Forschung

Von Marionetten, Helden und Terroristen

Islamisch-fundamentalistische Selbstmord-Attentäter in Israel

Von Edda Heiligsetzer

Jung ist er, sehr jung. Fast etwas Kindliches hat sein Gesicht noch. Doch trägt er bereits den Bart, der ihn als traditionell gläubigen Muslim ausweist. Jetzt ist er ruhig und gefaßt. Mehr noch: er ist in Hochstimmung. Die Vorbereitungen sind fast abgeschlossen. 62 Stunden hat er nun allein verbracht. Ununterbrochen, Tag und Nacht, hat er durch lautes Beten und religiöse Gesänge sich in die jetzige Stimmung versetzt, jenen eigentümlichen Zustand, jene Mischung aus Trance und unnatürlich gesteigerter Präsenz. Doch nun ist er bereit. Er hat gebadet, sich den Kopf geschoren - das Zeichen des “shahid”, des Auserwählten, des Märtyrers für Allah. Nun kleidet er sich an. Es ist die Uniform der israelischen Streitkräfte. Und auch der Bart ist jetzt ab. Man wird ihn nicht erkennen, keinen Verdacht schöpfen ... Noch ein letztes Mal wird er beten und sich dann mit den Helfern treffen, die ihn an den Ort seiner Bestimmung bringen. Sie haben ihn noch nie gesehen, wissen nicht, wer er ist, und auch er weiß nichts von ihnen. Alle haben erst an diesem Morgen Treffpunkt, Zeit und Einsatzort erfahren. Sobald sie in dessen Nähe angekommen sind, werden die Helfer ihn sofort verlassen. Er wird allein sein Ziel erreichen, zu Fuß oder mit dem öffentlichen Bus; allein wird er sein, mitten unter seinen Todfeinden. Aber er ist ganz ruhig, er wird sich nicht verraten, und niemand wird auch nur ahnen, was bevorsteht: Wie es vereinbart ist und wie er es in der letzten Woche gelernt hat, wird er die vielen Stangen Dynamit an seinem Körper zünden. Ein kleiner simpler Schalter in seiner Hosentasche ist über ein Drähtchen mit dem Sprengstoff verbunden. Er wird sterben, sterben in einem riesigen Feuersturm, sterben für Gott, für seinen Glauben und sein Volk. Und er wird viele, sehr viele seiner Feinde mit in den Tod reißen. Er ist glücklich. Er lächelt ...

Der hier abgedruckte Artikel entstand im Rahmen einer Magisterarbeit, welche Teil eines größeren Forschungsprojektes zum Thema “Terrorismus” ist, das am Lehrstuhl für Soziologie von Prof. Dr. Peter Waldmann bearbeitet wird.

Irrationalität oder Kalkül?

Auch hierzulande kennt man sie gut, die immer wieder gleichen Medienberichte von zertrümmerten Marktplätzen und Flanierstraßen in den pulsierenden Großstädten Israels, die Bilder des Entsetzens, der Trauer und der Wut, die Berichte über jenen jüdischen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, nach einem jeden abermaligen “Tag X” in zermürbender Kleinarbeit die Reste der Zerfetzten von den Hauswänden zu kratzen, um sie wenigstens halbwegs menschenwürdig zu bestatten.

Wie nur paßt das alles zusammen? Da badet und rasiert sich ein Mensch in aller Seelenruhe, dann aber geht er hin und richtet ein unbeschreibliches Massaker an, eine Orgie von Blut und Zerstörung, bei der auch er selbst ein mehr als unappetitliches Ende nimmt. Das Paradoxe des Geschehens ist überdeutlich: anscheinend völlige Irrationalität auf der einen und Kalkül auf der anderen Seite, amalgamiert in dieser einen Tat, dieser einen Person.

Was sind das für Leute, die so etwas tun und warum tun sie, was sie tun, weshalb geschieht es gerade auf diese furchtbare Weise? Die Liste der Fragen ließe sich beliebig verlängern. Auf der Suche nach Ursachen und Hintergründen, nach Klarheit im Dickicht dieser ganzen Konfusion vermag uns unsere eurozentristische Sicht in allerlei Sackgassen zu führen. Vorurteile - und wer unter uns wäre wirklich frei davon? - mischen sich mit Fassungslosigkeit, und wir sind nur allzu gern bereit, die ganze Sache abzutun als angebliche Eigenart des “orientalischen Charakters”. Erledigt. Punktum. Gott sei Dank, daß wir nicht so sind. Und mit dieser beruhigenden Feststellung könnte der vorliegende Essay an dieser Stelle eigentlich enden, was er natürlich nicht tut, denn wirklich interessant, allerdings auch kompliziert, wird das ganze Phänomen erst bei eingehender und differenzierter wissenschaftlicher Betrachtung.

Warum also? Warum um alles in der Welt sprengen sich diese Jungen und Mädchen - die jüngsten sind erst 15, keiner von ihnen älter als 27 - selbst in die Luft und reißen Dutzende, oft sogar Hunderte von unschuldigen Menschen, darunter zahllose Frauen und Kinder, in den Tod oder bescheren ihnen lebenslange Behinderungen? Man ist gut beraten, die auf den ersten Blick sich aufdrängende Irrationalität des Geschehens vorerst einmal hintanzustellen und sich der nach wie vor zentralen kriminalistischen Routinefrage seit Ciceros Tagen - “cui bono?” - zuzuwenden. Sie bringt uns schnell auf die Spur der Hintermänner, nämlich der entsprechenden Terrororganisation.

HAMAS - Die perfektionierte Kampfmaschine

HAMAS (Harakat al-muqawama al-islamiya), wörtlich: “Islamische Widerstandsbewegung”, ist eine streng hierarchische, regelrecht militärisch durchstrukturierte Organisation mit drei (halbwegs) unabhängigen Sektionen: Wohlfahrtspflege, Geheimdienst und (inklusive der sogenannten “Schock-Truppen”) die militärische Kampftruppe. In letzterer, die in bezug auf unser Thema von besonderem Interesse ist, sind alle Rangebenen jeweils nach unten hin abgeschottet, so daß das Gros der nächstunteren Abteilung ihre direkten Vorgesetzten nicht kennt. Nur einige wenige Personen sind der Verbindungskanal für die Nachrichten- bzw. Befehls-übermittlung. Auch jeweils innerhalb einer Stufe der Hierarchie gibt es solche “Schotten”, so daß sich letztlich immer nur kleine Trupps von 3-10 Aktivisten persönlich kennen. Diese unqud-Struktur (wörtlich: “Weintraube”) dient der absoluten Geheimhaltung und macht es Agenten äußerst schwer, in die HAMAS-Kampfmaschine einzudringen und, falls doch, größere Zusammenhänge zu erkennen. Denn, auch wenn keine Durchlässigkeit von unten nach oben existiert: die Überwachung von oben nach unten funktioniert perfekt. Eindringlinge können schnell entdeckt und eliminiert werden.

Mit 30-40% Anhängerschaft unter den Palästinensern ist HAMAS die immerhin zweitstärkste Gruppierung nach Arafats Fatah-Bewegung. Sie ist eine jener islamisch-fundamentalistischen Vereinigungen, die es in fast allen Ländern des Orients gibt und die in den letzten Jahren verstärkt auch unsere Aufmerksamkeit in Europa erregten durch spektakuläre Terror-Anschläge auf Politiker, Touristen oder die Zivilbevölkerung. HAMAS hat vieles gemeinsam mit diesen - die meisten sind Dependencen der ägyptischen Muslimbruderschaft, der ersten Gruppierung dieser Art überhaupt - , doch gibt es auch Unterschiede, die in der politischen Situation der Palästinenser in Israel zu suchen sind.

Entstanden erst 1988 im Gefolge der Intifada, des Aufstandes palästinensischer Kinder und Jugendlicher ab dem Jahre 1987, zielt ihr Kampf primär auf die Errichtung eines streng islamistischen Gottesstaates à la Iran oder Sudan. Allerdings beinhaltet dies natürlich die vorherige Zerstörung des israelischen Staatsgebildes (nach eigenen Angaben aber nicht zwangsläufig auch die Vernichtung der jüdischen Israelis) auf dem Boden Palästinas, welcher nach Aussagen der HAMAS als unveräußerlich islamisch gilt bis zum Jüngsten Tag. Irgendwann im Lauf der Geschichte einmal islamisch gewordene Gebiete gelten als waqf, als fromme Stiftung und damit als Gottes alleiniges Eigentum. Sie müssen, so die fundamentalistische Position, unter allen Umständen im djihad, dem Heiligen Krieg, zurückerobert werden. Politische Lösungen, Kompromisse, ein Sich-Arrangieren mit den Israelis fallen damit von vornherein flach. Dies erklärt auch die vehemente Feindseligkeit der HAMAS und anderer militanter Islamisten-Organisationen in Israel gegenüber dem Friedensprozeß. Dieser muß gestoppt werden, sonst ist die während der Intifada ja beinahe schon zum Greifen nah geglaubte Utopie des Gottesstaates wieder in weite Ferne gerückt. Die HAMAS setzt nach eigenen Aussagen denn auch folgerichtig auf eine Eskalation der Intifada zum “totalen djihad”. Und so überziehen HAMAS-Aktivisten das kleine Land (nicht einmal halb so groß wie Bayern) mit einer niemals abebbenden Welle der Gewalt: kaum eine Woche vergeht, ohne daß nicht Businsassen durch wahllose Schüsse aus fahrenden Autos getötet, Passanten erstochen oder auch einfach nur erschlagen werden. Am Tatort zurück bleibt ein Pamphlet mit HAMAS-Parolen.

In jenem totalen Heiligen Krieg, und damit sind wir wieder bei unserem eigentlichen Thema der Selbstmordattentäter, kann es für die Organisation als Ganzes nichts Vorteilhafteres als den Anschlag eines dieser “lebenden Sprengkörper” geben. Gegenüber einem konventionell geführten, offenen Bürgerkrieg oder herkömmlichen terroristischen Attacken gegen den mächtigen Gegner hat diese neue Strategie (die so neu gar nicht ist, wie wir noch sehen werden) ungeheure Vorteile. Denn das Selbstmordattentat ist eine Garantie für:
· die Optimierung von Präzision und Zielgenauigkeit der “militärischen Operation” (so der interne Jargon), da Schutzmaßnahmen für den Attentäter selbst wegfallen können. Er muß ja nicht anschließend in Sicherheit gebracht werden.
· einen maximalen Schaden, und zwar sowohl im Hinblick auf materielle wie auch psychologische Verletzungen des Feindes. Panik und Hysterie unter der Zivilbevölkerung sind ganz bewußt ein Bestandteil der terroristischen Strategie und nicht etwa nur billigend in Kauf genommen.
· die fast vollständige Nutzlosigkeit von Präventivmaßnahmen und eine verunmöglichte oder zumindest sehr erschwerte Fahndung nach Mittätern und Hintermännern.
· die spektakuläre und langfristige Erregung des internationalen Interesses - trotz “nur” 3 bis 4 Anschlägen pro Jahr.

Das heißt also, vom Standpunkt der terroristischen Bewegung aus betrachtet, handelt es sich hier um die “beste”, weil eben effizienteste Strategie von allen: Maximierung der Wirkung einerseits und Minimierung des Risikos andererseits. Auf der Strecke bleiben dabei unter anderem die, die für diese Art von djihad gebraucht werden: die jugendlichen Attentäter.

Die lebenden Bomben

Und an dieser Stelle stehen wir wiederum vor einem großen Fragezeichen. Denn so einleuchtend die oben geschilderte Strategie im Falle der Terror-Organisation als eines Kollektivs auch sein mag, fragt man sich natürlich, warum die lebenden Bomben selbst das Ganze mitmachen. Sie allein sind es ja, die - im wahrsten Sinne des Wortes - ihren Kopf hinhalten müssen. Und dazu muß man sie erst einmal bringen. Rationales Kalkül und nüchterne Strategien sind nur die eine Seite der Medaille. Betrachten wir also nun die andere. Sind die Täter womöglich wirklich freiwillige Kämpfer für den Glauben, die verlorenes waqf-Land zurückerobern wollen, wie es uns die HAMAS-Offiziellen weismachen wollen? Sind sie einfach bloß Fanatiker ohne Hirn, Verrückte, Lebensmüde, oder sind ihre Anschläge rein spontane Affekthandlungen? Sind diese jungen Leute also einfach Amokläufer? Oder werden die Attentäter gar getäuscht über die Konsequenzen ihrer Tat?

Eine schlüssige Beantwortung dieser Fragen per “Ferndiagnose” ist nicht ganz einfach. Nach den (leider begrenzten) Informationen, die der Wissenschaft zugänglich sind, scheinen aber die oben genannten, vordergründig doch einigermaßen plausibel erscheinenden Gründe für die Tat nicht zuzutreffen. Warum?

Suizid im eigentlichen Sinne kann praktisch ausgeschlossen werden. Erst einmal ist er nach dem Koran strengstens verboten. Sowohl die Täter selbst als auch ihre Organisation sprechen deshalb auch nie von “Selbstmord”. Sie nennen ihre Tat vielmehr einen “Opfertod für Allah”, ein “Selbstopfer”, ein “Martyrium”. Und wie an späterer Stelle noch zu zeigen sein wird, sind das durchaus nicht bloße Euphemismen.

Auch bei deutschen Jugendlichen ist Suizid eine der häufigsten Todesursachen überhaupt. Aber was ist das eigentlich Typische am “normalen” Selbstmord, wie wir ihn kennen? Suizid ist in sehr vielen Fällen eine Kurzschlußhandlung aufgrund einer persönlichen Krise. Motive sind meist soziale Konflikte mit den Eltern oder Liebeskummer. Ein solcher Selbstmord im Affekt aber ist das Martyrium der Selbstmordattentäter beileibe nicht: Ein überaus langes Training und die überraschende Tatsache, daß keine Freiwilligen als Täter angenommen werden, zeigt, daß es offenbar doch gar nicht so einfach ist, diese jungen Leute - auch wenn sie zum Teil unter erniedrigenden Bedingungen zu leben gezwungen sind - zu einem derartigen Schritt zu bewegen. Es handelt sich mit Sicherheit keineswegs um spontane Kurzschlußhandlungen, sondern um eine jeweils bis ins kleinste Detail geplante Aktion, die langer und intensivster Vorbereitungen bedarf.

Augenzeugen berichten überraschenderweise nicht selten, der Attentäter hätte unmittelbar vor der Tat einen regelrecht vor Glück strahlenden Gesichtsausdruck gezeigt - dieses Glück hat sogar einen eigenen Namen: “das Lächeln der Freude”. Auch die bis vor einiger Zeit üblichen selbstgedrehten Abschieds-Videos der Attentäter für ihre Angehörigen bestätigen diesen Eindruck. Depression und Todessehnsucht scheinen somit als Motiv nicht in Betracht zu kommen. Der Opfertod für den Glauben ist nach islamistischer Ideologie vielmehr ein freudiges Ereignis, das Martyrium wird als Geschenk für Allah empfunden.

Eine Täuschung der Täter durch ihre Führungsoffiziere ist speziell im Falle der Hamas eindeutig nicht gegeben. Die bisherigen Selbstmordattentäter wiesen allesamt kahlgeschorene Köpfe auf - das Zeichen des islamischen Märtyrers. Sie wußten also sehr genau im voraus, was auf sie zukam. Anzeichen dafür, daß die Sprengkörper im Falle eines “Versagens” der “Märtyrer” von der HAMAS ferngezündet werden (derartige Hinweise liegen beispielsweise für den Fall libanesischer “Selbstmord”-Attentäter vor), gibt es nicht. Ein solcher Rückzieher in letzter Minute ist durch die minutiöse Vorbereitung der Tat so gut wie ausgeschlossen.

Noch ein Wort zum Wahnsinn, den wir den Tätern so schnell zuzuschreiben bereit sind. Die Vermutung der Verrücktheit liegt insofern nicht ganz falsch, als es sich tatsächlich um einen sozusagen “verrückten” Standpunkt handelt: Die Attentäter haben im Verlauf ihrer zum Teil jahrelangen Ausbildung ein extrem selektives Wahrnehmungsraster ausgebildet, haben sich vom Wertekanon der übrigen Gesellschaft weit entfernt. Der Terminus “Gehirnwäsche” ist hier nicht so ganz fehl am Platze, obwohl die Indoktrination ja weitgehend freiwillig vor sich geht. Man könnte also eher von “preaching to the converted” sprechen. In unserem landläufigen Sinne verrückt aber sind die Selbstmordattentäter nicht.
“Altruistischer Opfertod” scheint demnach also wohl die korrekte Beschreibung für unser Phänomen zu sein. Aber wie kommt ein Mensch zu so viel Altruismus und warum ermordet er dabei unzählige unschuldige Zivilisten? Sind da nicht vielleicht doch auch eine Portion Egoismus, eine Portion Aggression und Mordlust oder anderes mit im Spiel?

Selbstverständlich fördert die jeweilige Terrorgruppe den aufkeimenden “Martyriums”-Wunsch ihres Kandidaten nach Kräften. Was von seiten der HAMAS getan werden kann, das wird getan. So versorgt die Organisation die Familie des “Selbstopfers” sowohl durch Einmalzahlungen als auch lebenslange Fürsorge in Form einer monatlichen Unterstützung in Höhe von 1000 $. Die Geschwister der Attentäter können mit Extra-Stipendien die höhere Schule und Universität besuchen, neue Häuser werden gebaut... Zwar verbietet der Koran [Sure 4,96] Krieg und Gewalt aus Gründen der persönlichen Bereicherung, und zwar auch gegen Ungläubige - jedenfalls sofern sie friedlich sind (und das ist natürlich das moralische Schlupfloch) - , aber vor allem bei den Ärmeren der Anwärter auf den Opfertod dürfte die materielle Sicherheit der gesamten Familie wohl doch bei der letzten Entscheidung eine gewisse Rolle spielen. Zumal, wenn man bedenkt, daß die religiösen Ideologen auch für das Jenseits nicht mit Versprechungen geizen: 70 Angehörige und Freunde des Täters dürfen ohne Ansehen ihres Lebenswandels mit ins Paradies, er selbst wird reichlich versorgt mit Jungfrauen, goldenen Palästen und überquellenden Festgelagen.

Konkrete Ergebnisse in bezug auf die individuellen Motive der Täter lauten übereinstimmend dahingehend, daß, obschon in der Tat individueller Natur, sich doch typische Muster ergeben, die sich offenbar bei den meisten Selbstmordattentätern wiederfinden lassen. Häufig auftretende Motivationsbündel bei Tätern sind demnach:
· Religiöse Opfer-Motive und Heilserwartungen, vermischt mit nationalem Extremismus und mythischen Allmachtsphantasien, das Blatt werde sich nun zugunsten der Palästinenser wenden.
· Rache für persönlich oder als Kollektiv erlittenes Unrecht und Demütigungen seitens der israelischen Sicherheitskräfte oder fanatischer israelischer Siedler. Der Suizid dient einmal der “gerechten” Bestrafung, zum anderen der Wiederherstellung der eigenen Würde.
· Imitation bewunderter Vorgänger, die bereits erfolgreiche Selbstmordattentate ausführten.
Die emotionale Bindung an HAMAS ist offensichtlich sehr stark, so daß die Selbstmordattentäter über die reine Nachahmung hinaus auch so etwas wie eine Verpflichtung verspüren, HAMAS nicht zu enttäuschen.
· Reinwaschen von einem eventuellen Vorwurf der Kollaboration oder der Feigheit gegenüber den israelischen Sicherheitskräften.

Märtyrer oder Marionetten? - Der Trainingsprozeß

So sehr die Terror-Organisation auch darauf aus ist, einem potentiellen Kandidaten den Opfertod soweit zu versüßen, daß er ihn als sein Schicksal und seine Berufung annimmt, sowenig Interesse besteht offensichtlich daran, jeden x-beliebigen Freiwilligen zu gewinnen, die paradoxerweise in der Regel nicht angenommen werden.

Dem Selbstmordattentat ist vielmehr ein langer und komplexer Selektions- und Trainingsprozeß vorgeschaltet, bei dem immer nur die geeignetsten Anwärter für die ehrenvolle Aufgabe erwählt werden. Und das ist auch der Unterschied zwischen dem fundamentalistisch-religiösen und dem herkömmlichen Attentat: einmal wird der Betreffende nicht selbst aktiv, er wird vielmehr ausgewählt, und dann wird er nicht ausgewählt, um es tun zu müssen, sondern zu dürfen.

Zum Teil bereits als Kinder - die Wohlfahrts-Sektion der HAMAS unterhält Bildungseinrichtungen von Kindergärten über Grundschulen bis zur Universität - werden im Religionsunterricht die unter Umständen geeigneten Anwärter anvisiert. Meist aber handelt es sich bereits um Schüler oder Studenten, die schon einer der mehr oder minder radikalen HAMAS- oder Djihad-Organisationen angehören. Potentielle Kandidaten sind 12 bis 17 Jahre alt. Ganz en passant wird in den HAMAS-eigenen Schulen und Moscheen die Rede auf die Selbtmordattentate gelenkt; Kinder und Jugendliche, die sich als besonders interessiert und begeistert zeigen, werden alsbald von den anderen segregiert und in eigenen Gruppen zusammengefaßt, wo eine weitere Selektionsrunde beginnt.

Bereits zu diesem Zeitpunkt läßt sich ein gewisses “Täter”-Profil erkennen. Diese Schüler und Studenten haben fast alle einen nahen Freund, der von den Israelis getötet, verwundet oder inhaftiert wurde. Sie haben zum Teil gewalttätige Übergriffe der israelischen Besatzungssoldaten auf die eigene Familie miterlebt, wurden selbst mißhandelt... Manche schämen sich vor ihren Freunden, sich während der Intifada nicht getraut zu haben, Steine zu werfen. Dies ist das “Rohmaterial”, aus dem man Terroristen formt.
Potentielle Selbstmord-Kandidaten besuchen nun gesonderte Klassen der Koranschulen, in denen speziell geschulte Geistliche mit ihnen jene Stellen des Koran und anderer religiöser Schriften besprechen, die den Kampf und den freiwilligen Opfertod für den Glauben idealisieren. Daneben stellt massive anti-israelische Propaganda den zweiten Schwerpunkt der ideologischen Ausbildung dar.

Im praktischen Teil des Rekrutierungsprozesses werden den Selbstmord-Schülern verschiedene Aufgaben gestellt, in denen sie ihre Zuverlässigkeit, ihren Mut oder ihre Verschwiegenheit unter Beweis stellen müssen. Dazu gehören so makabre Tests wie die Beerdigung bei lebendigem Leib, um zu sehen, ob dieser Schock die Festigkeit ihres Vorhabens beeinflussen kann. Waffenschmuggel, Autodiebstahl, Fälschen von Ausweisen und Ähnliches sind da nur die “harmloseren” Varianten. Wer bei diesen Prüfungen, in denen Lebensgefahr sozusagen zum Prüfungsstoff gehört, versagt - sprich: Angst zeigt, irgendwelche ablenkenden Nebengedanken hat, in Mimik oder Körpersprache seine Gedanken verrät - , kommt für den Ernstfall nicht in Frage und wird ausgesondert. Interessant ist, daß die so Ausgebildeten durchaus nicht von Anfang an erfahren, um was es geht. Sie werden ausgesucht und haben bis zu einem späteren Zeitpunkt der sogenannten “Kristallisation”, den der Ausbilder bestimmt - zu dem sie aber schon derart infiltriert sind, daß ein Aussteigen unwahrscheinlich ist - , nicht die Möglichkeit, “nein” zu sagen. Das heißt, darüber, ob jemand aussteigt oder nicht, bestimmt allein der Ausbilder, und zwar je nach den Eigenschaften des Probanden, also allein entsprechend den Interessen der Organisation und nicht des “Opfers”. In dieser Hinsicht ist der religiöse Terminus “Opfer” durchaus angebracht, wenn auch in einem anderen, perversen Sinn.

In der letzten Phase findet eine physische und mentale Isolierung von der Familie und den Freunden statt: die Selbstmord-Anwärter werden in kleinen Trupps von 3 bis 5 Schülern oder Studenten zusammengefaßt. Eine solche Isolation ist (abgesehen vom Geheimhaltungsaspekt) deshalb im Sinne der Ausbilder, da so die eventuellen Hemmungen leichter abgebaut werden. Ein Blutbad unter Zivilisten richtet nur jemand an, der bereits jeden Bezug zum Alltag, zu den Normen und Werten der Normalgesellschaft verloren hat. Die Isolierung findet plötzlich und ohne irgendwelche Erklärungen für irgendjemanden statt. Erst etwa 10 Tage vor dem Anschlag lernt das Selbstopfer seinen “operator”, seinen persönlichen Führungsoffizier, kennen. Dieser hat die Bombe gebaut, hat im Hintergrund die Selektion überwacht; er ist es auch, der den Befehl der geistlichen Führer erhalten hat, daß nunmehr wieder ein Attentat verübt werden soll. Der (mutmaßlich) vom israelischen Geheimdienst ermordete palästinensische Bombenbauer Ayyash, verantwortlich für 77 ermordete und an die 300 verletzte Israelis, war beispielsweise ein solcher Führungsoffizier (offizielle israelische Stellen sprechen allerdings sogar davon, Ayyash hätte möglicherweise dem Generalstab selbst angehört). Die lebende Bombe lernt nun erst ihr eigentliches Handwerkszeug: die Handhabung der tödlichen Fracht. Aus Sicherheitsgründen, aber auch, um einen eventuellen Rückzieher des angeblich so freiwilligen “Selbstopfers” zu vermeiden, findet diese Einweisung erst zu einem so späten Zeitpunkt statt. Jetzt erfolgt noch einmal eine Intensivierung der Indoktrination, die Tat selbst wird unmittelbar vorbereitet durch tagelang laut gesungene Gebete. Die dadurch hervorgerufene tranceartige Hochstimmung in Erwartung des zum Greifen nahen Paradieses hält offenbar bis zum Augenblick des Todes an.

Ausgewählte Literatur
zum Thema

· BEN-YISHAI, Ron: Anatomy of a Suicide; in: Yediot Aharonot, 27. Januar 1995.
· HAMAS: The Charter of Allah: The Platform of the Islamic Resistance Movement; engl. Übersetzung des arabischen Originals durch Harry Truman Research Institute, Hebrew University, Jerusalem [Internet: gopher://israel-info.gov.il:70/00/terror/ 880818.ter].
· Informationsabteilung des israelischen Außenministeriums: HAMAS - The Islamic Resistance Movement; 1993 [Internet: gopher://israel-info.gov.il: 70/00/terror/930100.ter].
· KIENZLER, Klaus: Der religiöse Fundamentalismus. Christentum · Judentum · Islam; Beck, 1996.
· DER KORAN; Einleitungen und Anmerkungen von Annemarie Schimmel, Reclam, 1960.
· KUSHNER, Harvey W.: Suicide Bombers: Business as Usual; in: Studies in Conflict and Terrorism, 19:1996, S.329-337.
· MARTY, Martin E./APPLEBY, R. Scott (eds.): The Fundamentalism Project; Volume 1-4; The University of Chicago Press, 1994 (letzter Band).
· MEIER, Andreas: Politische Strömungen im modernen Islam. Quellen und Kommentare; Bundeszentrale für politische Bildung, 1995.
· REGEV, David: Profile of a Terrorist; in: Yediot Aharonot

Der Kampf gegen den Unglauben - Religion und Gewalt

Auf den ersten Blick scheint die Kombination von Religion und Gewalt zutiefst widersinnig. Denn fast alle Religionen dieser Erde - auch der Islam - betonen durchaus ähnliche ethische Grundwerte und soziale Tugenden: friedliches Zusammenleben, Verzeihung, Toleranz, Achtung vor dem Leben, Schutz der Schwachen und Hilflosen etc. Aber, bei genauerer Betrachtung müssen wir doch feststellen, daß die hehren Ideale nicht selten mißbraucht werden für die Legitimierung ihres diametralen Gegenteils.

Gewalt und ihre religiöse Beschönigung, ja sogar eine regelrechte religiöse Pflicht zur Gewaltanwendung, zum “heiligen Zorn”, dem Kampf des Guten gegen das Böse, haben durchaus keinen Seltenheitswert. Kreuzzüge, Hexenwahn, heiliger Krieg etwa kommen einem da spontan in den Sinn. Aber auch sublimere Formen des Benutzens der religiösen oder pseudo-religiösen Gefühle eines Volkes für die zielstrebige Durchsetzung machtpolitischer Ziele einiger weniger führen zu ganz ähnlichen Ergebnissen: Gewalt in religiösem Gewand - Gewalt gegen andere und auch Gewalt gegen sich selbst.

Es wurde bereits weiter oben angedeutet: Gar so neu ist die Erscheinung des freiwilligen Selbstopfers um religiöser respektive religiös-nationaler Überzeugungen willen nicht. Man denke nur an den Heldentod “für Gott, Kaiser und Vaterland”, dessen jeweiligen Varianten wir in aller Herren Länder wiederbegegnen, etwa in den jungen Kamikaze-Piloten der Japaner im Zweiten Weltkrieg. Sie sind unseren Selbstmordattentätern schon sehr ähnlich. Für ihr Land und ihren Gott-Kaiser stürzten sie sich bombenbeladen auf die feindlichen Kriegsschiffe, den sicheren Tod vor Augen. Oder die sogenannten Assassinen, um ein Beispiel aus dem orientalischen Raum zu nennen. Sie sind wohl die ersten, die die Bezeichnung “Terroristen” verdienen. Entstanden im 11. Jahrhundert, kämpfte die schiitische Sekte, bewundert von der Bevölkerung, mit Intrigen, Meuchelmorden und - man höre und staune - Selbstmordattentaten gegen die verhaßten Kreuzritter und Abtrünnige aus dem eigenen islamischen Lager. Der jeweilige Attentäter war ganz bewußt allein mit einem Dolch bewaffnet, um auf jeden Fall nicht lebend aus der Sache herauszukommen. Seine Tat, zu der er sich angeblich mit Haschisch stimuliert haben soll (daher auch der Name hashashun, wörtlich: Hanf-Esser), sah er als religiösen Akt, als Opfer für den Glauben an.

Selbstopfer genießen in der Regel eine fast abgöttische Verehrung in der eigenen Gruppe oder Gesellschaft. Auch die palästinensischen Selbstmordattentäter sind da keine Ausnahme: Sie sind die Idole der Kinder und Jugendlichen, die ihre Bilder sammeln wie unsere Kinder die von Fußballspielern und Popstars. Die Frage, ob die höheren Chargen der HAMAS ebenfalls an die Version einer religiösen Mission des Opfertodes für Allah glauben, oder ob die jugendlichen Täter für sie nur die sprichwörtlichen “nützlichen Idioten” sind im Kampf um ihre eigenen Ziele - Stoppen des Friedensprozesses und Ausbau einer Vormachtstellung gegenüber Arafats Fatah-Bewegung - , ist von außen her nur schwer zu beantworten. Für uns nüchtern-aufgeklärte, säkularisierte Europäer sind derartige Erscheinungen oft nur schwer verständlich und verdaulich. Uns ist das Verständnis für politisch-religiöse Symbolik und die aus ihr entspringenden Motivationen verlorengegangen. Wenig Sinn haben wir inzwischen mehr für religiös-nationale Mythen, was angesichts unserer Vergangenheit auch nicht unbedingt ein Fehler ist. Allerdings sollten wir uns hüten, bei der Beschäftigung mit derartigen Phänomenen in anderen Kulturen unser eigenes Weltbild allzu sehr zum Maß aller Dinge zu erheben. Verstehen wird man dadurch wenig und nur Vorurteilen und Mißinterpretationen Tür und Tor öffnen. Die oben geschilderte Ausbildung der Selbstmord-Attentäter erscheint uns nüchternen Europäern als eine eiskalte Abrichtung von Kindern und Jugendlichen zu quasi ferngesteuerten Killer-Maschinen. Aber vielleicht ist unser objektiver Blick von der anderen Seite her betrachtet subjektiv. Wer vermag das so genau zu sagen...

Das Opfer des Helden

Zentral ist meines Erachtens der hierzulande wenig moderne Begriff des Helden. Helden, ob nun real oder mythisch, sind immer aus dem gleichen Stoff gestrickt: meist sind sie jung, alle sind ungebunden und damit frei, sie sind außergewöhnlich und mehr noch: in gewissem Sinne sind sie immer sogar regelrechte Außenseiter in ihrer Umgebung - entweder hervorgehoben durch Rang, Schönheit, Klugheit, Stärke o.ä., oder aber marginalisiert, an den Rand gedrängt: tapfere Königssöhne; Halbgötter; arme, schwache Kinder, die als David den Goliath besiegen; eine Jeanne d’Arc ...

Das Wort Held bedeutet (zumindest in unserer Sprache) ursprünglich “freier Mann, Krieger”. Und Freiheit ist auch der eigentliche Schlüssel, Freiheit und Freiwilligkeit. Denn gemeinsam ist ihnen allen: Sie sind freiwillige Opfer, welche sich in tollkühner Todesverachtung dem Feind entgegenwerfen und so die Gemeinschaft retten. Beim Märtyrer liegt die Betonung weniger auf der Freiheit, dafür aber auf dem Ablegen eines (Blut-)Zeugnisses für die eigenen Werte. Auch er nimmt wie der Held keinerlei Rücksicht auf eigene Interessen, die eigene Sicherheit.

Uns erscheinen heute Helden und Märtyrer als die fossilen Relikte einer anderen Zeit, ein wenig einfältig in ihrer Opferbereitschaft, ja geradezu lächerlich, weil wir es gewohnt sind, in rationalen Kosten-Nutzen-Kategorien zu denken. Wir verstehen nicht mehr die Motive eines Helden, nicht die Mechanismen, das komplexe Zusammenspiel des Helden mit seiner eigenen Gruppe, die verheerende Wirkung auf den Feind.

Das Auftreten von Helden ist an Zeiten der extremen Bedrohung gekoppelt. Gibt es nichts zu retten, braucht man auch keine Helden. Ein Held bedeutet Einigung für eine Gruppe, bedeutet die Kristallisation des eigenen kollektiven Überlebenswillens respektive der unbedingten Notwendigkeit des Überdauerns der eigenen Religion, Werte etc. in der Person des Helden. Er ist bereit, sich zu opfern, damit die Gemeinschaft und ihre (über-individuellen) Werte weiterleben. Der Tod des Helden ist damit paradoxerweise gleichzeitig eine Stärkung der Gemeinschaft, die damit (zumindest ideell) zur uneinnehmbaren Festung wird. Mehr noch: Das Opfer des Helden verpflichet die Zurückgebliebenen auch für die Zukunft, den Kampf mit allen Mitteln fortzusetzen. Denn das Opfer darf ja nicht umsonst gewesen sein. Der Tod des Helden oder Märtyrers schweißt so die Gemeinschaft zusammen zu einer Schicksalsgemeinschaft. Dem Feind ist klar, daß nun ein Kampf auf Leben und Tod bevorsteht - bis zum letzten Mann. Dementsprechend reagiert er denn auch mit Panik, Entsetzen, Fassungslosigkeit. Wie ist einem Helden beizukommen? Seine Todesverachtung macht ihn frei und die Gegner ohnmächtig. Er kann sich über alles hinwegsetzen, was Normalsterbliche bindet: soziale und gesellschaftliche Zwänge und Konventionen einerseits; aber er setzt sich auch über individuelle Zwänge, über seinen eigenen Egoismus, hinweg. Er ist eigentlich schon nicht mehr von dieser Welt. Er ist bereits ein Teil der nächsten, besseren Welt, für die er kämpft und zu sterben bereit ist.

Das hat im Grunde sehr viel mit Terrorismus zu tun. Denn Terroristen morden und sterben in der Regel keineswegs für ihre eigenen, egoistischen Ziele. Sie sind nicht in erster Linie Verbrecher. Verbrechen begehen sie v.a. zur Aufrechterhaltung ihres Lebens im Untergrund, mit der Zeit schließlich aus Gewohnheit. Zu Beginn jedoch opfern auch sie sich wie die klassischen Helden für eine bessere Welt. Dementsprechend werden sie auch von ihren Anhängern wie Helden und, nach ihrem gewaltsamen Tod, wie Märtyrer verehrt.

Oben wurde angedeutet, die Abrichtung der islamistischen Selbst-Opfer sei eventuell nur in unseren Augen ein Verbrechen an diesen Jugendlichen, die Ausbilder eventuell nur für uns perfide Zyniker. Der Opfertod als Held jedenfalls - glaubt man denn an die entsprechenden Mythen - ist ein eminent
wichtiges Ereignis für eine Gemeinschaft. Es kann und darf sich nicht einfach irgendwie und rein zufällig so ergeben. Große Männer müssen sich bewähren, werden erst durch vielerlei schwere Prüfungen zu dem “gemacht”, was sie dann sind. Dieses Motiv kennen wir zur Genüge aus unserer eigenen Kultur, ob aus der Religion, dem Epos, der Oper, aus Roman oder Film. Auch die (oft schmerzhaften) Initiationsriten bei Naturvölkern bedeuten im Grunde nichts anderes als den sinnfälligen Ausdruck eines Übergangs von einem Zustand in den anderen. Und unsere Selbstmord-Attentäter gehen ebenfalls von einem sozusagen naiven Vor-Zustand in den Zustand des tiefgläubigen, opferbereiten Helden und Märtyrers über. In der Binnen-Logik des Heldenmythos’ ist der Trainingsprozeß mehr als nur einfach Abrichtung. Die makabre Beerdigung bei lebendigem Leib hat zwar einerseits den rationalen Effekt, nun dem Zielzustand eines abgebrühten Killers nähergekommen zu sein. Das ist aber wohl nur die halbe Wahrheit, eben die rationale. Symbolisch betrachtet sieht die Sache anders aus, haben wir es mit einem echten Initiationsritus zu tun: Der Noch-nicht-Held wurde symbolisch begraben und als wahrhaft neuer Mensch wiedergeboren, der sich jetzt seiner von Gott gewollten Aufgabe als würdig erweisen wird.

Fundamentalismus

All das Gesagte ist natürlich nur zutreffend aus einer radikalen Innen-Perspektive, die wie besessen ständig um die Begriffe “Held”, “Opfer”, “Märtyrer” kreist. Aber wie kommt man eigentlich zu einem solch “verrückten” Standpunkt? Wie kann man die wirklichen Opfer jener “Opfer” so völlig übersehen? Die “verrückte” Weltsicht entspringt einem Denken, das gemeinhin als fundamentalistisch bezeichnet wird. Und daß es starke fundamentalistische Tendenzen - auch mit durchaus gewalttätigem Potential - gibt im Orient, steht außer Zweifel. Ebenso allerdings, daß Fundamentalismus nicht beschränkt werden kann auf den Islam. Fundamentalistische Geisteshaltungen kann es prinzipiell innerhalb jeder Religion und Weltanschauung geben. Fundamentalismus zeichnet sich aus durch eine willkürliche Abschließungsbewegung als Gegenströmung zur generellen Öffnung und Pluralisierung modernder Gesellschaften. Die dahinterstehende Vorstellung ist wohl die Suche nach Orientierung in einer als unüberschaubar empfundenen Welt.

Die wichtigsten Charakteristika solch fundamentalistischer Einstellungen sind:
· ein manichäisches Weltbild (extremes Freund-Feind-Denken)
· das Festhalten an der Sicherheit absoluter Wahrheiten bzw. Dogmen
· Irrationalität und Verschwörungsmythen
· Flucht vor der Realität in millenaristische Visionen von der angeblich harmonischen Ur-Gemeinschaft (in unserem Fall die sogenannte umma)
· Protest gegen Säkularisierung und Pluralismus der Moderne
· Messianismus und (durchaus weltliche) Machtansprüche

Die Affinität zu Gewalt und Terrorismus liegt auf der Hand, ist aber nicht unbedingt und in jedem Fall gegeben. Islam ist nicht gleich Fundamentalismus, und nicht jeder Fundamentalist wird zum Terroristen. Fundamentalismus - oder besser: Islamismus - ist lediglich die populistische Variante des Islam: Eine eklektizistische Melange aus Mythen, Verschwörungstheorien, Religion, Tradition, Chauvinismus, Philosophie etc. pp. wird als die Wahrheit ausgegeben und mit mehr oder weniger gewaltsamen Mitteln nach außen hin durchgesetzt.

Der (Selbstmord-)Terrorismus der HAMAS ist in diesem Kampf der Fundamentalisten für eine neue, bessere Welt nur eine von vielen Strategien. Aber in einer Gesellschaft, die noch Sinn für Helden- und Märtyrertum hat, sicher eine effiziente Strategie, um Anhänger zu gewinnen. Israel stellt in gewissem Sinne einen Sonderfall dar, insofern als der Kampf für den Gottesstaat hier kombiniert ist mit ethnisch-politischer Aufstandsgewalt. Der vielbeschworene sogenannte “religiöse Terrorismus” ist damit also nicht unbedingt genuin religiös. Und, ohne in eine simple Milchmädchenrechnerei zu verfallen, kann doch gesagt werden, daß die politisch-religiöse Diskriminierung von Palästinensern durch die Israelis zusammen mit der derzeitigen Stimmungslage auch in den anderen Ländern des islamischen Orients - Angst, Unsicherheit, Überforderung durch die Komplexität zunehmend moderner und postmoderner Gesellschaften - überhaupt erst empfänglich macht für Utopien aller Art. Einfache Lösungen für komplexe Probleme, die man zuvor für regelrecht unbewältigbar gehalten hatte: das ist eine Art populistischer Verführungen, denen ja nicht zuletzt auch die angeblich so aufgeklärten Europäer schon erlegen sind - mit den bekannten Folgen.

Rückwärtsgewandtheit und Pluralismus-Feindlichkeit haben wir also bei den islamistischen Fundamentalisten ausgemacht. Aber das allein ist verkürzt und auch zu aufgeklärt-europäisch gedacht. Im Grunde handelt es sich schlicht um die völlige Unfähigkeit, mit “dem Schlechten” in der Welt leben zu können. Der Fundamentalist kann und will es nicht akzeptieren als einen Teil dieser Welt, einen Teil, den man letztlich nicht loswerden kann. Er will vielmehr eine neue, gewissermaßen synthetische Welt errichten, aus der er das Böse (oder vielmehr: was er dafür hält) auf immer verbannt. Damit hat das Ganze auch eine ausgesprochen ästhetische Komponente: eine “schöne neue Welt”, neu geschaffen, ohne Makel; Abbild der alten zwar, aber perfektioniertes Abbild, ohne alle Kompromisse... Das ist Ästhetik. Aber es ist dies eine in ihrer Unerbittlichkeit pathologisch anmutende, kalte, ja tote Ästhetik, die keinen, auch nicht den geringsten Raum läßt für Abweichungen, für spielerische Kreativität, Entwicklung und Dynamik, auch für notwendige Irrwege nicht, kurzum: für das Leben selbst.

Dieses Leben, bunt und vielfältig, sonderbar, krumm und mißgestaltet bisweilen, zum Teil sicherlich auch schlecht und grausam, es muß nach der Überzeugung des Fundamentalisten augerottet werden, und zwar mit Stumpf und Stiel, radikal im wahrsten Sinn des Wortes, damit der “Künstler” seine Version von Schönheit, von Reinheit, vom Guten schlechthin realisieren kann. Und damit das Kunstwerk auch gelinge, will er sozusagen bei einer neuen Stunde Null mit seinem Werk beginnen. Er ist der autorisierte Vollstrecker des Schöpfers, der die Welt in einem zweiten Schöpfungsakt neu erstehen läßt. Das aber ist das eigentliche Problem: jene entfesselte Wut zum angeblich Guten, jene Kraft, die stets das Gute will, aber das unglaublich Schlechte schafft, weil sie sich mit der Welt und der menschlichen Natur, so wie sie sind, keinesfalls auch nur annähernd arrangieren kann. Reformen gelten dem Fundamentalisten als Verrat am Ideal der neuen Welt, er will Revolutionen, den totalen djihad, will alles und will es sofort. Und weil er es mit ganzer Inbrunst will, glaubt er auch an den Erfolg. All seine eigenen Erfahrungen mit der Welt und die der anderen vor ihm sind ihm nichts wert. Er glaubt, und dieser Glaube scheint ihm Wissen, daß die neue Welt, die er zu errichten hilft, eine Welt der göttlich-vollkommenen Harmonie sein werde. Er hängt der Illusion nach, nach all den Scheußlichkeiten und Verbrechen, die (nicht zuletzt von ihm selbst) um dieser Utopie willen begangen wurden, endlich eine tabula rasa vorzufinden als das reine Fundament einer reinen Welt, bevölkert nun ausschließlich mit guten und reinen Menschen.

Und so wird es wohl nicht so bald verschwinden, bassamat al-farah, das “Lächeln der Freude” auf den Gesichtern jener jungen Idealisten am Tage ihres “Selbstopfers”, dieser Idealisten, die den Boden zu bereiten glauben für das Paradies auf Erden - wieder einmal eines dieser Paradiese, von denen schon so viele vor ihnen träumten und die sich letztendlich dann doch immer als Hölle entpuppten.


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Zuletzt geändert von presse@www.uni-augsburg.de am Freitag, den 14. August 1998