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Praktische Rhetorik - ein großes Desiderat an der Universität Augsburg

Vor allem Lehramtsstudierende leiden an mangelnder Sprecherziehung

Von Kaspar Spinner

Als ich vor fast zehn Jahren meine Tätigkeit an der Universität Augsburg aufnahm, stellte ich mit Erstaunen fest, daß die Lehramtsstudierenden hier keine sprechpraktische Ausbildung erfahren. Das war in den Hochschulen, an denen ich bis dahin gearbeitet hatte, anders gewesen; zur Germanistik gehörte selbstverständlich auch Sprecherziehung, die nicht nur für die angehenden Deutschlehrer, sondern für alle Lehramtsstudierenden Kurse angeboten wurde.

Ich fand mich zunächst damit ab, daß man so etwas in Augsburg offenbar nicht für nötig hält. Die Betreuung der Studierenden in den Praktika führte mir dann allerdings sehr bald nachdrücklich vor Augen, welche Chancen sich viele angehende Lehrerinnen und Lehrer dadurch vergeben, daß sie an der Augsburger Universität keine Unterstützung in der Entwicklung ihrer sprecherisch-rhetorischen Fähigkeiten erfahren. Man mag vielleicht denken, daß die zweite Ausbildungsphase dafür zuständig sei; aber dort ist die Situation kaum weniger trostlos. Für Referendare an Gymnasien ist zwar Stimmbildung vorgesehen, aber für die meisten entfällt dieses Ausbildungselement, weil es in Schwaben zu wenig Ausbilder gibt, die über eine entsprechende Qualifikation verfügen.

Die Probleme, die sich in der Berufspraxis einstellen können, sind gravierend. Lehrerinnen und Lehrer, die beim lauten Sprechen mit der Stimme pressen oder eine zu hohe Tonlage haben, handeln sich Heiserkeit und Halsentzündungen ein und wirken auf Schüler(innen) angestrengt; nicht weniger ungünstig wirkt es sich aus, wenn jemand eine einschläfernde Stimmführung hat oder seine Gestik nicht angemessen einsetzen kann. Disziplinprobleme sind in solchen Fällen vorprogrammiert.

Seit einiger Zeit sind es die Studierenden selbst, die Initiativen zur rhetorischen Ausbildung ergreifen, und zwar nicht nur in den Lehramtsstudiengängen, sondern auch und sogar schwerpunktmäßig in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und in den Magisterstudiengängen. Zu nennen ist allen voran die AUDESO (Augsburg Debating Society); ferner organisiert die Katholische Studentengemeinde Rhetorikkurse, das gleiche tut die Kommission für Berufsperspektiven in den Geisteswissenschaften und neuerdings der Career Service. Die Nachfrage ist überaus groß - zu Recht, denn in vielen Berufen spielen heute die rhetorischen Fähigkeiten eine Schlüsselrolle.

Die Vernachlässigung der Rhetorik ist übrigens bereits in den Schulen festzustellen; sie hat, anders als in manch anderem - im Gegensatz zu nördlicheren Bundesländern - einen sehr geringen Stellenwert im Unterrichtsalltag. Als gebürtiger Schweizer, dem die Fähigkeit zur geschliffenen Rede und schlagfertigen Argumentation auch nicht gerade in die Wiege gelegt war und der sich entsprechend intensiv in diesem Bereich geschult hat, bin ich besonders dafür sensibilisiert, daß für die Süddeutschen - etwa in der Konkurrenz mit Menschen aus nördlicheren Bundesländern - eine gute rhetorische Ausbildung wichtig ist.

Mir tut es manchmal leid, wenn ich beobachte, wie in Schwaben manche solide und gut durchdachte Argumentation nicht so zum Zuge kommt, wie sie es verdient, einfach weil es an rhetorischer Wirksamkeit fehlt. Wir leben in einer Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft, in der das gesprochene Wort so wie noch nie eine Rolle spielt.

Seit drei Semestern veranstalte, biete und leite ich auch selbst Workshops in praktischer Rhetorik für Studierende aller Studiengänge. Der Zulauf und das Echo bestätigen mir, welch enormer Bedarf in diesem Bereich besteht. Ich biete jeweils kurze Einheiten an - Kompaktkurse von 6 Stunden, die jeweils einem bestimmten Aspekt gewidmet sind, z. B. “Stimmbildung, Artikulation, Körpersprache” oder “Argumentation” oder “Redeverhalten in der Gruppe”. Ich fasse die Rhetorik also sehr weit: Es geht um Atemtechnik, Stimmführung, nonverbalen Ausdruck, um Redeaufbau und Argumentation, um Diskutieren, Gesprächsstrategien usw.

Praktische Rhetorik kann wirksam nur vermittelt werden, wenn die Teilnehmer selber zum Reden kommen und sich in der Videoaufzeichnung beobachten können. Dazu sind kleine Gruppen nötig. Die Realisierung ist an unseren überfüllten Hochschulen entsprechend schwierig. Ich habe ein Modell entwickelt, bei dem Arbeit in der größeren Gruppe mit Arbeit in der Kleingruppe abwechselt. Die Kleingruppen werden von Studenten in fortgeschrittenen Semestern oder Absolventen geleitet, die sich in ihrem Studium intensiver mit praktischer Rhetorik beschäftigt haben. Dieses Modell ermöglicht ihnen, praktische Erfahrung in der Anleitung von rhetorischen Übungen zu gewinnen. So kann zugleich eine Qualifizierung von Trainer(inne)n erfolgen, was insbesondere für Studierende, die Deutschdidaktik im Magisterstudiengang, also im Hinblick auf außerschulische sprachliche Bildung, studieren, besonders attraktiv ist. Eine wirklich professionelle Ausbildung, wie dies eigene Institute für Rhetorik an Universitäten bieten können (eines der renommiertesten ist an der Universität Regensburg angesiedelt), ist damit allerdings nicht erreichbar.

Etwa gleichzeitig mit mir hat auch mein Kollege Professor Geppert, der Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft/Vergleichende Literaturwissenschaft, mit Veranstaltungen zur Rhetorik begonnen. Er legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Systematik und Geschichte der Rhetorik. So ergibt sich innerhalb der Germanistik eine sehr sinnvolle wechselseitige Ergänzung durch die mehr fachwissenschaftliche Ausrichtung beim Lehrstuhl Geppert und die mehr praktische beim Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur.

Die Augsburger Universität zeichnet sich in allen Studiengängen durch eine besonders praxisbezogene Ausbildung aus; diese ist sicher auch langfristig ihre Stärke, obschon zur Zeit diese Ausrichtung vom Ministerium wenig honoriert wird, wie die massive Streichung von Didaktikstellen zeigt. Wenn die Universität für die vielen tausend Studierenden wenigstens eine Stelle, die ganz der praktischen Rhetorik gewidmet ist, einrichten würde, wäre dies ein kleiner Anfang, da ein entsprechendes Angebot fest verankert werden kann. Oder ist es uns kein Anliegen, die Studierenden in Fähigkeiten wie dem sicheren Auftreten, dem überzeugenden mündlichen Argumentieren oder der Gesprächsführung auszubilden?


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Zuletzt geändert von presse@www.uni-augsburg.de am Freitag, den 14. August 1998