber, "wollen wir dazu beitragen, dass die Gesellschaft das Wirken gerade von hochstrukturierten Märkten besser versteht und dadurch deren Leistungen für die Gesellschaft bzw. deren Defizite erkennen kann, um darauf aufbauend gerechtere oder nachhaltigere Marktstrukturen zu etablieren." Denn solch hochstrukturierte Märkte - etwa die Finanz- und die Rohstoffmärkte würden für die Gesellschaft immer wichtiger. Die aktuelle Finanzkrise und die Spekulation mit Lebensmitteln seien nur zwei der bekanntesten Beispiele. Bisher beschränke sich die wissenschaftliche Analyse dieser Märkte weithin auf eine reine Beschreibung ihres Verhaltens oder auf eine abstrakte Kritik an ihren Auswirkungen.

"Um darüber hinauszukommen und dieses komplexe Thema ganzheitlich erfassen zu können, werden wir in unserem Projekt quantitative Methoden der Finanzwirtschaft erstmals mit qualitativen Methoden aus Philosophie und Politikwissenschaft kombinieren", erläutert der studierte Ökonom und Mathematik Rathgeber, der das Projekt zusammen mit Benedikt Gleich, einem studierten Wirtschaftsinformatiker und Philosophen, am Institut für Materials Resource Management (MRM) der Universität Augsburg bearbeitet, um mit diesen Forschungen an der Schnittstelle von Wirtschaft, Gesellschaft und Technik nicht zuletzt auch das MRM-Institut weiter als breit aufgestelltes interdisziplinäres Forschungszentrum zu profilieren.

Reflexive Politikberatung

Das Projekt "Reflexive Politikberatung" von Prof. Dr. Christoph Weller (Lehrstuhl für Politikwissenschaft/Friedens- und Konfliktforschung) und seiner Mitarbeiterin Charlotte Rungius setzt bei der Einsicht an, dass gerade die Außenpolitik bei der Bearbeitung globaler Problemstellungen auf differenzierte wissenschaftliche Politikberatung angewiesen ist. "Das Gelingen der entsprechenden Wissensvermittlung ist aber sehr voraussetzungsreich und anspruchsvoll, insbesondere wenn die Erwartung damit verbunden wird, Wandel zu initiieren", betont Weller. Ziel müsse dementsprechend ein verbessertes Verständnis solcher Vermittlungsprozesse sein. V. a. gehe es darum herauszufinden, unter welchen Voraussetzungen Politikberatung effektiv dazu beitragen kann, die Resilienz, also die Anpassungsfähigkeit von Gesellschaften und gesellschaftlichen Teilsystemen zu steigern.

Erforderlich scheine dies, so Weller weiter, insbesondere angesichts der zunehmenden Denationalisierung von Problemlagen und wachsender globaler Herausforderungen: Klima, Rohstoffe, Finanzmärkte, Wachstum, Verteilungsungerechtigkeit, Demographie etc. Wesentliche Beiträge zur Bewältigung solcher Herausforderungen müssten heute in inter- und transnationalen Formaten geleistet werden, und diese würden zumeist von Regierungen dominiert. "Daher ist Außenpolitik das zentrale Scharnier zwischen gesellschaftlicher Krisenwahrnehmung auf der einen und internationaler Krisenbearbeitung auf der anderen Seite und deswegen stehen im Zentrum unseres Forschungsinteresses Institutionen, Interaktionsstrukturen und Wissensressourcen, die der Beratung deutscher Außenpolitik mit Blick auf die Bearbeitung globalisierter Problemfelder dienen sollen", erläutert Weller und formuliert als konkrete Forschungsfragen: "Welcher Wandel lässt sich in der Außenpolitik-Beratung beobachten? Wodurch wird der Wandel initiiert? Und wo lassen sich Elemente einer reflexiven Beratung erkennen, einer Beratung also, die in der Lage ist, die eigenen Potenziale und Beschränkungen zu thematisieren und damit Voraussetzungen für eine erhöhte Anpassungsfähigkeit der jeweiligen Beratungsprozesse zu schaffen?"

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Ansprechpartner:

Prof. Dr. Andreas Rathgeber

Institut für Materials Resource Management

Universität Augsburg

Telefon 0821/598-4810

andreas.rathgeber@mrm.uni-augsburg.de

 

Prof. Dr. Christoph Weller

Lehrstuhl für Politikwissenschaft/Friedens- und Konfliktforschung

Universität Augsburg

Telefon 0821/598-5614

christoph.weller@phil.uni-augsburg.de

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Mehr zu ForChange (BayFOR News, August 2013, S. 8): 

http://megastore.uni-augsburg.de/get/WUJ8Eu_PYx/