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Für die künftigen Beziehungen zwischen Japan und Deutschland
war nicht nur diese politische und militärische Vorbildfunktion des Bismarck-Reiches
von großer Bedeutung. Auch in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen orientierte
Japan seinen Modernisierungsprozeß an Deutschland. Da die deutsche Wissenschaft
auf vielen Feldern eine führende Position in der Welt einnahm, erfolgte der
Auf- und Ausbau der ersten staatlichen Universität Japans, der Kaiserlichen
Universität Tokio, unter maßgeblichem deutschen Einfluß und mit
Hilfe deutscher Professoren - vor allem im Bereich der Juristischen, Medizinischen,
Naturwissenschaftlichen, Philosophischen und Technischen Fakultäten. Damit erlangte
die deutsche Kultur einen privilegierten Platz in der weiteren gesellschaftlichen
und politischen Entwicklung Japans.
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Der hier abgedruckte Beitrag stellt die gekürzte Fassung eines Manuskripts dar,
das Professor Murakami (Tokio) im Sommersemester 1997 an der Universität vorgetragen
hat. Im Zentrum der anschließenden Diskussion standen vor allem Fragen der
Vergangenheitsbewältigung in Japan und Deutschland. Der Zufall wollte es, daß
unmittelbar nach dem Vortrag von Frau Murakami im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe
der Universität und der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Augsburg und Schwaben
e. V. ein Germanist aus Tokio zur japanischen Außen- und Kriegspolitik seit
dem späten 19. Jahrhundert referierte, der genau die ultranationalistischen
Positionen vertrat, die Frau Murakami in ihrem Vortrag kritisch skizziert hatte.
Während an einer benachbarten Hochschule dieses revisionistische Geschichtsbild
ohne Einwände hingenommen wurde, fand es sowohl von Frau Murakami wie einer
zweiten jüngeren Germanistin aus Japan (und deutschen Hörern) eindeutigen
Widerspruch. Ein japanischer Wissenschaftler verließ aus Protest den Hörsaal.
Josef Becker
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Anfang der 30er Jahre befanden sich Deutschland und Japan in einer ähnlichen
Situation. Beide waren wirtschaftlich angeschlagen; ihre Eliten waren zutiefst enttäuscht
über die politische Rolle, die beide Länder in der Weltordnung nach 1918
spielen konnten. Das Kaiserreich fühlte sich von den Westmächten, seinen
Alliierten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, betrogen und im Stich gelassen, da
das asiatische Japan nach 1918 neben den weißen Siegern von 1918
- Großbritannien, den USA und Frankreich - nicht als gleichberechtigte
Weltmacht Anerkennung fand. Die nationalistischen Tendenzen nahmen zu, und mit ihnen
verstärkten sich die Tendenzen zur Vergöttlichung des Tennos. Die Abwendung
von der Demokratie und die Hinwendung zu autoritären bzw. totalitären Staats-
und Gesellschaftsvorstellungen während der Weltwirtschaftskrise in Deutschland
hatten so - mutatis mutandis - ihre Parallelen in Japan. Allerdings vollzog sich
der Systemwechsel in unserem Land nicht so drastisch und mit so weitreichenden Konsequenzen
wie unter dem NS-Regime Hitlers.
Zum Zeitpunkt der Machtergreifung Hitlers war das Inselreich seit dem Eindringen einer
selbständigen japanischen Heeresgruppe in die Mandschurei (1931) und durch die
daraufhin - wegen der Verletzung der Hoheitsrechte Chinas - verhängten Sanktionen
des Völkerbunds außenpolitisch isoliert. Es war daher nicht überraschend,
daß sich die Beziehungen zwischen den beiden revisionistischen Mächten
in Asien und Europa - Japan und dem nationalsozialistischen Deutschland - verdichteten
und 1936 in dem gegen die Sowjetunion gerichteten Antikominternpakt einen ersten
Höhepunkt fanden. Ein Japanisch-Deutsches Kulturabkommen folgte 1938. Danach
liefen die nationalsozialistischen Propaganda-Aktivitäten in Japan auf Hochtouren.
Japanische Germanisten wurden für den Kulturaustausch engagiert. Hitlers Buch
Mein Kampf wurde 1942 ins Japanische übertragen und mit höchsten
Empfehlungen herausgegeben. Die Germanisten der Kaiserlichen Universität Tokio
übersetzten systematisch die Werke der Literaten, die im Dritten Reich
Hochkonjunktur hatten.
Ob viele Japaner aber wirklich vom Nationalsozialismus fasziniert waren, scheint mir
fraglich. Ich bin auch nicht sicher, ob der Nationalsozialismus in Japan überhaupt
verstanden wurde. Wenn man von den sprachkundigen Germanisten und einem kleinen Teil
der Eliten absieht, konnten die meisten Japaner damals nicht viel von den Vorgängen
im Dritten Reich wissen und nicht richtig verstehen, was in Deutschland
geschah. Sie akzeptierten die neuen Bilder, die nach 1933 aus Hitlers Reich kamen,
nicht, weil sie nationalsozialistisch waren, sondern einfach, weil sie aus Deutschland
kamen.
Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und Japans 1945 brach der Kontakt
zwischen beiden Ländern für einige Zeit ab. Die einschneidende Schulreform
nach amerikanischem Modell mit einer sprunghaften Vermehrung der Universitäten
im Gefolge brachte den japanischen Germanisten bzw. Deutschlehrern florierende Berufschancen.
Erste Fremdsprache an den Universitäten wurde jetzt Englisch, aber mehr als
die Hälfte der Studenten wählten als zweite der obligatorischen Fremdsprachen
Deutsch, so daß der wissenschaftlich-kulturelle Einfluß Deutschlands
auch weiterhin gute Voraussetzungen hatte.
Das positive Deutschland-Bild blieb auch in dem demokratischen Japan nach 1945 erhalten.
Es wurde durch das Mitgefühl der Japaner für die Deutschen als Mit-Verlierer
des Zweiten Weltkriegs verstärkt. Dazu hat in der Nachkriegszeit indirekt die
Übersetzungsflut von Büchern deutscher Autoren beigetragen, deren Werke
während des Krieges nicht zu kaufen waren. Die größten Namen waren
Th. Mann, H. Hesse und etwas später F. Kafka. Darüber hinaus erschienen
auf dem japanischen Buchmarkt Publikationen vieler anderer deutscher Autoren. Für
die Kinder wurden unter anderem Werke von Erich Kästner übersetzt. Der
einflußreiche Germanist Takahashi, der vor 1945 vor allem die NS-Schriftsteller
R. Binding und E. E. Dwinger in Japan bekannt gemacht hatte, übersetzte nun
Hesse und Kästner. Später schrieb er eine Biographie von Kästner und
wurde 1968 Vorsitzender des PEN-Clubs von Japan. Auch andere Germanisten, die man
in den Jahren vor 1945 als NS-konform bezeichnen kann, verschwiegen fast ausnahmslos
ihre Tätigkeit während des Krieges und betonten nun ihre Stellung als Humanisten.
(Vergleichbare Phänomene sind ja auch in Deutschland in den letzten Jahren Gegenstand
der wissenschaftlichen und der politischen Diskussion gewesen - wie zum Beispiel
der Fall des Erlangen-Aachener Germanisten H. Schwerte).
Neue Akzente in der japanischen Deutschland-Perzeption setzte dann eine jüngere
Generation. Nicht wenige Schüler der bis 1945 und in den ersten Nachkriegsjahren
dominierenden Germanisten schlossen sich den pazifistischen Bewegungen von Sozialisten
oder Kommunisten an. Sie bemühten sich auch, die deutsche Widerstandsliteratur
ins Japanische zu übersetzen. Darstellungen der deutschen Widerstandskämpfer
erschienen früh auf dem japanischen Buchmarkt. Schon in den 50er Jahren wurden
entsprechende Schriften von G. Weissenborn und von St. Hermlin, außerdem Die
Weiße Rose von I. Aicher-Scholl ins Japanische übersetzt.
Deutschland, das in Japan bis 1945 durch Nationalsozialisten, Militärs und NS-konforme
Literatur vertreten worden war, wurde während der 50er Jahren durch die Widerstandskämpfer
und diejenigen Schriftsteller repräsentiert, die Nazi-Deutschland den Rücken
gekehrt oder wenigstens mit dem Hitler-Regime nicht zusammengearbeitet hatten. Vermittler
dieser beiden Deutschlandbilder waren aber zum Teil immer noch dieselben Germanisten.
Die nationalsozialistische Judenverfolgung nahm die japanische Öffentlichkeit
erst etwas später zur Kenntnis. Dazu trugen zwei Bücher besonders bei.
Das eine war das Tagebuch der Anne Frank, das andere Ein Psychologe
erlebt das Konzentrationslager von V. Frankl, dem bedeutenden Wiener Psychotherapeuten,
der zeitweise in einem Außenlager von Dachau in der Nähe von Augsburg
inhaftiert war. Beide - A. Frank wie V. Frankl - wurden allerdings -
bezeichnenderweise - von Nicht-Germanisten übersetzt.
Die Brutalität und Unmenschlichkeit der Judenverfolgung hat die Japaner tief
betroffen gemacht. Aber man sah darin keinen Widerspruch zu dem positiven Bild der
Widerstand leistenden Deutschen, das in den 50er Jahren vermittelt worden war. An
allen Untaten war allein der Nationalsozialismus schuld. Diese Sicht entsprach der
Tendenz in Japan, alle Verantwortung für die japanische Entwicklung seit den
30er Jahren dem Militarismus und den Militärs zuzuschieben.
Für die japanischen Sozialdemokraten und Kommunisten wurde nach dem Zweiten Weltkrieg
die neue japanische Verfassung zum höchsten Kanon - besonders ihr Artikel
9, durch den Japan Verzicht auf den Krieg als Mittel zur Lösung internationaler
Konflikte leistete. Gesellschaftskritische Bewegungen trugen ausnahmslos ausgeprägt
pazifistische Züge. Die Unmenschlichkeit des Krieges wurde kritisiert und die
Wichtigkeit des Friedens betont. Weniger gefragt wurde nach den Gründen oder
den Ursachen von Kriegen. So wurde in Japan Hiroshima neben Auschwitz als Symbol
der Unmenschlichkeit des Kriegs verstanden.
Das gewaltsame Ende des Prager Frühlings 1968 hatte eine deutliche Abkehr der
japanischen Linksliberalen vom sowjetischen Sozialismus zur Folge. Jetzt erst erregte
die Bundesrepublik Deutschland ein größeres Interesse bei den japanischen
Linken. Bis dahin hatte man unter den Linksliberalen eher auf die Stimmen aus der
DDR gehört. Westdeutschland galt in erster Linie als Schützling
der USA und wurde daher ähnlich kritisch wie Japan als Bündnispartner Washingtons
verworfen.
Eine neue, wichtige Einsicht der japanischen Linksliberalen nach 1968 war die Erkenntnis,
daß in der Bundesrepublik Vergangenheitsbewältigung ein sehr
wichtiges politisches Thema war. Es wurde schmerzlich bewußt, daß die
Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte Japans noch gar nicht stattgefunden
hatte und daß japanische Politiker mit naiven nationalistischen Äußerungen
wiederholt die Länder in Ost- bzw. Südostasien provozierten.
Für den problematischen Umgang der japanischen Regierung mit der eigenen Vergangenheit
bieten besonders schlagende Beispiele die Schulbücher. Ein Fall: Anfang der
80er Jahre ließ das Kultusministerium in den Schulbüchern das eindeutige
Wort Invasion für den Einfall japanischer Truppen auf dem asiatischen
Festland mit dem verharmlosenden Terminus Einzug umschreiben. Dieses
Schulbuch-Beispiel zeigt repräsentativ die Tendenz in den 80er Jahren. In dieser
Zeit übte die (in der Nachkriegszeit dominierende) Regierungspartei der Liberal-Demokraten
Druck auf die verbliebenen Träger der linksliberalen pazifistischen Bewegung
aus, vor allem auf den Gewerkschaftsverband japanischer Lehrer.
Unter der Regierung von Premierminister Nakasone (1982-87) spitzte sich diese nationalistische
Revision weiter zu. Nakasone war der erste japanische Ministerpräsident nach
dem Zweiten Weltkrieg, der es in den Jahren 1984 und 1985 wagte, offiziell den Yasukuni-Schrein
zu besuchen und dort zu beten. Im Yasukuni-Schrein werden alle japanischen Kriegsgefallene
seit der Meiji-Restauration als schintoistische Gottheiten angebetet, darunter auch
14 Minister und Generäle, die auf dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Tokio verurteilt
und hingerichtet worden waren.
Nicht nur die Weizsäcker-Rede von 1985, sondern auch den Historiker-Streit der
80er Jahre oder die deutsch-polnischen Schulbuchgespräche haben die gebildeten
Schichten in Japan rezipiert. Die Kontroverse um Heideggers Haltung zum Nationalsozialismus
und auch die neue Goldhagen-Debatte haben die japanischen Intellektuellen mit Interesse
verfolgt. Alle diese Kontroversen in Deutschland hatten zweifellos einen gewissen
Einfluß auf japanische Bemühungen, die Probleme der eigenen jüngeren
Vergangenheit offen zu diskutieren, zu erforschen und daraus die notwendigen politischen
Lehren zu ziehen.
Der Mauerfall in Berlin im November 1989 und der schnelle Verlauf der Wiedervereinigung
bis zum Oktober 1990 beeindruckte viele Japaner. Die Zustimmung der Nachbarstaaten
Deutschlands zur Wiederherstellung der deutschen Einheit wurden mit Erstaunen zur
Kenntnis genommen. Für die Japaner wurde klar, daß Deutschland das Vertrauen
seiner Nachbarstaaten wiedergewonnen hatte. Das fanden viele Japaner beneidenswert.
Denn sie haben das Gefühl, daß Japan politisch immer noch mit Mißtrauen
begegnet wird und daß ihr Vaterland in Staaten wie Korea oder China, Thailand
oder den Philippinen verhaßt blieb.
Seit dem Beginn der 90er Jahre erhoben Koreaner und Chinesen, die als Zwangsarbeiter
für japanische Firmen gearbeitet hatten, Klage vor japanischen Gerichten, um
eine Entschädigung zu erlangen. Die meisten Klagen wurden wegen Verjährung
abgewiesen. Japanische Juristen, die diese Gerichtsverfahren unterstützten,
erhofften für Japan eine ähnliche Gesetzgebung wie das Bundesergänzungsgesetz
zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung
in Deutschland.
Bisher die größte Aufregung verursachte die Aufdeckung des Problems der
Zwangsprostitution in der japanischen Armee. Wir wußten seit langem, daß
in jedem japanischen Truppen-Lager während des Krieges Bordelle eingerichtet
waren. Sie wurden euphemistisch Unterhaltungsorte genannt, und die Frauen
in diesen Bordellen nannte man Unterhaltungsfrauen. Daß es darunter
viele Ausländerinnen gab, die durch Bedrohung und Betrug zur Prostitution gezwungen
wurden, hatte man indessen verdrängt oder bagatellisiert. Zunächst lehnte
Tokio die Verantwortung der zivilen oder militärischen Behörden für
diese Zwangsprostitution ab. Nur zögernd stellte die Regierung Ermittlungen
an mit dem Resultat, daß sie die Verantwortung Japans anerkennen mußte.
Zwar erscheint dieses Eingeständnis für Deutsche (und wohl generell für
Europäer im Rahmen ihrer christlichen Traditionen) wahrscheinlich als ganz normal.
Für Japan aber bedeutet die Anerkennung einer japanischen Verantwortung das
Zeichen einer großen politischen Wende. Das hängt mit dem Schuldbekenntnis
zusammen, das der liberal-konservative Premierminister Hosokawa im Sommer 1993 im
Hinblick auf die japanische Politik vor 1945 ausgesprochen hat. Diese Wende scheint
mir ein Resultat des Generationswechsels in der Politik und in der Verwaltung zu
sein. Sowohl die heute führenden Politiker als auch die Beamten in den Ministerien
in Japan lernten als Kinder in der Schule die amerikanische Demokratie und einen
linksorientierten Pazifismus kennen. Sie erlebten den Verfall des internationalen
Sozialismus und die Wiedervereinigung Deutschlands. Sie müssen verstanden haben,
daß Vergangenheitsbewältigung unentbehrlich ist, wenn Japan als ein normales
Land von den Nachbarvölkern anerkannt werden will.
Vor einigen Jahren sind die Vorschriften für die Schulbuch-Prüfungen wesentlich
geändert worden. In den neuesten Schulbüchern für japanische Geschichte
werden zum Beispiel - was früher nicht möglich gewesen wäre -
das Problem der Zwangsprostituierten, das von japanischen Truppen verübte Massaker
in Nanking Ende 1937 (mit wenigstens 40 000 Opfern) und die Menschenversuche
der Sondereinheit für die Entwicklung biochemischer Waffen erwähnt.
Indirekt unterstützt von der neuen Haltung des Kultusministeriums, haben japanische
Geschichtswissenschaftler den Versuch unternommen, mit den Historikern in Korea und
China zusammenzuarbeiten, um speziell die neuere Geschichte der wechselseitigen Beziehungen
genauer zu erforschen und gerechter darzustellen.
Das führte allerdings zu einer nationalistischen Reaktion. Eine Gruppe von Intellektuellen
kritisiert die korrigierten Schulbücher heftig; sie nennen die neue Tendenz
falsch und schädlich für das nationale Selbstbewußtsein und den Stolz
der Japaner. Sie schlagen eine nationale Geschichtserziehung vor, die den Japanern
den Stolz auf ihr Vaterland zurückgeben soll. Bei nicht wenigen Japanern finden
die Bestrebungen dieser Gruppe eine große Resonanz. Einer der Initiatoren dieser
Gruppe ist ein Germanist, der seine wissenschaftliche Karriere als Spezialist für
Nietzsche begonnen hat. Er gehört zu einer Generation von Wissenschaftlern,
die sich als junge Studenten am Ende der 50er Jahren politisch sehr engagierten und
aus Gründen eines neutralistischen Nationalismus gegen die Verlängerung
des japanisch-amerikanischen Sicherheitspakts von 1953 heftig agitierten.
Wenn man in Japan über die Vergangenheitsbewältigung diskutiert, gelangt
man notwendigerweise zum Vergleich mit Deutschland. Sowohl den links- bzw. liberalgesinnten
Intellektuellen als auch den Beamten in den Ministerien oder den nationalistischen
Intellektuellen - allen ist diese Beziehung mehr oder weniger bewußt. Sie
interpretieren die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland jeweils auf ihre
Weise und entsprechend dem Nutzen für ihre eigene Position. Obwohl sich die
liberalen Intellektuellen bemühen, bei dem Vergleich beider Länder wissenschaftlich
objektiv zu sein, bleibt ihrem Deutschlandbild ein Modell- bzw. Idealcharakter.
Die hohen Beamten und die Politiker der Regierung scheinen einen Weg zu suchen, der
dem deutschen am ähnlichsten ist und die japanische Regierung doch am wenigsten
kostet. Sie wollten nach dem Eingeständnis der Verantwortung japanischer Behörden
bei der Zwangsprostitution anfänglich doch kein öffentliches Geld bereitstellen
für den Fonds, aus dem die Entschädigung für ehemalige Zwangsprostituierte
bezahlt werden soll. Für die nationalistischen Intellektuellen ist die deutsche
Vergangenheitsbewältigung ein nicht nachahmenswerter Sonderweg, den Deutschland
wegen seiner besonderen Schuld während des Hitler-Regimes allein zu gehen hat.
Deutschland, das - wie ich skizzenhaft zeigte - fast ein Jahrhundert das Modell
für das moderne Japan war, hat viel von seinem Einfluß in unserem Inselreich
verloren. Aber es ist für Japaner immer noch ein besonderes Land auch in der
Frage der kritischen Konfrontation mit unserer eigenen jüngsten Vergangenheit.
Allerdings bahnt sich seit einiger Zeit eine Entwicklung an, die die privilegierte
Stellung der deutschen Sprache an den japanischen Universitäten und damit insgesamt
die Rolle der deutschen Kultur in Japan bedroht. Zwar verfügen die japanischen
Universitäten immer noch über wesentlich mehr Stellen für Germanisten
als etwa für Romanisten. Die Bedeutung der deutschen Sprache ist aber auch im
Fernen Osten im Rückgang begriffen. Ob diese Tendenz nach der Wiedervereinigung
und dank dem deutschen Wirtschaftspotential verlangsamt oder aufgehalten werden kann,
läßt sich noch nicht absehen.
Es ist schwer zu sagen, ob die bisherige Sonderstellung Deutschlands in der Vorstellung
der Japaner noch weiter erhalten bleibt. Vielleicht sind wir auch Zeugen einer nicht
mehr umkehrbaren Entwicklung, in der sich Japan von dem wichtigsten Lehrmeister seiner
frühen Modernisierung noch weiter entfernt und sich zurückbesinnt auf seine
asiatischen Wurzeln, während für Deutschland Japan vor allem als erfolgreiches
Wirtschaftssystem von Interesse bleibt, ohne daß die interkulturellen Begegnung
und der Kulturaustausch wieder in den Vordergrund treten würde.
Mit diesem Mangel an Differenzierung zwischen Krieg und Holocaust hängt es wahrscheinlich
zusammen, daß in Japan während der sogenannten Studentenrevolte am Ende
der 60er Jahre der Zweite Weltkrieg kein Thema wurde. 1968 markierte in Japan im
übrigen das Ende der politischen Engagements und das Scheitern der Linken in
der Nachkriegszeit. Zwar wurden die Werke von H. Marcuse, von W. Benjamin, von Adorno
und Horkheimer usw. ins Japanische übersetzt. Aber die deutsche Wissenschaft
und Literatur verloren insgesamt an Bedeutung in Japan. Politische Einflüsse
blieben bestehen. Die japanische Presse, vom Linksliberalismus geprägt, war
z. B. von der SPD-FDP-Koalition unter W. Brandt und von seiner Ostpolitik fasziniert.
In der Bundesrepublik hielt dagegen zum gleichen Zeitpunkt (am 40. Jahrestag der deutschen
Kapitulation 1985) Bundespräsident v. Weizsäcker seine bekannte Rede, die
ein Bekenntnis zur deutschen Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg aussprach
und die Versöhnung mit allen ehemaligen Kriegsgegnern unter Verzicht auf Grenzrevisionen
als Aufgabe der Politik der Bundesrepublik proklamierte. Für nicht wenige Japaner
machte diese Rede erneut den großen Unterschied im politischen Klima beider
Länder deutlich.
Als der Showa-Tenno, Hirohito (seit 1921 Regent, seit 1926 Kaiser) 1987 starb, nahmen
viele Japaner mit Verblüffung zur Kenntnis, daß die internationale Presse
kritisch über Hirohitos Lebenslauf und seine Rolle im Zusammenhang mit dem Überfall
auf China 1931 und während des Pazifischen Kriegs berichtete. Man mußte
sich erneut der Einsicht stellen, daß die anderen den Zweiten Weltkrieg
nicht vergessen hatten.
Zuletzt geändert von presse@www.uni-augsburg.de
am Donnerstag, den 19. März 1998