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"Heiratsverhalten und Partnerwahl im Einwanderungskontext: Eheschließungen der zweiten Emigrantengeneration türkischer Herkunft" lautet der Titel ihrer Dissertation, für die Dr. Gaby Straßburger (Essen) den Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2002 erhält. Der Jury unter Vorsitz von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Wolfgang Frühwald lagen in diesem Jahr 28 Bewerbungen von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus der ganzen Bundesrepublik vor. Die Verleihung des von Helmut und Marianne Hartmann gestifteten Preises, der mit 5000 Euro dotiert ist und gemeinschaftlich von der Universität und der Stadt Augsburg sowie vom Forum Interkulturelles Leben und Lernen (FILL) e. V. vergeben wird, findet am 14. Mai 2002 im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses statt.
Die preisgekrönte Arbeit
Die von der jetzt an der Universität Essen tätigen
Sozialpädagogin und Orientalistin Gaby Straßburger in ihrer
Osnabrücker Dissertation gewonnen und vermittelten Einsichten, fasst
Frühwald folgendermaßen zusammen:
"Das Heiratsverhalten von Zuwanderern, so lautet ein beliebtes Stereotyp, gibt
Auskunft über den Grad der Integration in oder die Separation von der
Mehrheitsbevölkerung. Gaby Straßburger zeigt in ihrer Dissertation,
dass dies ein Vorurteil ist, weil es entschieden auf den jeweiligen
'Heiratsmarkt' ankommt und darauf, wie er besetzt ist. Dass türkische
Männer in Deutschland häufig Frauen aus der Heimat ihrer Eltern (also
'transnational') heiraten, liegt weniger daran, dass sie sich in die eigene
Herkunftsgruppe zurückziehen, als vielmehr daran, dass es in der
türkischen Migranten-Bevölkerung in Deutschland nur halb so viele
ledige Frauen wie Männer gibt und eine Heirat über die Grenzen der
Religion hinaus noch immer zu Familienkonflikten führt. Statistisch ist zu
belegen, dass ein Großteil der von der zweiten Generation geschlossenen
Ehen 'transnational' ist, also in der Türkei lebende Personen betrifft. Ein
wesentlich kleinerer Teil von Menschen dieser zweiten Generation heiratet
Partner aus der Migranten-Bevölkerung selbst, 'interethnische' Ehen, also
Ehen mit deutschen oder anderen nicht-türkischen Partnern, sind
verhältnismäßig selten. Diese Statistik aber verweist nicht auf
den Willen zur Abgrenzung und zur Spaltung, sondern vor allem auf die
Möglichkeiten, attraktive und gleichgestimmte Lebenspartner zu finden.
Gaby Straßburgers Studie verbindet die Auswertung nationaler und
regionaler Statistiken mit biographischen Untersuchungen zu 14 unterschiedlichen
Ehen (der zweiten Migranten-Generation) aus einer deutschen Stadt mit 70.000
Einwohnern. Sie gelangt dadurch nicht nur zur Auflösung verbreiteter
Vorbehalte, sondern auch zu einem differenzierten Einblick in die
Wertvorstellungen junger Türkinnen und Türken in Deutschland. 'Wer in
Deutschland das Zusammentreffen mit der Frau oder dem Mann seines Lebens nicht
dem Zufall überlässt', heißt es in dieser Dissertation, 'handelt
gegen die soziale Norm.' Bei jungen Deutschen gilt es demnach als altmodisch,
die Wahl eines Ehepartners und die Entscheidung zu heiraten, als eine
Angelegenheit der ganzen Familie zu betrachten. Junge Türkinnen und
Türken dagegen betrachten Selbstbestimmung und Familienorientierung
keineswegs als Gegensätze, sie sind meist darum bemüht, eine Balance
zwischen den Ansprüchen der Familie und den eigenen Wünschen
herzustellen. Ob es dabei zu Konflikten kommt und wie heftig diese Konflikte
sind, hängt davon ab, welcher Umgangston in diesen Familien herrscht, wie
die Mitglieder der Familie miteinander umgehen.
Das komplizierte Geflecht der Partnersuche, der Partnerwahl und vor allem der
Art und Weise, wie Partner gesucht und gebunden werden, kurz das Geflecht der
unterschiedlichen Heiratsmuster gibt einen ungewöhnlichen Einblick in die
gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Es zeigt, inwiefern die Gesellschaft 'nach
ethnisch national oder religiös definierten Zugehörigkeiten gespalten
ist und wie sich das Ausmaß dieser Spaltung entwickelt'. Wenn wir Gaby
Straßburgers Studie folgen, ist Heirat (auch wenn sie mit Partnern aus dem
Herkunftsland der Eltern-Generation vollzogen wird), ein Zeichen der
Integration, kein Zeichen der Trennung."
Gaby Straßburger, geboren 1963 in Geisenfeld, hat am Rhabanus Maurus Gymnasium in St. Ottilien ihr Abitur gemacht, in Bamberg, Ankara und Amman (Jordanien) studiert und das Studium 1994 als Diplom-Orientalistin in Bamberg abgeschlossen. Im Jahr 2001 hat sie in Osnabrück, dem Zentrum der deutschen Emigrationsforschung, mit der jetzt preisgekrönten Arbeit "summa cum laude" promoviert. Sie spricht Türkisch, Englisch, Niederländisch, Französisch und Arabisch und ist seit Juli 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanzierten Projekt über die "Lebenssituation ausländischer Mädchen und junger Frauen sowie junger Aussiedlerinnen" an der Universität Essen. Gaby Straßburger ist in Bamberg auch sozial und politisch engagiert. Sie ist dort u. a. Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, ihre soziale Tätigkeit brachte sie mit Problemen der sozialpädagogischen Betreuung von Arbeitslosen, mit der psychosozialen Beratung von Suchtkranken und mit der Organisation von Kinderbetreuung in Verbindung.
Wegen der großen Zahl preiswürdiger Arbeiten hat die Jury einhellig beschlossen, im Jahr 2002 auch die Arbeiten öffentlich zu nennen, die sie in die engste Auswahl gezogen hat. Es sind dies die sozialethische Arbeit von P. Jörg Alt S. J. (München) über ein häufig verdrängtes Thema: "Die Verantwortung des Staates für 'illegale' Migranten. Empirische Ausgangslage, sozialethische Begründung und politische Konsequenzen"; weiterhin die praxisnahe medizinethische Dissertation von Dr. Dr. Ilhan Ilkilic (Tübingen) über "Medizinische Aspekte des muslimischen Krankheitsverständnisses in einer wertpluralen Gesellschaft" und die Studie von Christine Köhl (Hockenheim) über "Strategien der Interkulturellen Kulturarbeit", in der Künstlerinnen, Künstler und andere Kulturschaffende aus der Migrationsbevölkerung zu Wort kommen.
Der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien, der in diesem Jahr zum insgesamt fünften Mal vergeben wird, ging 1998 an den Bamberger Politikwissenschaftler Alfredo Märker für seine Diplomarbeit zum Thema "Zuwanderung in die Bundesrepublik: Universalistische und Partikularistische Gerechtigkeitsaspekte", 1999 an die Frankfurter Soziologin Dr. Encarnación Gutiérrez Rodriguez für ihre Dissertation mit dem Titel "Jongleurinnen und Seiltänzerinnen - Dekonstruktive Analyse von Ethnisierung und Vergeschlechtlichung" und 2000 an die Essener Erziehungswissenschaftlerin Dr. Yasemin Karakasoglu-Aydin für ihre Dissertation über "Religiöse Orientierungen und Erziehungsvorstellungen. Eine empirische Untersuchung an türkischen Lehramts- und Pädagogik-Studentinnen im Ruhrgebiet". Im vorigen Jahr hat die Göttinger Juristin Prof. Dr. Christine Langenfeld den Augsburger Wissenschaftspreis für ihre Habilitationsschrift "Integration und kulturelle Identität zugewanderter Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland - eine Untersuchung am Beispiel des allgemeinbildenden Schulwesens" erhalten.
Die Bewerbungsfrist für den Augsburger Wissenschaftspreis
für Interkulturelle Studien 2003 läuft bis zum 30. September 2002.
Eingereicht werden können wissenschaftliche Arbeiten, die sich im Rahmen
des übergreifenden Themas "Interkulturelle Wirklichkeit in Deutschland:
Fragen und Antworten auf dem Weg zur offenen Gesellschaft" bewegen. Der Preis
richtet sich insbesondere an Magister-, Staatsexamens- und Diplomarbeiten sowie
an Dissertationen und Habilitationsschriften, die nicht früher als zwei
Jahre vor dem Bewerbungsschluss an einer deutschen Universität
abgeschlossen und vorgelegt wurden. Bewerbungen sind mit zwei Exemplaren der
Studie, einer ca. 10-seitigen Zusammenfassung der Studie, mindestens einem
Gutachten eines Professors/einer Professorin und einem Lebenslauf über die
jeweilige Universitätsleitung an das Rektoramt der Universität
Augsburg, Universitätsstraße 2, 86159 Augsburg, zu richten.
UniPress
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am Freitag, den 24. Mai 2002