| Forschung |
Von Edda Heiligsetzer
Jung ist er, sehr jung. Fast etwas Kindliches hat sein Gesicht noch. Doch trägt er bereits den Bart, der ihn als traditionell gläubigen Muslim ausweist. Jetzt ist er ruhig und gefaßt. Mehr noch: er ist in Hochstimmung. Die Vorbereitungen sind fast abgeschlossen. 62 Stunden hat er nun allein verbracht. Ununterbrochen, Tag und Nacht, hat er durch lautes Beten und religiöse Gesänge sich in die jetzige Stimmung versetzt, jenen eigentümlichen Zustand, jene Mischung aus Trance und unnatürlich gesteigerter Präsenz. Doch nun ist er bereit. Er hat gebadet, sich den Kopf geschoren - das Zeichen des shahid, des Auserwählten, des Märtyrers für Allah. Nun kleidet er sich an. Es ist die Uniform der israelischen Streitkräfte. Und auch der Bart ist jetzt ab. Man wird ihn nicht erkennen, keinen Verdacht schöpfen ... Noch ein letztes Mal wird er beten und sich dann mit den Helfern treffen, die ihn an den Ort seiner Bestimmung bringen. Sie haben ihn noch nie gesehen, wissen nicht, wer er ist, und auch er weiß nichts von ihnen. Alle haben erst an diesem Morgen Treffpunkt, Zeit und Einsatzort erfahren. Sobald sie in dessen Nähe angekommen sind, werden die Helfer ihn sofort verlassen. Er wird allein sein Ziel erreichen, zu Fuß oder mit dem öffentlichen Bus; allein wird er sein, mitten unter seinen Todfeinden. Aber er ist ganz ruhig, er wird sich nicht verraten, und niemand wird auch nur ahnen, was bevorsteht: Wie es vereinbart ist und wie er es in der letzten Woche gelernt hat, wird er die vielen Stangen Dynamit an seinem Körper zünden. Ein kleiner simpler Schalter in seiner Hosentasche ist über ein Drähtchen mit dem Sprengstoff verbunden. Er wird sterben, sterben in einem riesigen Feuersturm, sterben für Gott, für seinen Glauben und sein Volk. Und er wird viele, sehr viele seiner Feinde mit in den Tod reißen. Er ist glücklich. Er lächelt ...
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Der hier abgedruckte Artikel entstand im Rahmen einer Magisterarbeit, welche Teil
eines größeren Forschungsprojektes zum Thema Terrorismus ist,
das am Lehrstuhl für Soziologie von Prof. Dr. Peter Waldmann bearbeitet wird.
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Auch hierzulande kennt man sie gut, die immer wieder gleichen Medienberichte
von zertrümmerten Marktplätzen und Flanierstraßen in den pulsierenden
Großstädten Israels, die Bilder des Entsetzens, der Trauer und der Wut,
die Berichte über jenen jüdischen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht
hat, nach einem jeden abermaligen Tag X in zermürbender Kleinarbeit
die Reste der Zerfetzten von den Hauswänden zu kratzen, um sie wenigstens halbwegs
menschenwürdig zu bestatten.
Wie nur paßt das alles zusammen? Da badet und rasiert sich ein Mensch in aller
Seelenruhe, dann aber geht er hin und richtet ein unbeschreibliches Massaker an,
eine Orgie von Blut und Zerstörung, bei der auch er selbst ein mehr als unappetitliches
Ende nimmt. Das Paradoxe des Geschehens ist überdeutlich: anscheinend völlige
Irrationalität auf der einen und Kalkül auf der anderen Seite, amalgamiert
in dieser einen Tat, dieser einen Person.
Was sind das für Leute, die so etwas tun und warum tun sie, was sie tun, weshalb
geschieht es gerade auf diese furchtbare Weise? Die Liste der Fragen ließe
sich beliebig verlängern. Auf der Suche nach Ursachen und Hintergründen,
nach Klarheit im Dickicht dieser ganzen Konfusion vermag uns unsere eurozentristische
Sicht in allerlei Sackgassen zu führen. Vorurteile - und wer unter uns wäre
wirklich frei davon? - mischen sich mit Fassungslosigkeit, und wir sind nur allzu
gern bereit, die ganze Sache abzutun als angebliche Eigenart des orientalischen
Charakters. Erledigt. Punktum. Gott sei Dank, daß wir nicht so sind.
Und mit dieser beruhigenden Feststellung könnte der vorliegende Essay an dieser
Stelle eigentlich enden, was er natürlich nicht tut, denn wirklich interessant,
allerdings auch kompliziert, wird das ganze Phänomen erst bei eingehender und
differenzierter wissenschaftlicher Betrachtung.
Warum also? Warum um alles in der Welt sprengen sich diese Jungen und Mädchen
- die jüngsten sind erst 15, keiner von ihnen älter als 27 - selbst
in die Luft und reißen Dutzende, oft sogar Hunderte von unschuldigen Menschen,
darunter zahllose Frauen und Kinder, in den Tod oder bescheren ihnen lebenslange
Behinderungen? Man ist gut beraten, die auf den ersten Blick sich aufdrängende
Irrationalität des Geschehens vorerst einmal hintanzustellen und sich der nach
wie vor zentralen kriminalistischen Routinefrage seit Ciceros Tagen - cui
bono? - zuzuwenden. Sie bringt uns schnell auf die Spur der Hintermänner,
nämlich der entsprechenden Terrororganisation.
HAMAS (Harakat al-muqawama al-islamiya), wörtlich: Islamische
Widerstandsbewegung, ist eine streng hierarchische, regelrecht militärisch
durchstrukturierte Organisation mit drei (halbwegs) unabhängigen Sektionen:
Wohlfahrtspflege, Geheimdienst und (inklusive der sogenannten Schock-Truppen)
die militärische Kampftruppe. In letzterer, die in bezug auf unser Thema von
besonderem Interesse ist, sind alle Rangebenen jeweils nach unten hin abgeschottet,
so daß das Gros der nächstunteren Abteilung ihre direkten Vorgesetzten
nicht kennt. Nur einige wenige Personen sind der Verbindungskanal für die Nachrichten-
bzw. Befehls-übermittlung. Auch jeweils innerhalb einer Stufe der Hierarchie
gibt es solche Schotten, so daß sich letztlich immer nur kleine
Trupps von 3-10 Aktivisten persönlich kennen. Diese unqud-Struktur (wörtlich:
Weintraube) dient der absoluten Geheimhaltung und macht es Agenten äußerst
schwer, in die HAMAS-Kampfmaschine einzudringen und, falls doch, größere
Zusammenhänge zu erkennen. Denn, auch wenn keine Durchlässigkeit von unten
nach oben existiert: die Überwachung von oben nach unten funktioniert perfekt.
Eindringlinge können schnell entdeckt und eliminiert werden.
Mit 30-40% Anhängerschaft unter den Palästinensern ist HAMAS die immerhin
zweitstärkste Gruppierung nach Arafats Fatah-Bewegung. Sie ist eine jener islamisch-fundamentalistischen
Vereinigungen, die es in fast allen Ländern des Orients gibt und die in den
letzten Jahren verstärkt auch unsere Aufmerksamkeit in Europa erregten durch
spektakuläre Terror-Anschläge auf Politiker, Touristen oder die Zivilbevölkerung.
HAMAS hat vieles gemeinsam mit diesen - die meisten sind Dependencen der ägyptischen
Muslimbruderschaft, der ersten Gruppierung dieser Art überhaupt - , doch gibt
es auch Unterschiede, die in der politischen Situation der Palästinenser in
Israel zu suchen sind.
Entstanden erst 1988 im Gefolge der Intifada, des Aufstandes palästinensischer
Kinder und Jugendlicher ab dem Jahre 1987, zielt ihr Kampf primär auf die Errichtung
eines streng islamistischen Gottesstaates à la Iran oder Sudan. Allerdings
beinhaltet dies natürlich die vorherige Zerstörung des israelischen Staatsgebildes
(nach eigenen Angaben aber nicht zwangsläufig auch die Vernichtung der jüdischen
Israelis) auf dem Boden Palästinas, welcher nach Aussagen der HAMAS als unveräußerlich
islamisch gilt bis zum Jüngsten Tag. Irgendwann im Lauf der Geschichte einmal
islamisch gewordene Gebiete gelten als waqf, als fromme Stiftung und damit
als Gottes alleiniges Eigentum. Sie müssen, so die fundamentalistische
Position, unter allen Umständen im djihad, dem Heiligen Krieg, zurückerobert
werden. Politische Lösungen, Kompromisse, ein Sich-Arrangieren mit den Israelis
fallen damit von vornherein flach. Dies erklärt auch die vehemente Feindseligkeit
der HAMAS und anderer militanter Islamisten-Organisationen in Israel gegenüber
dem Friedensprozeß. Dieser muß gestoppt werden, sonst ist die während
der Intifada ja beinahe schon zum Greifen nah geglaubte Utopie des Gottesstaates
wieder in weite Ferne gerückt. Die HAMAS setzt nach eigenen Aussagen denn auch
folgerichtig auf eine Eskalation der Intifada zum totalen djihad.
Und so überziehen HAMAS-Aktivisten das kleine Land (nicht einmal halb so groß
wie Bayern) mit einer niemals abebbenden Welle der Gewalt: kaum eine Woche vergeht,
ohne daß nicht Businsassen durch wahllose Schüsse aus fahrenden Autos
getötet, Passanten erstochen oder auch einfach nur erschlagen werden. Am Tatort
zurück bleibt ein Pamphlet mit HAMAS-Parolen.
In jenem totalen Heiligen Krieg, und damit sind wir wieder bei unserem eigentlichen
Thema der Selbstmordattentäter, kann es für die Organisation als Ganzes
nichts Vorteilhafteres als den Anschlag eines dieser lebenden Sprengkörper
geben. Gegenüber einem konventionell geführten, offenen Bürgerkrieg
oder herkömmlichen terroristischen Attacken gegen den mächtigen Gegner
hat diese neue Strategie (die so neu gar nicht ist, wie wir noch sehen werden) ungeheure
Vorteile. Denn das Selbstmordattentat ist eine Garantie für:
Das heißt also, vom Standpunkt der terroristischen Bewegung aus betrachtet,
handelt es sich hier um die beste, weil eben effizienteste Strategie
von allen: Maximierung der Wirkung einerseits und Minimierung des Risikos andererseits.
Auf der Strecke bleiben dabei unter anderem die, die für diese Art von djihad
gebraucht werden: die jugendlichen Attentäter.
· die Optimierung von Präzision und Zielgenauigkeit der militärischen
Operation (so der interne Jargon), da Schutzmaßnahmen für den Attentäter
selbst wegfallen können. Er muß ja nicht anschließend in Sicherheit
gebracht werden.
· einen maximalen Schaden, und zwar sowohl im Hinblick auf materielle wie auch
psychologische Verletzungen des Feindes. Panik und Hysterie unter der Zivilbevölkerung
sind ganz bewußt ein Bestandteil der terroristischen Strategie und nicht etwa
nur billigend in Kauf genommen.
· die fast vollständige Nutzlosigkeit von Präventivmaßnahmen
und eine verunmöglichte oder zumindest sehr erschwerte Fahndung nach Mittätern
und Hintermännern.
· die spektakuläre und langfristige Erregung des internationalen Interesses
- trotz nur 3 bis 4 Anschlägen pro Jahr.
Und an dieser Stelle stehen wir wiederum vor einem großen Fragezeichen.
Denn so einleuchtend die oben geschilderte Strategie im Falle der Terror-Organisation
als eines Kollektivs auch sein mag, fragt man sich natürlich, warum die lebenden
Bomben selbst das Ganze mitmachen. Sie allein sind es ja, die - im wahrsten Sinne
des Wortes - ihren Kopf hinhalten müssen. Und dazu muß man sie erst
einmal bringen. Rationales Kalkül und nüchterne Strategien sind nur die
eine Seite der Medaille. Betrachten wir also nun die andere. Sind die Täter
womöglich wirklich freiwillige Kämpfer für den Glauben, die verlorenes
waqf-Land zurückerobern wollen, wie es uns die HAMAS-Offiziellen weismachen
wollen? Sind sie einfach bloß Fanatiker ohne Hirn, Verrückte, Lebensmüde,
oder sind ihre Anschläge rein spontane Affekthandlungen? Sind diese jungen Leute
also einfach Amokläufer? Oder werden die Attentäter gar getäuscht
über die Konsequenzen ihrer Tat?
Eine schlüssige Beantwortung dieser Fragen per Ferndiagnose ist nicht
ganz einfach. Nach den (leider begrenzten) Informationen, die der Wissenschaft zugänglich
sind, scheinen aber die oben genannten, vordergründig doch einigermaßen
plausibel erscheinenden Gründe für die Tat nicht zuzutreffen. Warum?
Suizid im eigentlichen Sinne kann praktisch ausgeschlossen werden. Erst einmal ist
er nach dem Koran strengstens verboten. Sowohl die Täter selbst als auch ihre
Organisation sprechen deshalb auch nie von Selbstmord. Sie nennen ihre
Tat vielmehr einen Opfertod für Allah, ein Selbstopfer,
ein Martyrium. Und wie an späterer Stelle noch zu zeigen sein wird,
sind das durchaus nicht bloße Euphemismen.
Auch bei deutschen Jugendlichen ist Suizid eine der häufigsten Todesursachen
überhaupt. Aber was ist das eigentlich Typische am normalen Selbstmord,
wie wir ihn kennen? Suizid ist in sehr vielen Fällen eine Kurzschlußhandlung
aufgrund einer persönlichen Krise. Motive sind meist soziale Konflikte mit den
Eltern oder Liebeskummer. Ein solcher Selbstmord im Affekt aber ist das Martyrium
der Selbstmordattentäter beileibe nicht: Ein überaus langes Training und
die überraschende Tatsache, daß keine Freiwilligen als Täter angenommen
werden, zeigt, daß es offenbar doch gar nicht so einfach ist, diese jungen
Leute - auch wenn sie zum Teil unter erniedrigenden Bedingungen zu leben gezwungen
sind - zu einem derartigen Schritt zu bewegen. Es handelt sich mit Sicherheit keineswegs
um spontane Kurzschlußhandlungen, sondern um eine jeweils bis ins kleinste
Detail geplante Aktion, die langer und intensivster Vorbereitungen bedarf.
Augenzeugen berichten überraschenderweise nicht selten, der Attentäter hätte
unmittelbar vor der Tat einen regelrecht vor Glück strahlenden Gesichtsausdruck
gezeigt - dieses Glück hat sogar einen eigenen Namen: das Lächeln
der Freude. Auch die bis vor einiger Zeit üblichen selbstgedrehten Abschieds-Videos
der Attentäter für ihre Angehörigen bestätigen diesen Eindruck.
Depression und Todessehnsucht scheinen somit als Motiv nicht in Betracht zu kommen.
Der Opfertod für den Glauben ist nach islamistischer Ideologie vielmehr ein
freudiges Ereignis, das Martyrium wird als Geschenk für Allah empfunden.
Eine Täuschung der Täter durch ihre Führungsoffiziere ist speziell
im Falle der Hamas eindeutig nicht gegeben. Die bisherigen Selbstmordattentäter
wiesen allesamt kahlgeschorene Köpfe auf - das Zeichen des islamischen Märtyrers.
Sie wußten also sehr genau im voraus, was auf sie zukam. Anzeichen dafür,
daß die Sprengkörper im Falle eines Versagens der Märtyrer
von der HAMAS ferngezündet werden (derartige Hinweise liegen beispielsweise
für den Fall libanesischer Selbstmord-Attentäter vor), gibt
es nicht. Ein solcher Rückzieher in letzter Minute ist durch die minutiöse
Vorbereitung der Tat so gut wie ausgeschlossen.
Noch ein Wort zum Wahnsinn, den wir den Tätern so schnell zuzuschreiben bereit
sind. Die Vermutung der Verrücktheit liegt insofern nicht ganz falsch, als es
sich tatsächlich um einen sozusagen verrückten Standpunkt handelt:
Die Attentäter haben im Verlauf ihrer zum Teil jahrelangen Ausbildung ein extrem
selektives Wahrnehmungsraster ausgebildet, haben sich vom Wertekanon der übrigen
Gesellschaft weit entfernt. Der Terminus Gehirnwäsche ist hier nicht
so ganz fehl am Platze, obwohl die Indoktrination ja weitgehend freiwillig vor sich
geht. Man könnte also eher von preaching to the converted sprechen.
In unserem landläufigen Sinne verrückt aber sind die Selbstmordattentäter
nicht.
Selbstverständlich fördert die jeweilige Terrorgruppe den aufkeimenden Martyriums-Wunsch
ihres Kandidaten nach Kräften. Was von seiten der HAMAS getan werden kann, das
wird getan. So versorgt die Organisation die Familie des Selbstopfers
sowohl durch Einmalzahlungen als auch lebenslange Fürsorge in Form einer monatlichen
Unterstützung in Höhe von 1000 $. Die Geschwister der Attentäter können
mit Extra-Stipendien die höhere Schule und Universität besuchen, neue Häuser
werden gebaut... Zwar verbietet der Koran [Sure 4,96] Krieg und Gewalt aus Gründen
der persönlichen Bereicherung, und zwar auch gegen Ungläubige - jedenfalls
sofern sie friedlich sind (und das ist natürlich das moralische Schlupfloch)
- , aber vor allem bei den Ärmeren der Anwärter auf den Opfertod dürfte
die materielle Sicherheit der gesamten Familie wohl doch bei der letzten Entscheidung
eine gewisse Rolle spielen. Zumal, wenn man bedenkt, daß die religiösen
Ideologen auch für das Jenseits nicht mit Versprechungen geizen: 70 Angehörige
und Freunde des Täters dürfen ohne Ansehen ihres Lebenswandels mit ins
Paradies, er selbst wird reichlich versorgt mit Jungfrauen, goldenen Palästen
und überquellenden Festgelagen.
Konkrete Ergebnisse in bezug auf die individuellen Motive der Täter lauten übereinstimmend
dahingehend, daß, obschon in der Tat individueller Natur, sich doch typische
Muster ergeben, die sich offenbar bei den meisten Selbstmordattentätern wiederfinden
lassen. Häufig auftretende Motivationsbündel bei Tätern sind demnach:
Altruistischer Opfertod scheint demnach also wohl die korrekte Beschreibung
für unser Phänomen zu sein. Aber wie kommt ein Mensch zu so viel Altruismus
und warum ermordet er dabei unzählige unschuldige Zivilisten? Sind da nicht
vielleicht doch auch eine Portion Egoismus, eine Portion Aggression und Mordlust
oder anderes mit im Spiel?
· Religiöse Opfer-Motive und Heilserwartungen, vermischt mit nationalem
Extremismus und mythischen Allmachtsphantasien, das Blatt werde sich nun zugunsten
der Palästinenser wenden.
· Rache für persönlich oder als Kollektiv erlittenes Unrecht und
Demütigungen seitens der israelischen Sicherheitskräfte oder fanatischer
israelischer Siedler. Der Suizid dient einmal der gerechten Bestrafung,
zum anderen der Wiederherstellung der eigenen Würde.
· Imitation bewunderter Vorgänger, die bereits erfolgreiche Selbstmordattentate
ausführten.
Die emotionale Bindung an HAMAS ist offensichtlich sehr stark, so daß die Selbstmordattentäter
über die reine Nachahmung hinaus auch so etwas wie eine Verpflichtung verspüren,
HAMAS nicht zu enttäuschen.
· Reinwaschen von einem eventuellen Vorwurf der Kollaboration oder der Feigheit
gegenüber den israelischen Sicherheitskräften.
So sehr die Terror-Organisation auch darauf aus ist, einem potentiellen
Kandidaten den Opfertod soweit zu versüßen, daß er ihn als sein
Schicksal und seine Berufung annimmt, sowenig Interesse besteht offensichtlich daran,
jeden x-beliebigen Freiwilligen zu gewinnen, die paradoxerweise in der Regel nicht
angenommen werden.
Dem Selbstmordattentat ist vielmehr ein langer und komplexer Selektions- und Trainingsprozeß
vorgeschaltet, bei dem immer nur die geeignetsten Anwärter für die ehrenvolle
Aufgabe erwählt werden. Und das ist auch der Unterschied zwischen dem fundamentalistisch-religiösen
und dem herkömmlichen Attentat: einmal wird der Betreffende nicht selbst aktiv,
er wird vielmehr ausgewählt, und dann wird er nicht ausgewählt, um es tun
zu müssen, sondern zu dürfen.
Zum Teil bereits als Kinder - die Wohlfahrts-Sektion der HAMAS unterhält Bildungseinrichtungen
von Kindergärten über Grundschulen bis zur Universität - werden
im Religionsunterricht die unter Umständen geeigneten Anwärter anvisiert.
Meist aber handelt es sich bereits um Schüler oder Studenten, die schon einer
der mehr oder minder radikalen HAMAS- oder Djihad-Organisationen angehören.
Potentielle Kandidaten sind 12 bis 17 Jahre alt. Ganz en passant wird in den HAMAS-eigenen
Schulen und Moscheen die Rede auf die Selbtmordattentate gelenkt; Kinder und Jugendliche,
die sich als besonders interessiert und begeistert zeigen, werden alsbald von den
anderen segregiert und in eigenen Gruppen zusammengefaßt, wo eine weitere Selektionsrunde
beginnt.
Bereits zu diesem Zeitpunkt läßt sich ein gewisses Täter-Profil
erkennen. Diese Schüler und Studenten haben fast alle einen nahen Freund, der
von den Israelis getötet, verwundet oder inhaftiert wurde. Sie haben zum Teil
gewalttätige Übergriffe der israelischen Besatzungssoldaten auf die eigene
Familie miterlebt, wurden selbst mißhandelt... Manche schämen sich vor
ihren Freunden, sich während der Intifada nicht getraut zu haben, Steine zu
werfen. Dies ist das Rohmaterial, aus dem man Terroristen formt.
Im praktischen Teil des Rekrutierungsprozesses werden den Selbstmord-Schülern
verschiedene Aufgaben gestellt, in denen sie ihre Zuverlässigkeit, ihren Mut
oder ihre Verschwiegenheit unter Beweis stellen müssen. Dazu gehören so
makabre Tests wie die Beerdigung bei lebendigem Leib, um zu sehen, ob dieser Schock
die Festigkeit ihres Vorhabens beeinflussen kann. Waffenschmuggel, Autodiebstahl,
Fälschen von Ausweisen und Ähnliches sind da nur die harmloseren
Varianten. Wer bei diesen Prüfungen, in denen Lebensgefahr sozusagen zum Prüfungsstoff
gehört, versagt - sprich: Angst zeigt, irgendwelche ablenkenden Nebengedanken
hat, in Mimik oder Körpersprache seine Gedanken verrät - , kommt für
den Ernstfall nicht in Frage und wird ausgesondert. Interessant ist, daß die
so Ausgebildeten durchaus nicht von Anfang an erfahren, um was es geht. Sie werden
ausgesucht und haben bis zu einem späteren Zeitpunkt der sogenannten Kristallisation,
den der Ausbilder bestimmt - zu dem sie aber schon derart infiltriert sind, daß
ein Aussteigen unwahrscheinlich ist - , nicht die Möglichkeit, nein
zu sagen. Das heißt, darüber, ob jemand aussteigt oder nicht, bestimmt
allein der Ausbilder, und zwar je nach den Eigenschaften des Probanden, also allein
entsprechend den Interessen der Organisation und nicht des Opfers. In
dieser Hinsicht ist der religiöse Terminus Opfer durchaus angebracht,
wenn auch in einem anderen, perversen Sinn.
In der letzten Phase findet eine physische und mentale Isolierung von der Familie
und den Freunden statt: die Selbstmord-Anwärter werden in kleinen Trupps von
3 bis 5 Schülern oder Studenten zusammengefaßt. Eine solche Isolation
ist (abgesehen vom Geheimhaltungsaspekt) deshalb im Sinne der Ausbilder, da so die
eventuellen Hemmungen leichter abgebaut werden. Ein Blutbad unter Zivilisten richtet
nur jemand an, der bereits jeden Bezug zum Alltag, zu den Normen und Werten der Normalgesellschaft
verloren hat. Die Isolierung findet plötzlich und ohne irgendwelche Erklärungen
für irgendjemanden statt. Erst etwa 10 Tage vor dem Anschlag lernt das Selbstopfer
seinen operator, seinen persönlichen Führungsoffizier, kennen.
Dieser hat die Bombe gebaut, hat im Hintergrund die Selektion überwacht; er
ist es auch, der den Befehl der geistlichen Führer erhalten hat, daß nunmehr
wieder ein Attentat verübt werden soll. Der (mutmaßlich) vom israelischen
Geheimdienst ermordete palästinensische Bombenbauer Ayyash, verantwortlich für
77 ermordete und an die 300 verletzte Israelis, war beispielsweise ein solcher Führungsoffizier
(offizielle israelische Stellen sprechen allerdings sogar davon, Ayyash hätte
möglicherweise dem Generalstab selbst angehört). Die lebende Bombe lernt
nun erst ihr eigentliches Handwerkszeug: die Handhabung der tödlichen Fracht.
Aus Sicherheitsgründen, aber auch, um einen eventuellen Rückzieher des
angeblich so freiwilligen Selbstopfers zu vermeiden, findet diese Einweisung
erst zu einem so späten Zeitpunkt statt. Jetzt erfolgt noch einmal eine Intensivierung
der Indoktrination, die Tat selbst wird unmittelbar vorbereitet durch tagelang laut
gesungene Gebete. Die dadurch hervorgerufene tranceartige Hochstimmung in Erwartung
des zum Greifen nahen Paradieses hält offenbar bis zum Augenblick des Todes
an.
Potentielle Selbstmord-Kandidaten besuchen nun gesonderte Klassen der Koranschulen,
in denen speziell geschulte Geistliche mit ihnen jene Stellen des Koran und anderer
religiöser Schriften besprechen, die den Kampf und den freiwilligen Opfertod
für den Glauben idealisieren. Daneben stellt massive anti-israelische Propaganda
den zweiten Schwerpunkt der ideologischen Ausbildung dar.
Ausgewählte Literatur |
Auf den ersten Blick scheint die Kombination von Religion und Gewalt
zutiefst widersinnig. Denn fast alle Religionen dieser Erde - auch der Islam -
betonen durchaus ähnliche ethische Grundwerte und soziale Tugenden: friedliches
Zusammenleben, Verzeihung, Toleranz, Achtung vor dem Leben, Schutz der Schwachen
und Hilflosen etc. Aber, bei genauerer Betrachtung müssen wir doch feststellen,
daß die hehren Ideale nicht selten mißbraucht werden für die Legitimierung
ihres diametralen Gegenteils.
Gewalt und ihre religiöse Beschönigung, ja sogar eine regelrechte religiöse
Pflicht zur Gewaltanwendung, zum heiligen Zorn, dem Kampf des Guten gegen
das Böse, haben durchaus keinen Seltenheitswert. Kreuzzüge, Hexenwahn,
heiliger Krieg etwa kommen einem da spontan in den Sinn. Aber auch sublimere Formen
des Benutzens der religiösen oder pseudo-religiösen Gefühle eines
Volkes für die zielstrebige Durchsetzung machtpolitischer Ziele einiger weniger
führen zu ganz ähnlichen Ergebnissen: Gewalt in religiösem Gewand
- Gewalt gegen andere und auch Gewalt gegen sich selbst.
Es wurde bereits weiter oben angedeutet: Gar so neu ist die Erscheinung des freiwilligen
Selbstopfers um religiöser respektive religiös-nationaler Überzeugungen
willen nicht. Man denke nur an den Heldentod für Gott, Kaiser und Vaterland,
dessen jeweiligen Varianten wir in aller Herren Länder wiederbegegnen, etwa
in den jungen Kamikaze-Piloten der Japaner im Zweiten Weltkrieg. Sie sind unseren
Selbstmordattentätern schon sehr ähnlich. Für ihr Land und ihren Gott-Kaiser
stürzten sie sich bombenbeladen auf die feindlichen Kriegsschiffe, den sicheren
Tod vor Augen. Oder die sogenannten Assassinen, um ein Beispiel aus dem orientalischen
Raum zu nennen. Sie sind wohl die ersten, die die Bezeichnung Terroristen
verdienen. Entstanden im 11. Jahrhundert, kämpfte die schiitische Sekte, bewundert
von der Bevölkerung, mit Intrigen, Meuchelmorden und - man höre und staune
- Selbstmordattentaten gegen die verhaßten Kreuzritter und Abtrünnige
aus dem eigenen islamischen Lager. Der jeweilige Attentäter war ganz bewußt
allein mit einem Dolch bewaffnet, um auf jeden Fall nicht lebend aus der Sache herauszukommen.
Seine Tat, zu der er sich angeblich mit Haschisch stimuliert haben soll (daher auch
der Name hashashun, wörtlich: Hanf-Esser), sah er als religiösen
Akt, als Opfer für den Glauben an.
Selbstopfer genießen in der Regel eine fast abgöttische Verehrung in der
eigenen Gruppe oder Gesellschaft. Auch die palästinensischen Selbstmordattentäter
sind da keine Ausnahme: Sie sind die Idole der Kinder und Jugendlichen, die ihre
Bilder sammeln wie unsere Kinder die von Fußballspielern und Popstars. Die
Frage, ob die höheren Chargen der HAMAS ebenfalls an die Version einer religiösen
Mission des Opfertodes für Allah glauben, oder ob die jugendlichen Täter
für sie nur die sprichwörtlichen nützlichen Idioten sind
im Kampf um ihre eigenen Ziele - Stoppen des Friedensprozesses und Ausbau einer
Vormachtstellung gegenüber Arafats Fatah-Bewegung - , ist von außen
her nur schwer zu beantworten. Für uns nüchtern-aufgeklärte, säkularisierte
Europäer sind derartige Erscheinungen oft nur schwer verständlich und verdaulich.
Uns ist das Verständnis für politisch-religiöse Symbolik und die aus
ihr entspringenden Motivationen verlorengegangen. Wenig Sinn haben wir inzwischen
mehr für religiös-nationale Mythen, was angesichts unserer Vergangenheit
auch nicht unbedingt ein Fehler ist. Allerdings sollten wir uns hüten, bei der
Beschäftigung mit derartigen Phänomenen in anderen Kulturen unser eigenes
Weltbild allzu sehr zum Maß aller Dinge zu erheben. Verstehen wird man dadurch
wenig und nur Vorurteilen und Mißinterpretationen Tür und Tor öffnen.
Die oben geschilderte Ausbildung der Selbstmord-Attentäter erscheint uns nüchternen
Europäern als eine eiskalte Abrichtung von Kindern und Jugendlichen zu quasi
ferngesteuerten Killer-Maschinen. Aber vielleicht ist unser objektiver Blick von
der anderen Seite her betrachtet subjektiv. Wer vermag das so genau zu sagen...
Zentral ist meines Erachtens der hierzulande wenig moderne Begriff des
Helden. Helden, ob nun real oder mythisch, sind immer aus dem gleichen Stoff gestrickt:
meist sind sie jung, alle sind ungebunden und damit frei, sie sind außergewöhnlich
und mehr noch: in gewissem Sinne sind sie immer sogar regelrechte Außenseiter
in ihrer Umgebung - entweder hervorgehoben durch Rang, Schönheit, Klugheit,
Stärke o.ä., oder aber marginalisiert, an den Rand gedrängt: tapfere
Königssöhne; Halbgötter; arme, schwache Kinder, die als David den
Goliath besiegen; eine Jeanne dArc ...
Das Wort Held bedeutet (zumindest in unserer Sprache) ursprünglich freier
Mann, Krieger. Und Freiheit ist auch der eigentliche Schlüssel, Freiheit
und Freiwilligkeit. Denn gemeinsam ist ihnen allen: Sie sind freiwillige Opfer, welche
sich in tollkühner Todesverachtung dem Feind entgegenwerfen und so die Gemeinschaft
retten. Beim Märtyrer liegt die Betonung weniger auf der Freiheit, dafür
aber auf dem Ablegen eines (Blut-)Zeugnisses für die eigenen Werte. Auch er
nimmt wie der Held keinerlei Rücksicht auf eigene Interessen, die eigene Sicherheit.
Uns erscheinen heute Helden und Märtyrer als die fossilen Relikte einer anderen
Zeit, ein wenig einfältig in ihrer Opferbereitschaft, ja geradezu lächerlich,
weil wir es gewohnt sind, in rationalen Kosten-Nutzen-Kategorien zu denken. Wir verstehen
nicht mehr die Motive eines Helden, nicht die Mechanismen, das komplexe Zusammenspiel
des Helden mit seiner eigenen Gruppe, die verheerende Wirkung auf den Feind.
Das Auftreten von Helden ist an Zeiten der extremen Bedrohung gekoppelt. Gibt es nichts
zu retten, braucht man auch keine Helden. Ein Held bedeutet Einigung für eine
Gruppe, bedeutet die Kristallisation des eigenen kollektiven Überlebenswillens
respektive der unbedingten Notwendigkeit des Überdauerns der eigenen Religion,
Werte etc. in der Person des Helden. Er ist bereit, sich zu opfern, damit die Gemeinschaft
und ihre (über-individuellen) Werte weiterleben. Der Tod des Helden ist damit
paradoxerweise gleichzeitig eine Stärkung der Gemeinschaft, die damit (zumindest
ideell) zur uneinnehmbaren Festung wird. Mehr noch: Das Opfer des Helden verpflichet
die Zurückgebliebenen auch für die Zukunft, den Kampf mit allen Mitteln
fortzusetzen. Denn das Opfer darf ja nicht umsonst gewesen sein. Der Tod des Helden
oder Märtyrers schweißt so die Gemeinschaft zusammen zu einer Schicksalsgemeinschaft.
Dem Feind ist klar, daß nun ein Kampf auf Leben und Tod bevorsteht - bis zum
letzten Mann. Dementsprechend reagiert er denn auch mit Panik, Entsetzen, Fassungslosigkeit.
Wie ist einem Helden beizukommen? Seine Todesverachtung macht ihn frei und die Gegner
ohnmächtig. Er kann sich über alles hinwegsetzen, was Normalsterbliche
bindet: soziale und gesellschaftliche Zwänge und Konventionen einerseits; aber
er setzt sich auch über individuelle Zwänge, über seinen eigenen Egoismus,
hinweg. Er ist eigentlich schon nicht mehr von dieser Welt. Er ist bereits ein Teil
der nächsten, besseren Welt, für die er kämpft und zu sterben bereit
ist.
Das hat im Grunde sehr viel mit Terrorismus zu tun. Denn Terroristen morden und sterben
in der Regel keineswegs für ihre eigenen, egoistischen Ziele. Sie sind nicht
in erster Linie Verbrecher. Verbrechen begehen sie v.a. zur Aufrechterhaltung ihres
Lebens im Untergrund, mit der Zeit schließlich aus Gewohnheit. Zu Beginn jedoch
opfern auch sie sich wie die klassischen Helden für eine bessere Welt. Dementsprechend
werden sie auch von ihren Anhängern wie Helden und, nach ihrem gewaltsamen Tod,
wie Märtyrer verehrt.
Oben wurde angedeutet, die Abrichtung der islamistischen Selbst-Opfer sei eventuell
nur in unseren Augen ein Verbrechen an diesen Jugendlichen, die Ausbilder
eventuell nur für uns perfide Zyniker. Der Opfertod als Held jedenfalls
- glaubt man denn an die entsprechenden Mythen - ist ein eminent
wichtiges Ereignis für eine Gemeinschaft. Es kann und darf sich nicht einfach
irgendwie und rein zufällig so ergeben. Große Männer müssen
sich bewähren, werden erst durch vielerlei schwere Prüfungen zu dem gemacht,
was sie dann sind. Dieses Motiv kennen wir zur Genüge aus unserer eigenen Kultur,
ob aus der Religion, dem Epos, der Oper, aus Roman oder Film. Auch die (oft schmerzhaften)
Initiationsriten bei Naturvölkern bedeuten im Grunde nichts anderes als den
sinnfälligen Ausdruck eines Übergangs von einem Zustand in den anderen.
Und unsere Selbstmord-Attentäter gehen ebenfalls von einem sozusagen naiven
Vor-Zustand in den Zustand des tiefgläubigen, opferbereiten Helden und Märtyrers
über. In der Binnen-Logik des Heldenmythos ist der Trainingsprozeß
mehr als nur einfach Abrichtung. Die makabre Beerdigung bei lebendigem Leib hat zwar
einerseits den rationalen Effekt, nun dem Zielzustand eines abgebrühten Killers
nähergekommen zu sein. Das ist aber wohl nur die halbe Wahrheit, eben die rationale.
Symbolisch betrachtet sieht die Sache anders aus, haben wir es mit einem echten Initiationsritus
zu tun: Der Noch-nicht-Held wurde symbolisch begraben und als wahrhaft neuer Mensch
wiedergeboren, der sich jetzt seiner von Gott gewollten Aufgabe als würdig erweisen
wird.
All das Gesagte ist natürlich nur zutreffend aus einer radikalen
Innen-Perspektive, die wie besessen ständig um die Begriffe Held,
Opfer, Märtyrer kreist. Aber wie kommt man eigentlich
zu einem solch verrückten Standpunkt? Wie kann man die wirklichen
Opfer jener Opfer so völlig übersehen? Die verrückte
Weltsicht entspringt einem Denken, das gemeinhin als fundamentalistisch bezeichnet
wird. Und daß es starke fundamentalistische Tendenzen - auch mit durchaus
gewalttätigem Potential - gibt im Orient, steht außer Zweifel. Ebenso
allerdings, daß Fundamentalismus nicht beschränkt werden kann auf den
Islam. Fundamentalistische Geisteshaltungen kann es prinzipiell innerhalb jeder Religion
und Weltanschauung geben. Fundamentalismus zeichnet sich aus durch eine willkürliche
Abschließungsbewegung als Gegenströmung zur generellen Öffnung und
Pluralisierung modernder Gesellschaften. Die dahinterstehende Vorstellung ist wohl
die Suche nach Orientierung in einer als unüberschaubar empfundenen Welt.
Die wichtigsten Charakteristika solch fundamentalistischer Einstellungen sind:
Die Affinität zu Gewalt und Terrorismus liegt auf der Hand, ist aber nicht unbedingt
und in jedem Fall gegeben. Islam ist nicht gleich Fundamentalismus, und nicht jeder
Fundamentalist wird zum Terroristen. Fundamentalismus - oder besser: Islamismus
- ist lediglich die populistische Variante des Islam: Eine eklektizistische Melange
aus Mythen, Verschwörungstheorien, Religion, Tradition, Chauvinismus, Philosophie
etc. pp. wird als die Wahrheit ausgegeben und mit mehr oder weniger gewaltsamen Mitteln
nach außen hin durchgesetzt.
Der (Selbstmord-)Terrorismus der HAMAS ist in diesem Kampf der Fundamentalisten für
eine neue, bessere Welt nur eine von vielen Strategien. Aber in einer Gesellschaft,
die noch Sinn für Helden- und Märtyrertum hat, sicher eine effiziente Strategie,
um Anhänger zu gewinnen. Israel stellt in gewissem Sinne einen Sonderfall dar,
insofern als der Kampf für den Gottesstaat hier kombiniert ist mit ethnisch-politischer
Aufstandsgewalt. Der vielbeschworene sogenannte religiöse Terrorismus
ist damit also nicht unbedingt genuin religiös. Und, ohne in eine simple Milchmädchenrechnerei
zu verfallen, kann doch gesagt werden, daß die politisch-religiöse Diskriminierung
von Palästinensern durch die Israelis zusammen mit der derzeitigen Stimmungslage
auch in den anderen Ländern des islamischen Orients - Angst, Unsicherheit,
Überforderung durch die Komplexität zunehmend moderner und postmoderner
Gesellschaften - überhaupt erst empfänglich macht für Utopien aller
Art. Einfache Lösungen für komplexe Probleme, die man zuvor für regelrecht
unbewältigbar gehalten hatte: das ist eine Art populistischer Verführungen,
denen ja nicht zuletzt auch die angeblich so aufgeklärten Europäer schon
erlegen sind - mit den bekannten Folgen.
Rückwärtsgewandtheit und Pluralismus-Feindlichkeit haben wir also bei den
islamistischen Fundamentalisten ausgemacht. Aber das allein ist verkürzt und
auch zu aufgeklärt-europäisch gedacht. Im Grunde handelt es sich schlicht
um die völlige Unfähigkeit, mit dem Schlechten in der Welt
leben zu können. Der Fundamentalist kann und will es nicht akzeptieren als einen
Teil dieser Welt, einen Teil, den man letztlich nicht loswerden kann. Er will vielmehr
eine neue, gewissermaßen synthetische Welt errichten, aus der er das Böse
(oder vielmehr: was er dafür hält) auf immer verbannt. Damit hat das Ganze
auch eine ausgesprochen ästhetische Komponente: eine schöne neue
Welt, neu geschaffen, ohne Makel; Abbild der alten zwar, aber perfektioniertes
Abbild, ohne alle Kompromisse... Das ist Ästhetik. Aber es ist dies eine in
ihrer Unerbittlichkeit pathologisch anmutende, kalte, ja tote Ästhetik, die
keinen, auch nicht den geringsten Raum läßt für Abweichungen, für
spielerische Kreativität, Entwicklung und Dynamik, auch für notwendige
Irrwege nicht, kurzum: für das Leben selbst.
Dieses Leben, bunt und vielfältig, sonderbar, krumm und mißgestaltet bisweilen,
zum Teil sicherlich auch schlecht und grausam, es muß nach der Überzeugung
des Fundamentalisten augerottet werden, und zwar mit Stumpf und Stiel, radikal im
wahrsten Sinn des Wortes, damit der Künstler seine Version
von Schönheit, von Reinheit, vom Guten schlechthin realisieren kann. Und damit
das Kunstwerk auch gelinge, will er sozusagen bei einer neuen Stunde Null mit seinem
Werk beginnen. Er ist der autorisierte Vollstrecker des Schöpfers, der die Welt
in einem zweiten Schöpfungsakt neu erstehen läßt. Das aber ist das
eigentliche Problem: jene entfesselte Wut zum angeblich Guten, jene Kraft, die stets
das Gute will, aber das unglaublich Schlechte schafft, weil sie sich mit der Welt
und der menschlichen Natur, so wie sie sind, keinesfalls auch nur annähernd
arrangieren kann. Reformen gelten dem Fundamentalisten als Verrat am Ideal der neuen
Welt, er will Revolutionen, den totalen djihad, will alles und will es sofort.
Und weil er es mit ganzer Inbrunst will, glaubt er auch an den Erfolg. All seine
eigenen Erfahrungen mit der Welt und die der anderen vor ihm sind ihm nichts wert.
Er glaubt, und dieser Glaube scheint ihm Wissen, daß die neue Welt, die er
zu errichten hilft, eine Welt der göttlich-vollkommenen Harmonie sein werde.
Er hängt der Illusion nach, nach all den Scheußlichkeiten und Verbrechen,
die (nicht zuletzt von ihm selbst) um dieser Utopie willen begangen wurden, endlich
eine tabula rasa vorzufinden als das reine Fundament einer reinen Welt, bevölkert
nun ausschließlich mit guten und reinen Menschen.
Und so wird es wohl nicht so bald verschwinden, bassamat al-farah, das Lächeln
der Freude auf den Gesichtern jener jungen Idealisten am Tage ihres Selbstopfers,
dieser Idealisten, die den Boden zu bereiten glauben für das Paradies auf Erden
- wieder einmal eines dieser Paradiese, von denen schon so viele vor ihnen träumten
und die sich letztendlich dann doch immer als Hölle entpuppten.
· ein manichäisches Weltbild (extremes Freund-Feind-Denken)
· das Festhalten an der Sicherheit absoluter Wahrheiten bzw. Dogmen
· Irrationalität und Verschwörungsmythen
· Flucht vor der Realität in millenaristische Visionen von der angeblich
harmonischen Ur-Gemeinschaft (in unserem Fall die sogenannte umma)
· Protest gegen Säkularisierung und Pluralismus der Moderne
· Messianismus und (durchaus weltliche) Machtansprüche
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am Freitag, den 14. August 1998