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UPD 209/13 - 12.11.2013                                 Meldung als pdf

"Ich wollte einfach nicht, dass die Nazis im Nachhinein Recht behalten."

Dr. Ulrich Hohoff, Leiter der Universitätsbibliothek Augsburg, zum Tod des Sammlers der "Bibliothek der verbrannten Bücher", Georg P. Salzmann


Augsburg/KPP - Mit Betroffenheit hat die Universität Augsburg davon erfahren, dass am am vergangenen Samstag, dem 9. November 2013, Georg P. Salzmann im Alter von 84 Jahren in Locham bei München verstorben ist. Vor vier Jahren hat Salzmann seine von ihm über Jahrzehnte hinweg gesammelte "Bibliothek der verbrannten Bücher" - rund 11.000 Bände von Autorinnen und Autoren, die während des NS-Regimes verfemt waren - zur Auswertung und zur Präsentation im Sinne historisch-politischer Bildung in die Obhut der Universitätsbibliothek Augsburg gegeben. Zum Tod von Georg P. Salzmann schreibt der Direktor der Universitätsbibliothek Augsburg, Dr. Ulrich Hohoff:

"Der Kaufmann Georg P. Salzmann hatte in den 1970er Jahren damit begonnen, in Erstausgaben die Werke jener Autoren zu sammeln, die während des NS-Regimes verfemt waren. Nach 40 Jahren besaß er das Gesamtwerk von ca. 80 Schriftstellern nahezu komplett - und damit die umfangreichste private Sammlung zum Thema mit sehr vielen seltenen Titeln.

Sein Motivation, diese Bücher zu sammeln, fasste Salzmann einmal so zusammen: "Ich wollte einfach nicht, dass die Nazis im Nachhinein Recht behalten."

Beginnend mit der "Bücherverbrennung" durch nationalsozialistisch dominierte Studentenorganisationen am 10. Mai 1933 durfte ein großer Teil der deutschen Literatur seinerzeit in Deutschland nicht mehr verlegt und nicht mehr verkauft werden. Betroffen waren Autorinnen und Autoren, die der Parteilinie nicht entsprachen, z. B. weil sie Juden waren oder als "jüdisch versippt" galten, weil sie gegen den Militarismus schrieben und für die Demokratie oder für den Sozialismus eintraten. Sie wurden mundtot gemacht. Viele emigrierten, manche wurden ermordet, andere begingen in auswegloser Lage Selbstmord. Zahlreiche "verbrannte Schriftsteller" hatten enge Verbindungen nach Bayern, z. B. Bertolt Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf und Anette Kolb.

Salzmann setzte sich dafür ein, dass diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller wieder gelesen wurden. Wissenschaftler konnten ihn zuhause in seiner Sammlung besuchen, er organisierte Lesungen und er stellte für zahlreiche Ausstellungen Leihgaben zur Verfügung.

In der Universitätsbibliothek Augsburg sind heute alle Werke der Sammlung Salzmann öffentlich zugänglich (siehe http://www.bibliothek.uni-augsburg.de/salzmann/). Die Sammlung wird laufend ergänzt. Sie hat Forschungsprojekte verschiedener Disziplinen stimuliert, sie ist die Grundlage für Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen zur Bücherverbrennung sowie ein fester Bestandteil der Führungen für Schulklassen.

In den letzten Jahren wirkte Salzmann selbst mehrmals als Zeitzeuge bei Veranstaltungen der Universität mit. Die Konferenz "Censorship & Exile", die im Mai 2013 an der Universität Augsburg von der hiesigen Amerikanistik in Zusammenarbeit mit der University of Texas at Austin veranstaltet wurde, zeigte, dass die Sammlung auch international auf großes Interesse stößt. Das von der Augsburger Germanistin Prof. Dr. Bettina Bannasch in diesem Jahr herausgegebene "Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur" wurde weitgehend anhand des Bestands der Sammlung Salzmann erarbeitet.

Auf vielfältige Weise also führt die Universität Augsburg das Anliegen Georg P. Salzmanns fort, die Autoren "verbrannter Bücher" im kulturellen Gedächtnis präsent zu halten."

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Dr. Ulrich Hohoff
Direktor der Universitätsbibliothek Augsburg
Telefon 0821/598-5300
dir@bibliothek.uni-augsburg.de


Pressefoto zum Download

Salzmann   Legte im Sommer 2010 selbst mit Hand an bei der Einrichtung der für alle Interessierten frei zugänglichen Sondersammlung “Bibliothek der verbrannten Bücher” in der Universitätsbibliothek Augsburg: Georg P. Salzmann, der Sammler dieser rund 11.000 Bände deutscher Schriftstellerinnen und Schriftstelller, die von den Nazis “verbrannt” wurden. Foto: Fred Schöllhorn