Berichte

Bleibt Deutschland weiterhin Japans Modell?

Zur Vergangenheitsbewältigung in Japan auf dem Hintergrund der deutsch-japanischen Beziehungen

Von Kimiko Murakami

Für mehr als sieben Jahrzehnte war Deutschland in vielen Bereichen das Vorbild Japans. Als 1867 mit der Meiji-Restauration die Modernisierung unseres Insel-Reiches begann und wenige Jahre später, 1870/71, durch Bismarcks diplomatisch-militärischen Sieg über Frankreich das neue Deutsche Reich zur stärksten Macht auf dem europäischen Kontinent aufstieg, nahm sich die japanische Regierung die Verfassungen Preußens und des Deutschen Reiches zum Modell für den Umbau Japans zu einem modernen Staat.

Für die künftigen Beziehungen zwischen Japan und Deutschland war nicht nur diese politische und militärische Vorbildfunktion des Bismarck-Reiches von großer Bedeutung. Auch in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen orientierte Japan seinen Modernisierungsprozeß an Deutschland. Da die deutsche Wissenschaft auf vielen Feldern eine führende Position in der Welt einnahm, erfolgte der Auf- und Ausbau der ersten staatlichen Universität Japans, der Kaiserlichen Universität Tokio, unter maßgeblichem deutschen Einfluß und mit Hilfe deutscher Professoren - vor allem im Bereich der Juristischen, Medizinischen, Naturwissenschaftlichen, Philosophischen und Technischen Fakultäten. Damit erlangte die deutsche Kultur einen privilegierten Platz in der weiteren gesellschaftlichen und politischen Entwicklung Japans.
Der hier abgedruckte Beitrag stellt die gekürzte Fassung eines Manuskripts dar, das Professor Murakami (Tokio) im Sommersemester 1997 an der Universität vorgetragen hat. Im Zentrum der anschließenden Diskussion standen vor allem Fragen der Vergangenheitsbewältigung in Japan und Deutschland. Der Zufall wollte es, daß unmittelbar nach dem Vortrag von Frau Murakami im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe der Universität und der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Augsburg und Schwaben e. V. ein Germanist aus Tokio zur japanischen Außen- und Kriegspolitik seit dem späten 19. Jahrhundert referierte, der genau die ultranationalistischen Positionen vertrat, die Frau Murakami in ihrem Vortrag kritisch skizziert hatte. Während an einer benachbarten Hochschule dieses revisionistische Geschichtsbild ohne Einwände hingenommen wurde, fand es sowohl von Frau Murakami wie einer zweiten jüngeren Germanistin aus Japan (und deutschen Hörern) eindeutigen Widerspruch. Ein japanischer Wissenschaftler verließ aus Protest den Hörsaal.
Josef Becker

Trotz der Teilnahme Japans am Ersten Weltkrieg auf der Seite der westlichen Alliierten gingen auch in den 1920er Jahren die stärksten Einflüsse aus dem Ausland auf die Japaner von der deutschen Kultur aus. Die Kenntnis der deutschen Literatur und der deutschen Philosophie blieben ein Bildungsmerkmal der japanischen Elite. Unter den jüngeren Sozialwissenschaftlern Japans rückte nach der sowjetischen Oktoberrevolution von 1917 die Theorie von Marx und Engels in einen Brennpunkt des Interesses. Im Rahmen der sogenannten Proletarier-Literatur-Bewegung wurden sowohl die theoretischen Schriften von Sozialismus und Marxismus als auch die Werke der sozialkritischen und sozialistischen deutschen Arbeiterliteratur ins Japanische übersetzt und gelesen. Andere Soziologen entdeckten die Werke von Max Weber. Japanische Philosophen wurden vor allem von Husserl und Heidegger angezogen. Zahlreiche Werke der deutschen Literatur erschienen in japanischen Übersetzungen. Nicht nur die Klassiker wie Lessing, Goethe und Schiller, sondern auch die zeitgenössische Literatur, Kriegsromane und selbst Trivialromane wurden übersetzt und gut verkauft. Die höchste Auflage erreichte der Antikriegsroman “Im Westen nichts Neues” von E. M. Remarque.

Anfang der 30er Jahre befanden sich Deutschland und Japan in einer ähnlichen Situation. Beide waren wirtschaftlich angeschlagen; ihre Eliten waren zutiefst enttäuscht über die politische Rolle, die beide Länder in der Weltordnung nach 1918 spielen konnten. Das Kaiserreich fühlte sich von den Westmächten, seinen Alliierten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, betrogen und im Stich gelassen, da das asiatische Japan nach 1918 neben den “weißen” Siegern von 1918 - Großbritannien, den USA und Frankreich - nicht als gleichberechtigte Weltmacht Anerkennung fand. Die nationalistischen Tendenzen nahmen zu, und mit ihnen verstärkten sich die Tendenzen zur Vergöttlichung des Tennos. Die Abwendung von der Demokratie und die Hinwendung zu autoritären bzw. totalitären Staats- und Gesellschaftsvorstellungen während der Weltwirtschaftskrise in Deutschland hatten so - mutatis mutandis - ihre Parallelen in Japan. Allerdings vollzog sich der Systemwechsel in unserem Land nicht so drastisch und mit so weitreichenden Konsequenzen wie unter dem NS-Regime Hitlers.

Zum Zeitpunkt der Machtergreifung Hitlers war das Inselreich seit dem Eindringen einer selbständigen japanischen Heeresgruppe in die Mandschurei (1931) und durch die daraufhin - wegen der Verletzung der Hoheitsrechte Chinas - verhängten Sanktionen des Völkerbunds außenpolitisch isoliert. Es war daher nicht überraschend, daß sich die Beziehungen zwischen den beiden revisionistischen Mächten in Asien und Europa - Japan und dem nationalsozialistischen Deutschland - verdichteten und 1936 in dem gegen die Sowjetunion gerichteten Antikominternpakt einen ersten Höhepunkt fanden. Ein Japanisch-Deutsches Kulturabkommen folgte 1938. Danach liefen die nationalsozialistischen Propaganda-Aktivitäten in Japan auf Hochtouren. Japanische Germanisten wurden für den Kulturaustausch engagiert. Hitlers Buch “Mein Kampf” wurde 1942 ins Japanische übertragen und mit höchsten Empfehlungen herausgegeben. Die Germanisten der Kaiserlichen Universität Tokio übersetzten systematisch die Werke der Literaten, die im “Dritten Reich” Hochkonjunktur hatten.

Ob viele Japaner aber wirklich vom Nationalsozialismus fasziniert waren, scheint mir fraglich. Ich bin auch nicht sicher, ob der Nationalsozialismus in Japan überhaupt verstanden wurde. Wenn man von den sprachkundigen Germanisten und einem kleinen Teil der Eliten absieht, konnten die meisten Japaner damals nicht viel von den Vorgängen im “Dritten Reich” wissen und nicht richtig verstehen, was in Deutschland geschah. Sie akzeptierten die neuen Bilder, die nach 1933 aus Hitlers Reich kamen, nicht, weil sie nationalsozialistisch waren, sondern einfach, weil sie aus Deutschland kamen.

Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und Japans 1945 brach der Kontakt zwischen beiden Ländern für einige Zeit ab. Die einschneidende Schulreform nach amerikanischem Modell mit einer sprunghaften Vermehrung der Universitäten im Gefolge brachte den japanischen Germanisten bzw. Deutschlehrern florierende Berufschancen. Erste Fremdsprache an den Universitäten wurde jetzt Englisch, aber mehr als die Hälfte der Studenten wählten als zweite der obligatorischen Fremdsprachen Deutsch, so daß der wissenschaftlich-kulturelle Einfluß Deutschlands auch weiterhin gute Voraussetzungen hatte.

Das positive Deutschland-Bild blieb auch in dem demokratischen Japan nach 1945 erhalten. Es wurde durch das Mitgefühl der Japaner für die Deutschen als Mit-Verlierer des Zweiten Weltkriegs verstärkt. Dazu hat in der Nachkriegszeit indirekt die Übersetzungsflut von Büchern deutscher Autoren beigetragen, deren Werke während des Krieges nicht zu kaufen waren. Die größten Namen waren Th. Mann, H. Hesse und etwas später F. Kafka. Darüber hinaus erschienen auf dem japanischen Buchmarkt Publikationen vieler anderer deutscher Autoren. Für die Kinder wurden unter anderem Werke von Erich Kästner übersetzt. Der einflußreiche Germanist Takahashi, der vor 1945 vor allem die NS-Schriftsteller R. Binding und E. E. Dwinger in Japan bekannt gemacht hatte, übersetzte nun Hesse und Kästner. Später schrieb er eine Biographie von Kästner und wurde 1968 Vorsitzender des PEN-Clubs von Japan. Auch andere Germanisten, die man in den Jahren vor 1945 als NS-konform bezeichnen kann, verschwiegen fast ausnahmslos ihre Tätigkeit während des Krieges und betonten nun ihre Stellung als “Humanisten”. (Vergleichbare Phänomene sind ja auch in Deutschland in den letzten Jahren Gegenstand der wissenschaftlichen und der politischen Diskussion gewesen - wie zum Beispiel der Fall des Erlangen-Aachener Germanisten H. Schwerte).

Neue Akzente in der japanischen Deutschland-Perzeption setzte dann eine jüngere Generation. Nicht wenige Schüler der bis 1945 und in den ersten Nachkriegsjahren dominierenden Germanisten schlossen sich den pazifistischen Bewegungen von Sozialisten oder Kommunisten an. Sie bemühten sich auch, die deutsche “Widerstandsliteratur” ins Japanische zu übersetzen. Darstellungen der deutschen Widerstandskämpfer erschienen früh auf dem japanischen Buchmarkt. Schon in den 50er Jahren wurden entsprechende Schriften von G. Weissenborn und von St. Hermlin, außerdem “Die Weiße Rose” von I. Aicher-Scholl ins Japanische übersetzt.

Deutschland, das in Japan bis 1945 durch Nationalsozialisten, Militärs und NS-konforme Literatur vertreten worden war, wurde während der 50er Jahren durch die Widerstandskämpfer und diejenigen Schriftsteller repräsentiert, die Nazi-Deutschland den Rücken gekehrt oder wenigstens mit dem Hitler-Regime nicht zusammengearbeitet hatten. Vermittler dieser beiden Deutschlandbilder waren aber zum Teil immer noch dieselben Germanisten.

Die nationalsozialistische Judenverfolgung nahm die japanische Öffentlichkeit erst etwas später zur Kenntnis. Dazu trugen zwei Bücher besonders bei. Das eine war das “Tagebuch der Anne Frank”, das andere “Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager” von V. Frankl, dem bedeutenden Wiener Psychotherapeuten, der zeitweise in einem Außenlager von Dachau in der Nähe von Augsburg inhaftiert war. Beide - A. Frank wie V. Frankl - wurden allerdings - bezeichnenderweise - von Nicht-Germanisten übersetzt.

Die Brutalität und Unmenschlichkeit der Judenverfolgung hat die Japaner tief betroffen gemacht. Aber man sah darin keinen Widerspruch zu dem positiven Bild der Widerstand leistenden Deutschen, das in den 50er Jahren vermittelt worden war. An allen Untaten war allein der Nationalsozialismus schuld. Diese Sicht entsprach der Tendenz in Japan, alle Verantwortung für die japanische Entwicklung seit den 30er Jahren dem Militarismus und den Militärs zuzuschieben.

Für die japanischen Sozialdemokraten und Kommunisten wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die neue japanische Verfassung zum höchsten Kanon - besonders ihr Artikel 9, durch den Japan Verzicht auf den Krieg als Mittel zur Lösung internationaler Konflikte leistete. Gesellschaftskritische Bewegungen trugen ausnahmslos ausgeprägt pazifistische Züge. Die Unmenschlichkeit des Krieges wurde kritisiert und die Wichtigkeit des Friedens betont. Weniger gefragt wurde nach den Gründen oder den Ursachen von Kriegen. So wurde in Japan Hiroshima neben Auschwitz als Symbol der Unmenschlichkeit des Kriegs verstanden.
Mit diesem Mangel an Differenzierung zwischen Krieg und Holocaust hängt es wahrscheinlich zusammen, daß in Japan während der sogenannten Studentenrevolte am Ende der 60er Jahre der Zweite Weltkrieg kein Thema wurde. 1968 markierte in Japan im übrigen das Ende der politischen Engagements und das Scheitern der Linken in der Nachkriegszeit. Zwar wurden die Werke von H. Marcuse, von W. Benjamin, von Adorno und Horkheimer usw. ins Japanische übersetzt. Aber die deutsche Wissenschaft und Literatur verloren insgesamt an Bedeutung in Japan. Politische Einflüsse blieben bestehen. Die japanische Presse, vom Linksliberalismus geprägt, war z. B. von der SPD-FDP-Koalition unter W. Brandt und von seiner Ostpolitik fasziniert.

Das gewaltsame Ende des Prager Frühlings 1968 hatte eine deutliche Abkehr der japanischen Linksliberalen vom sowjetischen Sozialismus zur Folge. Jetzt erst erregte die Bundesrepublik Deutschland ein größeres Interesse bei den japanischen Linken. Bis dahin hatte man unter den Linksliberalen eher auf die Stimmen aus der DDR gehört. “Westdeutschland” galt in erster Linie als Schützling der USA und wurde daher ähnlich kritisch wie Japan als Bündnispartner Washingtons verworfen.

Eine neue, wichtige Einsicht der japanischen Linksliberalen nach 1968 war die Erkenntnis, daß in der Bundesrepublik “Vergangenheitsbewältigung” ein sehr wichtiges politisches Thema war. Es wurde schmerzlich bewußt, daß die Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte Japans noch gar nicht stattgefunden hatte und daß japanische Politiker mit naiven nationalistischen Äußerungen wiederholt die Länder in Ost- bzw. Südostasien provozierten.

Für den problematischen Umgang der japanischen Regierung mit der eigenen Vergangenheit bieten besonders schlagende Beispiele die Schulbücher. Ein Fall: Anfang der 80er Jahre ließ das Kultusministerium in den Schulbüchern das eindeutige Wort “Invasion” für den Einfall japanischer Truppen auf dem asiatischen Festland mit dem verharmlosenden Terminus “Einzug” umschreiben. Dieses Schulbuch-Beispiel zeigt repräsentativ die Tendenz in den 80er Jahren. In dieser Zeit übte die (in der Nachkriegszeit dominierende) Regierungspartei der Liberal-Demokraten Druck auf die verbliebenen Träger der linksliberalen pazifistischen Bewegung aus, vor allem auf den Gewerkschaftsverband japanischer Lehrer.

Unter der Regierung von Premierminister Nakasone (1982-87) spitzte sich diese nationalistische Revision weiter zu. Nakasone war der erste japanische Ministerpräsident nach dem Zweiten Weltkrieg, der es in den Jahren 1984 und 1985 wagte, offiziell den Yasukuni-Schrein zu besuchen und dort zu beten. Im Yasukuni-Schrein werden alle japanischen Kriegsgefallene seit der Meiji-Restauration als schintoistische Gottheiten angebetet, darunter auch 14 Minister und Generäle, die auf dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Tokio verurteilt und hingerichtet worden waren.
In der Bundesrepublik hielt dagegen zum gleichen Zeitpunkt (am 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation 1985) Bundespräsident v. Weizsäcker seine bekannte Rede, die ein Bekenntnis zur deutschen Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg aussprach und die Versöhnung mit allen ehemaligen Kriegsgegnern unter Verzicht auf Grenzrevisionen als Aufgabe der Politik der Bundesrepublik proklamierte. Für nicht wenige Japaner machte diese Rede erneut den großen Unterschied im politischen Klima beider Länder deutlich.

Nicht nur die Weizsäcker-Rede von 1985, sondern auch den Historiker-Streit der 80er Jahre oder die deutsch-polnischen Schulbuchgespräche haben die gebildeten Schichten in Japan rezipiert. Die Kontroverse um Heideggers Haltung zum Nationalsozialismus und auch die neue Goldhagen-Debatte haben die japanischen Intellektuellen mit Interesse verfolgt. Alle diese Kontroversen in Deutschland hatten zweifellos einen gewissen Einfluß auf japanische Bemühungen, die Probleme der eigenen jüngeren Vergangenheit offen zu diskutieren, zu erforschen und daraus die notwendigen politischen Lehren zu ziehen.
Als der Showa-Tenno, Hirohito (seit 1921 Regent, seit 1926 Kaiser) 1987 starb, nahmen viele Japaner mit Verblüffung zur Kenntnis, daß die internationale Presse kritisch über Hirohitos Lebenslauf und seine Rolle im Zusammenhang mit dem Überfall auf China 1931 und während des Pazifischen Kriegs berichtete. Man mußte sich erneut der Einsicht stellen, daß die “anderen” den Zweiten Weltkrieg nicht vergessen hatten.

Der Mauerfall in Berlin im November 1989 und der schnelle Verlauf der Wiedervereinigung bis zum Oktober 1990 beeindruckte viele Japaner. Die Zustimmung der Nachbarstaaten Deutschlands zur Wiederherstellung der deutschen Einheit wurden mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Für die Japaner wurde klar, daß Deutschland das Vertrauen seiner Nachbarstaaten wiedergewonnen hatte. Das fanden viele Japaner beneidenswert. Denn sie haben das Gefühl, daß Japan politisch immer noch mit Mißtrauen begegnet wird und daß ihr Vaterland in Staaten wie Korea oder China, Thailand oder den Philippinen verhaßt blieb.

Seit dem Beginn der 90er Jahre erhoben Koreaner und Chinesen, die als Zwangsarbeiter für japanische Firmen gearbeitet hatten, Klage vor japanischen Gerichten, um eine Entschädigung zu erlangen. Die meisten Klagen wurden wegen Verjährung abgewiesen. Japanische Juristen, die diese Gerichtsverfahren unterstützten, erhofften für Japan eine ähnliche Gesetzgebung wie das “Bundesergänzungsgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung” in Deutschland.

Bisher die größte Aufregung verursachte die Aufdeckung des Problems der Zwangsprostitution in der japanischen Armee. Wir wußten seit langem, daß in jedem japanischen Truppen-Lager während des Krieges Bordelle eingerichtet waren. Sie wurden euphemistisch “Unterhaltungsorte” genannt, und die Frauen in diesen Bordellen nannte man “Unterhaltungsfrauen”. Daß es darunter viele Ausländerinnen gab, die durch Bedrohung und Betrug zur Prostitution gezwungen wurden, hatte man indessen verdrängt oder bagatellisiert. Zunächst lehnte Tokio die Verantwortung der zivilen oder militärischen Behörden für diese Zwangsprostitution ab. Nur zögernd stellte die Regierung Ermittlungen an mit dem Resultat, daß sie die Verantwortung Japans anerkennen mußte.

Zwar erscheint dieses Eingeständnis für Deutsche (und wohl generell für Europäer im Rahmen ihrer christlichen Traditionen) wahrscheinlich als ganz normal. Für Japan aber bedeutet die Anerkennung einer japanischen Verantwortung das Zeichen einer großen politischen Wende. Das hängt mit dem Schuldbekenntnis zusammen, das der liberal-konservative Premierminister Hosokawa im Sommer 1993 im Hinblick auf die japanische Politik vor 1945 ausgesprochen hat. Diese Wende scheint mir ein Resultat des Generationswechsels in der Politik und in der Verwaltung zu sein. Sowohl die heute führenden Politiker als auch die Beamten in den Ministerien in Japan lernten als Kinder in der Schule die amerikanische Demokratie und einen linksorientierten Pazifismus kennen. Sie erlebten den Verfall des internationalen Sozialismus und die Wiedervereinigung Deutschlands. Sie müssen verstanden haben, daß Vergangenheitsbewältigung unentbehrlich ist, wenn Japan als ein “normales Land” von den Nachbarvölkern anerkannt werden will.

Vor einigen Jahren sind die Vorschriften für die Schulbuch-Prüfungen wesentlich geändert worden. In den neuesten Schulbüchern für japanische Geschichte werden zum Beispiel - was früher nicht möglich gewesen wäre - das Problem der Zwangsprostituierten, das von japanischen Truppen verübte Massaker in Nanking Ende 1937 (mit wenigstens 40 000 Opfern) und die Menschenversuche der Sondereinheit für die Entwicklung biochemischer Waffen erwähnt.

Indirekt unterstützt von der neuen Haltung des Kultusministeriums, haben japanische Geschichtswissenschaftler den Versuch unternommen, mit den Historikern in Korea und China zusammenzuarbeiten, um speziell die neuere Geschichte der wechselseitigen Beziehungen genauer zu erforschen und gerechter darzustellen.

Das führte allerdings zu einer nationalistischen Reaktion. Eine Gruppe von Intellektuellen kritisiert die korrigierten Schulbücher heftig; sie nennen die neue Tendenz falsch und schädlich für das nationale Selbstbewußtsein und den Stolz der Japaner. Sie schlagen eine nationale Geschichtserziehung vor, die den Japanern den Stolz auf ihr Vaterland zurückgeben soll. Bei nicht wenigen Japanern finden die Bestrebungen dieser Gruppe eine große Resonanz. Einer der Initiatoren dieser Gruppe ist ein Germanist, der seine wissenschaftliche Karriere als Spezialist für Nietzsche begonnen hat. Er gehört zu einer Generation von Wissenschaftlern, die sich als junge Studenten am Ende der 50er Jahren politisch sehr engagierten und aus Gründen eines neutralistischen Nationalismus gegen die Verlängerung des japanisch-amerikanischen Sicherheitspakts von 1953 heftig agitierten.

Wenn man in Japan über die Vergangenheitsbewältigung diskutiert, gelangt man notwendigerweise zum Vergleich mit Deutschland. Sowohl den links- bzw. liberalgesinnten Intellektuellen als auch den Beamten in den Ministerien oder den nationalistischen Intellektuellen - allen ist diese Beziehung mehr oder weniger bewußt. Sie interpretieren die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland jeweils auf ihre Weise und entsprechend dem Nutzen für ihre eigene Position. Obwohl sich die liberalen Intellektuellen bemühen, bei dem Vergleich beider Länder wissenschaftlich objektiv zu sein, bleibt ihrem Deutschlandbild ein Modell- bzw. Idealcharakter.

Die hohen Beamten und die Politiker der Regierung scheinen einen Weg zu suchen, der dem deutschen am ähnlichsten ist und die japanische Regierung doch am wenigsten kostet. Sie wollten nach dem Eingeständnis der Verantwortung japanischer Behörden bei der Zwangsprostitution anfänglich doch kein öffentliches Geld bereitstellen für den Fonds, aus dem die Entschädigung für ehemalige Zwangsprostituierte bezahlt werden soll. Für die nationalistischen Intellektuellen ist die deutsche Vergangenheitsbewältigung ein nicht nachahmenswerter Sonderweg, den Deutschland wegen seiner besonderen Schuld während des Hitler-Regimes allein zu gehen hat.

Deutschland, das - wie ich skizzenhaft zeigte - fast ein Jahrhundert das Modell für das moderne Japan war, hat viel von seinem Einfluß in unserem Inselreich verloren. Aber es ist für Japaner immer noch ein besonderes Land auch in der Frage der kritischen Konfrontation mit unserer eigenen jüngsten Vergangenheit.

Allerdings bahnt sich seit einiger Zeit eine Entwicklung an, die die privilegierte Stellung der deutschen Sprache an den japanischen Universitäten und damit insgesamt die Rolle der deutschen Kultur in Japan bedroht. Zwar verfügen die japanischen Universitäten immer noch über wesentlich mehr Stellen für Germanisten als etwa für Romanisten. Die Bedeutung der deutschen Sprache ist aber auch im Fernen Osten im Rückgang begriffen. Ob diese Tendenz nach der Wiedervereinigung und dank dem deutschen Wirtschaftspotential verlangsamt oder aufgehalten werden kann, läßt sich noch nicht absehen.

Es ist schwer zu sagen, ob die bisherige Sonderstellung Deutschlands in der Vorstellung der Japaner noch weiter erhalten bleibt. Vielleicht sind wir auch Zeugen einer nicht mehr umkehrbaren Entwicklung, in der sich Japan von dem wichtigsten Lehrmeister seiner frühen Modernisierung noch weiter entfernt und sich zurückbesinnt auf seine asiatischen Wurzeln, während für Deutschland Japan vor allem als erfolgreiches Wirtschaftssystem von Interesse bleibt, ohne daß die interkulturellen Begegnung und der Kulturaustausch wieder in den Vordergrund treten würde.


nach oben  Inhalt  Seite zurück  Seite vor 
Uni  Pressestelle  UniPress 
Zuletzt geändert von presse@www.uni-augsburg.de am Donnerstag, den 19. März 1998