Berichte

Erzählt sie weiter, unsere Geschichten!

Zwei Irinnen und ein Ire in der Gastpoeten-Reihe

Eine wandelnde Ein-Mann-Show, eine leise Dame mit sanftem Blick und ein rothaariger Ausbund an Geschichten: Die drei nordirischen Autoren, die drei Tage lang an der Universität Augsburg zu Besuch waren, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Wer noch Klischees von Irland und den Iren im Kopf hatte, mußte sie schnell über Bord werfen. Mit Hilfe der Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg und des British Council hatte der Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft einen Einblick in die zeitgenössische Literatur Nordirlands ermöglicht. Zu Gast waren der Romanautor Robert McLiam Wilson, die Lyrikerin Medbh McGuckian und die Geschichtenerzählerin Liz Weir.

Daß der 33jährige Robert McLiam Wilson Auftritte liebt, war schnell klar. Schon die einführenden Worte von Literaturprofessor Walter Pache unterbrach er im vollbesetzten Hörsaal immer wieder mit launigen Bemerkungen. Als er selbst am Rednerpult stand, versicherte er sich zunächst, daß niemand aus dem Publikum ihn schon einmal erlebt hatte: “Ich erzähle immer dieselben Witze.” Und davon hatte er einige zu bieten. Ob es sich um seine bettelarme Kindheit in Belfast handelte, um sein (abgebrochenes) Studium in Cambridge oder um sein jetziges Leben als renommierter Autor - zu allem hatte Wilson Anekdoten parat. Die Lesung aus seinem jüngsten Roman Eureka Street begann er folglich auch mit dem Vortrag des “längsten Witzes” des Buches: die Geschichte eines protestantischen Jungen, der seine katholischen Freunde durch ein Foto von ihm mit dem Papst beeindrucken möchte.

Robert McLiam Wilson spottet gerne. Er macht sich lustig über den Konflikt in Nordirland, euphemistisch “the Troubles” genannt, über pubertierende Jungs oder über die Renaissance des Gälischen in seiner Heimat - besonders stolz war er, daß es im Gälischen einen Ausruck gibt “for having sex with a woman without her noticing”. Bei allen seinen Witzeleien machte er aber klar, wie sehr ihm die beteiligten Menschen dabei am Herzen liegen und wie sehr ihm jede Form von Gewalt zuwider ist. Da Wilson Kettenraucher ist und schon nach einer halben Stunde begann, mit einer Zigarette zu spielen, verlagerte sich die Fragerunde nach der Lesung schnell auf den Bereich vor dem Hörsaal. Dort signierte er nicht nur seine Bücher, sondern beantwortete auch weitere Fragen dazu und gab praktische Lebenshilfe zu persönlichen Problemen.

Völlig anders gestaltete sich die Lesung am zweiten Abend: Medbh McGuckian las in der Bibliothek aus ihren Gedichten. Leise und mit gesenktem Blick versuchte sie die Entstehung und den Hintergrund ihrer ausgesprochen komplexen Lyrik zu erklären. Zu einem Gedicht berichtete McGuckian von ihrer Suche nach Büchern von vergessenen irischen Autorinnen: “In den Bibliotheken stehen Hunderte davon; bei den meisten sind auch nach Jahrzehnten noch nicht einmal die Seiten aufgeschnitten.” Große Teile ihrer jüngsten, noch unveröffentlichten Werke, erklärte sie mit der veränderten Situation in Nordirland nach dem Waffenstillstand: selbst Bahnreisen seien anders geworden.

Liz Weir hat sich einen Namen als Geschichtenerzählerin gemacht. Sie sammelt Geschichten nicht nur aus Irland, veranstaltet Kongresse und setzt alles daran, daß das mündliche Erzählen nicht ausstirbt. Von einer Autoren-”Lesung” konnte deshalb auch nicht die Rede sein. Weir, deren sprühende Lebensfreude wohl nur von ihren feuerroten Locken übertroffen wird, baute sich vor ihren erwartungsvollen Zuhörern und Zuhörerinnen im überfüllten Seminarraum auf - und forderte das Publikum zunächst auf, ihr den Titel ihres Kinderbuches Boom Chicka Boom nachzusprechen, nachzuflüstern, nachzubrüllen.

Erst nachdem diese Übung zu ihrer Zufriedenheit funktioniert hatte, begann Weir zu erzählen. Ihre Geschichten reichten von alten Sagen und Märchen mit verführerischen Feen und schlauen Bauerstöchtern bis zu Anekdoten, die sie als “wirklich passiert” ankündigte und die dann doch oft Pointen mit sprechenden Tieren oder übernatürlichen Wesen hatten. Ob Liz Weir nun von Auftritten vor Schulklassen berichtete oder von Freundinnen mit einer Schwäche für australische Schauspieler, alles wurde eine Geschichte. Doch darauf wollte sie auch hinaus: Wir sind alle Geschichtenerzähler, betonte sie, auch wenn wir uns nur mit Freunden treffen und die Geschehnisse des Tages besprechen. Und den Zuhörern, die glaubten, sich Geschichten oder Witze einfach nicht merken zu können, gab sie noch einen guten Rat auf den Weg: Man müsse sich nur die Pointe der Geschichte als Tableau merken, dann könne man sich auch an den Rest erinnern.

Da gleich drei Autoren aus einem Land zu Gast waren, nutzten die Veranstalter die Gelegenheit und setzten die Literaten zur einer Podiumsdiskussion zusammen, moderiert von dem englischen Übersetzer, Journalisten und Lyriker Michael Hulse. Es stellte sich heraus, daß die drei Iren sich nicht nur durch ihre Arbeitsgebiete unterscheiden. Auch auf die Frage nach ihren Wurzeln in der irischen Tradition hätten die Antworten kaum vielfältiger sein können. Während Liz Weir vom Einfluß ihrer Familie berichtete, führte Medbh McGuckian literarische Wurzeln an, und Robert McLiam Wilson wiederum erklärte, er sei sicher noch am ehesten durch amerikanische Fernsehserien und Dickens-Romane geprägt. Da in seinem jüngsten Roman eine Dichterlesung parodiert wird, lag es nahe, Wilson auf seine Haltung zur Lyrik anzusprechen. Es stellte sich heraus, daß Wilson Lyrik allgemein für überholt hält: Er versuche seit Jahren, Medbh McGuckian zum Prosaschreiben zu bekehren. Diese wiederum wehrte sich vehement dagegen, geriet aber ein wenig aus der Fassung, als Michael Hulse sie mit einer gewagten Interpretation eines ihrer Gedichte konfrontierte. Eines verband die drei Autoren auf dem Podium: Sie alle hatten persönliche Geschichten zum politischen Konflikt in ihrer Heimat zu erzählen. Moderator Hulse spielte als Engländer bereitwillig und humorvoll die Rolle des Schuldigen an den Problemen.

Geschichten boten diese drei Tage im Überfluß. Und es gab wohl niemanden im Publikum, der Liz Weirs Aufforderung nicht auch ohne ihre ausdrückliche Bitte nachgekommen wäre: Erzählt sie weiter, unsere Geschichten.

Inés Gutiérrez


nach oben Inhalt Seite zurück Seite vor
Uni  Pressestelle  UniPress 
Zuletzt geändert von presse@www.uni-augsburg.de am Freitag, den 14. August 1998