Suche

UPD 139/14 - 08.10.2014                                 Meldung als pdf

Sternstunden der Mathematik

Nach über einem Vierteljahrhundert Forschung und Lehre an der Universität Augsburg verabschiedet sich Prof. Dr. Jost-Hinrich Eschenburg mit einer 15-teiligen Vorlesung "für alle" in den Ruhestand.


Eschenburg-TafelAugsburg/KPP - "Es gibt keine Übungen, keine Klausur, keine Leistungspunkte. Willkommen sind Studierende aller Semester und alle, die an Mathematik Interesse haben. Besondere Vorkenntnisse werden nicht erwartet." So kündigt Prof. Dr. Jost-Hinrich Eschenburg, seit 1988 Extraordinarius für Differentialgeometrie am Institut für Mathematik, die 15-teilige Vorlesung an, mit der er sich zum Ende des Wintersemesters dann in den Ruhestand verabschiedet.

Bild: Wenn Professor Eschenburg Mathematik erklärt, wird's spannend. Foto: Peter Neidlinger

Er habe den Titel dieser Vorlesung von Stefan Zweigs "Sternstunden der Menschheit", die im Untertitel als "zwölf historische Miniaturen" beschrieben sind, entliehen. Es gehe in Zweigs Miniaturen, so Eschenburg, "um Geschichte, aber es sind nicht so sehr die bekannten historischen Ereignisse, an die in diesem Buch erinnert wird, sondern etwas verborgene, in denen sich gleichwohl das Weltgeschehen fokussierte, wie die Entdeckung des Pazifik 1513 oder das Schicksal der Familie Suter, auf deren Besitz der kalifornische Goldrausch von 1849 begann, oder die erste Telegrafenleitung über den Atlantik 1858, die gleich wieder verstummte. Stefan Zweig schreibt im Vorwort zu seinem Buch: 'Was ansonsten gemächlich nacheinander und nebeneinander abläuft, komprimiert sich in einem einzigen Augenblick, der alles bestimmt und alles entscheidet.'"

Stationen der mathematischen Ideengeschichte

"Von solchen Ereignissen", so Eschenburg weiter, "hat auch die Wissenschaft und besonders die Mathematik viele zu bieten. Die Entdeckung der komplexen Zahlen durch Raffaele Bombelli um 1572 ist durchaus mit der Entdeckung des Pazifischen Ozeans zu vergleichen, und das Schicksal von Évariste Galois war nicht weniger dramatisch und traurig als das von Johann August Suter." In seiner Abschiedsvorlesung wolle er versuchen, "anhand einer Auswahl von Ereignissen, die ganz von den Interessen und dem begrenzten Wissen des Vortragenden bestimmt ist, mathematische Ideengeschichte nachzuzeichnen. Die einzelnen Ereignisse stehen jeweils für eine ganze Entwicklung, die vorher begonnen hat und nachher weiter entfaltet wird."

15 eineinhalbstündige Sternstunden

Ausgewählt hat Eschenburg 15 dieser Sternstunden der mathematischen Ideengeschichte, und an jedem der 15 Freitage des Wintersemesters wird er sich und seinen Publikum mit einem von ihnen eineinhalb Stunden lang auseinanderzusetzen.

10.10.2014 | 500 v.Chr.: Verhältnis (Proportion) und Unendlichkeit
17.10.2014 | 430 v.Chr.: Quadratwurzeln und Selbstähnlichkeit
24.10.2014 | 220 v.Chr.: Die Rechnung mit dem Unendlichen
31.10.2014 | 1420: Wo schneiden sich die Parallelen?
07.11.2014 | 1545: Die kubische und die quartische Gleichung
14.11.2014 | 1572: Die Zahl, die es nicht gibt
21.11.2014 | 1654: Gott würfelt nicht, aber der Mensch
28.11.2014 | 1799: Der Fundamentalsatz der Algebra
05.12.2014 | 1832: Lösbarkeit und Unlösbarkeit von Gleichungen
12.12.2014 | 1843: Grenzen des Zahlenreichs: Quaternionen und Oktaven
19.12.2014 | 1854: Was ist die Geometrie des Raumes?
09.01.2015 | 1884: Ikosaeder und quintische Gleichung
16.01.2015 | 1915: Relativität: die Lösung eines philosophischen Rätsels
23.01.2015 | 1961: Krümmung und Gestalt
30.01.2015 | 1984: Quasikristalle

Und warum ist der Tannenzapfen schief?

Wenn Mathematikerinnen oder Mathematiker behaupten, dass bei denen, die ihren Ausführungen folgen wollen, Vorkenntnisse nicht erforderlich seien, macht dies Nicht-Mathematikerinnen und Nicht-Mathematiker in der Regel eher skeptisch. Zu bedenken ist im konkret gegebenen Fall allerdings die Tatsache, dass es Jost-Hinrich Eschenburg über die letzten Jahre hinweg stets erfolgreich gelungen ist, Generationen von Girls' Day-Teilnehmerinnen oder auch noch jüngeren Studentinnen und Studenten der Kinderuniversität Augsburg z. B. zu erklären, warum der Tannenzapfen schief ist oder was eigentlich Zahlen sind - und dies so, dass die Kids, denen das von Eschenburg erklärt worden ist, jetzt tatsächlich ihr Leben lang wissen, a) warum der Tannenzapfen schief ist und b) dass Mathematik zwar enorm spannend ist, aber eben kein Horror, sondern wunderschön.

_________________________________

Die Vorlesung "Sternstunden der Mathematik" findet jeweils freitags von 12.15 bis 13.45 Uhr im HS 1001 des Physik-Hörsaalzentrums (Gebäude T), Universitätsstraße 1, 86159 Augsburg statt. Die ist für alle Interessierten bei freiem Eintritt zugänglich.

_________________________________

Pressefotos zum Download:

Eschenburg-Tafel

Wenn Professor Eschenburg Mathematik erklärt, wird's spannend. Foto: Peter Neidlinger











Eschenburg-Zapfen-64745753348

Dank Professor Eschenburg wissen Generationen von Girls' Day-Teilnehmerinnen und viele Studentinnen und Studenten der Kinderuni Augsburg, warum der Tannenzapfen schief ist und was das mit Mathematik zu tun hat. Foto: Peter Neidlinger