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An einem Freitagabend trafen sich im Augsburger Priesterseminar rund
50 Angehörige der Katholisch-Theologischen Fakultät, um in einem dreitägigen
Kompaktseminar - Thema: Wie sehen sich Juden und Christen? Paradigmen eines Verhältnisses
- Juden aus den USA und aus Europa zu begegnen. Eingeladen hatten die Augsburger
Professoren Hanspeter Heinz (Pastoraltheologie), Herbert Immenkötter (Kirchengeschichte),
Klaus Kienzler (Fundamentaltheologie), Alois Halder (Philosophie) und der Exeget
Dirk Kinet.
Diskussionsgrundlage waren zwei Erklärungen des Gesprächskreises Juden
und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken: Juden und
Judentum im neuen Katechismus der Katholischen Kirche. Ein Zwischenruf (Bonn
1996) und Nach 50 Jahren - Wie reden von Schuld, Leid und Versöhnung?
(Bonn 1988); darüber hinaus ein Text von Rabbi Signer mit dem Titel Der
Riß, der verbindet. Hermeneutische Zugänge zum Verhältnis von Juden
und Christen" und in einem Reader zusammengefaßte Statements der beteiligten
Augsburger Theologen.
Zum Gottesbegriff meinte Signer, die Juden distanzierten sich von einem Gott der Spekulation.
Im Vordergrund stehe für sie das Leben mit Gott, das Studium der Thora und die
Einhaltung der Gebote Gottes. Gott sei von Beginn an ein rettender, beschützender
Gott, der ewige Treue und Liebe seinem Volk entgegenbringe. In dieser Vorgabe liege
die Verantwortung Israels gegenüber Gott. Israel stehe in einem Dialog mit Gott,
der seinen Willen einerseits in den moralisch-sittlichen, andererseits in den kultischen
Geboten artikuliere.
Professor Kienzler hob auf die Geringschätzung ab, mit der die Christen seit
dem Entstehen der Kirche auf das Judentum herabgeschaut hätten. In klischeehaften
Typologien sei versucht worden, das Judentum zu übertreffen und ihm den Rang
des von Gott geliebten Volkes streitig zu machen: Jesus versus Adam, Maria versus
Eva, das Neue Testament versus das Alte und die Bergpredigt versus die Botschaft
des Mose vom Sinai. Diese Klischees hätten sich durch die Traditionen und die
Erziehung der Christen gezogen. Um mit dem Judentum in Dialog treten zu können,
müsse mit ihnen Schluß gemacht werden. Das Judentum, so Kienzler, sei
"nicht die Vorhalle, sondern die Wurzel des Christentums".
Professor Immenkötter führte die Ergebnisse seiner Studien zum Antisemitismus
in deutschen Schulbüchern vor. Man könne heute mit gutem Gewissen sagen,
daß die deutschen Religionsbücher von gewollten und ungewollten Antijudaismen
gereinigt worden seien. Die Bischöfe, von einer Gruppe von Wissenschaftlern
um den Freiburger Religionspädagogen Biemer auf die Mißstände hingewiesen,
hätten schon vor Jahren die entsprechenden Revisionen veranlaßt. Nunmehr
habe sich die Aufmerksamkeit auf die Geschichtsbücher zu richten. Man gewinne
hier bisweilen den Eindruck, das europäische Judentum ende mit dem ersten Jahrhundert
und beginne erst wieder im zwanzigsten. Das Landjudentum, das über Jahrhunderte
hinweg ganze Landstriche prägte, oder die Hofjuden, die sich in einflußreichen
Kreisen bewegten, seien Teil der deutschen Geschichte, kämen aber entweder nicht
oder nur punktuell vor. Immenkötter forderte für die Schulbücher der
90er eine gesonderte, zusammenhängende Darstellung der jüdischen Geschichte.
Wie ist es möglich, daß Menschen miteinander in ein aufrichtiges Gespräch
kommen können? Diese Frage stellte sich Professor Halder und meinte, Kommunikation
(communio) könne nicht in einer Diskussion oder einem Diskurs entstehen, da
beide in ihrer Ursprungsbedeutung ein Auseinanderlaufen der Gesprächspartner
implizieren würden; echte Kommunikation entstehe im Dialog, im "miteinander
reden", im "sich miteinander verständigen". In einer kaum mehr überschaubaren,
gleichsam viele Welten in sich bergenden Welt, werde der Mensch angesichts der Undurchschaubarkeit
und Undurchdringbarkeit dieser vielen Welten - auch der Sprachwelten - auf seine
Existenz zurückgeworfen. Das Verbindende in diesem Viele-Welten-Chaos sei die
unmittelbare Endlichkeitserfahrung des Menschen, wie Sterblichkeit, Angst, Gebrechlichkeit
und Verzweiflung. Erst auf der Basis, daß der Mensch als bedingtes und
schwaches Wesen sub specie aeternitatis wahrgenommen wird, könne ein neuer Kommunikationsprozeß
in Gang kommen.
In einem dogmatischen Referat lotete Professor Heinz die Möglichkeit einer nicht-antijüdischen
Christologie aus. Nicht die Gottesfrage oder die Ethik, sondern der Christustraktat
entzweie beide Religionen, und dies nicht nur im theologischen Diskurs, sondern in
brutalen Pogromen -vorzugsweise anläßlich von Christusfesten wie Fronleichnam.
Ein Meilenstein sei das Zweite Vatikanum, das jegliche Antisemitismen und Kollektivschuldbegriffe
nicht allein als ethische Untat verurteilte, sondern als theologischen Irrtum. Verschiedene
Lösungswege seien bereits versucht worden: so die Relativierung der neutestamentlichen
Antijudaismen als soziologisch notwendige Abgrenzung des Frühchristentums; so
die Vertagung der Judenmission und Heilsfrage auf den Jüngsten Tag, wenn Christus
die Juden heimholt; so die Trennung der Heilswege: die einen durch Christus,
die anderen ohne ihn. Aber das Skandalon bleibe bestehen, weil Jesus ausdrücklich
für alle gestorben ist. Heinz' Vorschlag: Beide Religionen sollten als Dialogprogramm
zunächst dem Willen Gottes folgen - und nicht ihrer Selbsterhaltung. Modell
unseres Verhältnisses zum Judentum sollte Paulus sein: Er halte daran fest,
daß Gottes Erwählung unwiderruflich ist - sowohl gegenüber Israel
als auch gegenüber der Kirche. Um der Rettung der Juden willen wolle er sogar
Rabbi Signer, ein amerikanischer Jude, dessen Familie nicht unmittelbar mit dem Holocaust
konfrontiert war, skizzierte, wie sich während der letzten 50 Jahre, besonders
seit dem Konzilsdekret Nostra aetate von 1965, das Verhältnis von
Juden und Christen langsam, aber konsequent vom Streitgespräch zum
Dialog gewandelt habe. Die Schwierigkeit, Vertrauen zwischen den beiden
Gemeinschaften zu begründen, sei aus einer schmerzvollen theologischen Tradition
erwachsen, die oft zu Gewalt geführt habe. Eine zentrale These: Ökumene
mit dem Ziel der Glaubensgemeinschaft sei ein christliches Vorhaben, das man auf
das Verhältnis Juden und Christen nicht übertragen dürfe. Zu bejahen
sei Ökumene als Ziel der christlich-jüdischen Verständigung dann,
wenn man Ökumene mit Haushalt übersetze: Das jüdische
Volk und die Christen sollen sich in der Teilhabe am Haushalt all derer zusammenfinden,
die den Gott Abrahams anrufen.
.
Für das Verhältnis von Judentum und Christentum fand Signer das Bild vom
Ölbaum nach Paulus: Neue Zweige werden aufgepfropft, alte hingegen
abgehauen. Oder das Bild vom Stern und den Strahlen von Franz Rosenzweig:
das Judentum als nach innen gewandt, das Christentum als missionarisch, weltgewandt.
Oder schließlich aus Martin Heideggers Der Ursprung des Kunstwerks
das Bild vom Riß: Ein Riß, so Signer, müsse nicht unweigerlich trennen,
er könne auch eine Herausforderung darstellen für zwei Teile, die trotz
einer trennenden Kluft zusammengehören. Signer illustrierte dies am biblischen
Beispiel der Entzweiung der Brüder Jakob und Esau: Gott habe die beiden Kontrahenten
wieder als Brüder zusammengeführt. Beide, die jüdische wie die christliche
Tradition, hätten Jakob und Esau, Symbolgestalten für Christentum und Judentum,
je auf ihre Weise als Rechtfertigung der Spaltung ausgelegt, nicht jedoch als Aufforderung
zur Verbindung über die trennende Kluft hinweg. Diese einseitige Interpretationsgeschichte
müsse korrigiert werden.
Die Statements der katholischen Theologen leitete der Exeget Dr. Kinet ein. Er referierte
über die Volk-Werdung Israels, die Hinwendung zum Monotheismus, aber auch über
die Bruchstellen in der Geschichte Israels - wie etwa die babylonische Gefangenschaft
nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 587 v. Chr. -, weiterhin über die
Problematik der Messiasgestalten und die schwierige Frage der Erwählung Israels
gerade in Perioden der Niedergeschlagenheit. Die Geschichte Israels, so Kinet, sei
immer die Geschichte dieses Volkes im Verhältnis zu seinem Gott gewesen. Dieser
Gott übersteige jedoch jede systematische Theorie. Erst in der Retrospektive
würden seine Spuren deutlich, die Zukunft bleibe aber immer auf ihn hin offen.
von Gott verflucht und von Christus getrennt sein. Der erste Theologe werfe für
seine ehemaligen Glaubensgeschwister sogar seinen Christusglauben in
die Waagschale! Das, so Heinz, sei wahre Christologie. Muß nicht erst einmal
der Weg des Umdenkens bei den Christen selbst beginnen, bevor ihnen eine Begegnung
mit den Juden möglich wird?
In welche Tiefe eine Begegnung zwischen Juden und Christen führen kann, zeigte
sich an diesem Seminar-Wochenende nicht zuletzt in der Liturgie des Sabbatabends
und in der Feier der Eucharistie, an der Rabbi Signer als Gast teilnahm, um die Christen
am Ende des Gottesdienstes zu segnen. Warum er das tat? "Ich bin", so antwortete
Signer, "kein Kleriker. Ich kenne die christlichen Sakramente und den christlichen
Gottesdienst. Im Jahre 1989 hat es angefangen. Ich wurde gefragt, ob ich eine christliche
Gemeinde segnen würde. Ich habe sie gesegnet. Gestern wurde ich gefragt, und
ich segnete. Es war wieder eine neue Erfahrung. Als ich Sie das Brot brechen sah
und sah, wie Sie das Brot an den Nächsten weiterreichten, da erlebte ich dieselbe
Realität, die ich mit dem geistlichen Gehalt des 'Volk Israel' verbinde. Es
gibt im Judentum meiner Ansicht nach noch nicht viele, die die Brücke zu Ihnen
überqueren. Warum ich das mache? Ich ordne die Menschen nicht ein, frage nicht,
wie alt ist er, wieviel verdient sie, welche Hautfarbe hat jemand. Ich vermeide Konfrontation.
Meine Methode ist, die richtige Fragestellung zu klären, statt vorschnelle Antworten
zu geben. So bleibe ich mit meinem Gesprächspartner im Gespräch und lerne
Menschen kennen und verstehen. Dadurch reife ich und dadurch reift auch der andere.
So haben beide einen Gewinn von dieser Begegnung. Sehen Sie die vergangenen Tage.
Was hat sich ereignet? Wir begehen gemeinsam den Sabbat, ich werde von meinen Freunden
gesegnet, ich segne Sie. Das halte ich für ein bedeutsames Ereignis."
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am Freitag, den 14. August 1998