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UPD 206/15 - 18.12.2015                                 Meldung als pdf

Ein prägender Musikhistoriker im Nachkriegsdeutschland

Ein Nachruf von Prof. Dr. Franz Körndle auf den ersten Inhaber des Augsburger Lehrstuhls für Musikwissenschaft, Prof. Dr. Franz Krautwurst


Prof. KrautwurstAugsburg - Am 30. November 2015 ist Prof. Dr. Franz Krautwurst, der erste Inhaber des Lehrstuhls für Musikwissenschaft der Universität Augsburg, im hohen Alter von 92 Jahren verstorben. Prof. Dr. Franz Körndle, heute Inhaber der Professur, erinnert im Folgenden an einen Wissenschaftler, der die Musikgeschichte im Nachkriegsdeutschland nachhaltig mitgeprägt hat.

Bild: Prof. Dr. Franz Krautwurst war von 1980 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1988 der erste Inhaber des Augsburger Lehrstuhls für Musikwissenschaft. Foto: privat

Franz Krautwurst, geboren am 7. August 1923, hatte 1939 an der Akademie der Tonkunst in München seine Ausbildung begonnen, 1942 wurde er bis zum Ende des Krieges in den Wehrdienst einberufen. Nach der Rückkehr nahm er das Studium der Musikwissenschaft in München auf, wo Rudolf von Ficker und Thrasybulos Georgiades seine Lehrer waren. Von München aus wechselte er an die Universität Erlangen. Dort wurde er bei Rudolf Steglich im Jahr 1950 mit seiner „Untersuchung zum Sonaten-Satztypus Beethoven, durchgeführt am 1. Satz der 1. Symphonie“ promoviert. 1956 erfolgte die Habilitation mit einer Schrift über „Die Heilsbronner Chorbücher der Universitätsbibliothek Erlangen, Ms. 473, 1-4“. An der 1970 neu gegründeten Universität Augsburg übernahm er Kurse in Musikgeschichte, 1980 wurde hier ein Lehrstuhl für Musikwissenschaft eingerichtet, auf den er als ersten Stelleninhaber berufen wurde und den er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1988 innehatte.

Franz Krautwurst zählte zu den prägenden Musikhistorikern im Nachkriegsdeutschland. Schon früh erlangte er große Bekanntheit mit Beiträgen, die sich penibel mit den Abhängigkeiten in der musikalischen Quellenüberlieferung - so genannten Stemmata - auseinandersetzten und für weitere einschlägige Forschungen vorbildlich wirkten. Für die erste Auflage der großen Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ verfasste er zahlreiche Artikel. Die Beschäftigung mit den Kleinmeistern und der Regionalforschung prägte Schwerpunkte in seinem Schaffen aus. Ohne seine grundlegenden bibliographischen Werke - darunter „Das Schrifttum zur Musikgeschichte der Stadt Nürnberg“, 1964, und die „Bibliographie des Schrifttums zur Musikgeschichte der Stadt Augsburg“, 1980 - wäre die moderne Forschung zum Musikleben der süddeutschen Reichsstädte oder zu den Komponisten Hans Leo Hassler und Konrad Paumann, zu denen er substantielle Beiträge in der Reihe „Fränkische Lebensbilder“ lieferte, nicht denkbar. Besonders engagierte sich Krautwurst in der Erforschung des Lebens und Werks des fränkischen Benediktiners Valentin Rathgeber (1982-1750), dessen vierbändiges „Ohren-vergnügendes und Gemüth-ergötzendes Tafel-Confect“ in Augsburg erschien. In seiner Augsburger Zeit gab Krautwurst zudem das „Augsburger Jahrbuch für Musikwissenschaft“ und später das „Neue Musikwissenschaftliche Jahrbuch“ heraus. Zuletzt befasste er sich mit der Musikgeschichte des Baltikums.

Franz Krautwurst erhielt für sein Wirken bereits 1961 den Förderpreis der Stadt Nürnberg und 2007 den Wolfram-von Eschenbach-Preis des Bezirks Mittelfranken. Im Jahr 2008 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Die Valentin-Rathgeber-Gesellschaft ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied.

Wer Franz Krautwurst begegnete, lernte ihn als liebenswerten, bescheidenen und zurückhaltenden Menschen kennen. In Forschung und Lehre verfügte er über eine enorme Breite, die er auch von seinen Studentinnen und Studenten einforderte. Dem leidenschaftlichen Hochschullehrer war es ein echtes Anliegen, stets als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. In seiner gründlichen Arbeitsweise waren ihm Spekulationen ebenso unsympathisch wie sich stets selbst erneuernde Methodendiskussion. Auf Kritik konnte er mit großer Gelassenheit reagieren. Wiederholt unternahm er Versuche, seine reichhaltige Bibliothek aus Platzgründen zu reduzieren. Dafür gab er Exemplare an Studierende ab, freilich immer unter der Bedingung, dass eine knifflige Fachfrage gelöst werden musste, etwa ein Rätselkanon, den er selbst aufgesetzt hatte.

Und nur wenige wissen, dass Franz Krautwurst auch dem Komponieren zugeneigt war und dass er bis in die letzten Jahre hinein noch liturgische Werke schuf. 

Diejenigen, die ihn kannten und erlebten, die bei ihm studiert und die mit ihm zusammen Musikwissenschaft gemacht haben, werden Franz Krautwurst ein bleibendes Andenken bewahren.

 

Franz Körndle