Der Fall des - ehemaligen Augsburger und jetzt Bostoner -
Ausnahme-Physikers Dr. Matthias Schneider zeigt exemplarisch die strukturelle
Handlungsunfähigkeit des deutschen Systems, wenn es darum geht, der
Abwanderung höchstqualifizierten Forschernachwuchses in die USA effektiv zu
begegnen.
Augsburg/Boston - Trotz eines der begehrten und sehr renommierten "Starting
Grants" des European Research Council (ERC) in Höhe von knapp 1,3 Mio Euro
ist es leider wieder einmal nicht gelungen, einen ausgezeichneten
Nachwuchsphysiker an einer deutschen Universität zu halten: Dr. Matthias
Schneider, als Habilitand am Lehrstuhl für Experimentalphysik I der
Universität Augsburg vor Kurzem bestbenotet mit einem ERC-Starting Grant -
einer der höchsten Auszeichnungen der Europäischen
Forschungskommission - bedacht, hatte bei nüchterner Betrachtung keine
andere Wahl, als einem zeitgleichen Angebot der Boston University zu folgen, um
dort jetzt als Assistant Professor mit tenure track unter optimalen Bedingungen
und mit optimalen Perspektiven forschen zu können.
Schneider und seine Augsburger Junior-Arbeitsgruppe kooperierten seit geraumer
Zeit mit Kollegen an den Eliteuniversitäten Harvard und Yale sowie am
Massachusetts Institute of Technology (MIT). 2007 wurde er mit dem
BMBF-Innovationspreis ausgezeichnet
(http://www.presse.uni-augsburg.de/unipressedienst/2007/pm2007_164.shtml). Er
forscht an der hoch aktuellen Schnittstelle zwischen Biologie, Medizin und
Halbleiter-Nanotechnologie. Mit dem ERC-Starting Grant hätte er über
erhebliche Mittel verfügt, um seine Forschungen zu finanzieren und sich
für eine Professur an einer deutschen Universität zu qualifizieren.
"Nur" Assistant Professor mit tenure track
Wieder einmal kam jedoch eine amerikanische Spitzenuniversität dem
deutschen bzw. europäischen System zuvor. Neben einigen anderen
ausländischen Offerten erhielt Schneider zeitgleich mit der ERC-Bewilligung
ein eben noch deutlich attraktiveres Angebot von der Boston University. Die ihm
von Boston angetragene Stelle als Assistant Professor mit tenure track
entspricht formal zwar lediglich' einer deutschen Juniorprofessur. Mit einer
solchen ist die Boston-Alternative, die sich Schneider eröffnet hat, aber
weder hinsichtlich des persönlichen Gehalts noch mit Blick auf die
Forschungsausstattung, die ihm dort geboten wird, auch nur im Geringsten zu
vergleichen.
W-besoldungsgeförderte US-Attraktivität
"Seit der Einführung der sogenannten W-Besoldung wird der wissenschaftliche
Spitzennachwuchs aus Deutschland noch mehr abgeworben, als dies bereits unter
dem früheren C-Besoldungssystem der Fall war", meint Schneiders - nunmehr -
ehemaliger Augsburger Chef Prof. Dr. Achim Wixforth. Das deutsche
Universitätssystem sei in seiner bürokratischen Komplexität, mit
seiner im internationalen Vergleich viel zu schlechten Bezahlung, mit seinen
viel zu komplizierten, seinen viel zu langen Berufungsverfahren und insbesondere
auch wegen der sehr ungewissen Zukunftsaussichten, die es
Spitzennachwuchsforschern biete, offensichtlich - und sogar im Falle hoher
finanzieller Anreize aus Brüssel - nicht im Geringsten mit dem anderer
Ländern und schon gar nicht mit den USA konkurrenzfähig.
Unvergleichlich bessere Arbeitsmöglichkeiten
"Seitdem ich vor sieben Jahren nach Augsburg berufen wurde, haben sich drei
junge Forscher in meiner Gruppe habilitiert. Mit Matthias Schneider ist jetzt
bereits der zweite, der sofort nach dem Auslaufen seines hiesigen Zeitvertrags
ins Ausland abgeworben worden ist. Natürlich", so Wixforth, "freue ich mich
sehr, dass meine jungen Mitarbeiter international offenbar sehr begehrt sind.
Gleichwohl hätte ich mir gewünscht, dass sie ihre Potentiale als
Spitzenforscher hier in Deutschland an einer Universität hätten
entfalten können. Ich kann es meinen hochqualifizierten jungen Kollegen
aber nicht verdenken, wenn sie ihre Zukunft dort sehen und wenn sie ihr
Glück dort suchen, wo sie einfach unvergleichlich bessere
Arbeitsmöglichkeiten und persönliches Gehalt in einem
bürokratisch wesentlich weniger belasteten, materiell dafür aber
wesentlich besser ausgestatteten Forschungsumfeld vorfinden. Die in meiner
Arbeitsgruppe seit Jahren erfolgreich praktizierte Internationalisierung ist von
der deutschen Wissenschafts- oder Hochschulpolitik ja ausdrücklich
gewünscht. Im Rahmen unserer Exzellenzinitiativen und sonstigen
Forschungsprojekte werden Kooperationen mit dem Ausland deshalb auch stark
gefördert. Wenn wir dabei aber nicht wie die ehemaligen Ostblockstaaten
ausbluten wollen, müssen wir uns hierzulande endlich an eine
Neuorganisation unseres Berufungs- und Besoldungssystems machen. Wir brauchen
ein System, das den Wissenschaftsstandort Deutschland im Wettbewerb um den
eigenen, von ihm selbst produzierten wissenschaftlichen Spitzennachwuchs wieder
einigermaßen konkurrenzfähig macht. Sich untätig darüber zu
freuen, dass wir auch hier 'Exportweltmeister' sind, wäre ebenso
selbstgefällig wie kurzsichtig."
Spitzenforschung auf dem Schleudersitz
Matthias Schneider sieht das ähnlich wie sein Mentor Wixforth: "Keine
Frage, dass die meisten jungen Forscher gerne in Deutschland bleiben
würden. Allerdings besetzen die meisten meiner Kollegen - wie ich bislang
selbst ja auch - nur eine zeitlich befristete Habilitationsstelle, die -
völlig unabhängig von der nachgewiesenen wissenschaftlichen Leistung -
eben einfach irgendwann ausläuft. Wer bis dahin nicht 'untergekommen' ist,
hat Pech gehabt, wird arbeitslos oder wandert eben ins Ausland ab, wo man
respektvoll aufgenommen wird. Die Grenzen verschmelzen, die Wege werden
kürzer und die mit einer Abwanderung verbundenen persönlichen
Belastungen werden dadurch immer leichter zu ertragen. Man sollte sich meines
Erachtens in Deutschland nicht einfach weiterhin mit dem Kopf im Sand darauf
verlassen, dass junge Forscher auf Grund ihrer sozialen Bindungen, ihrer
Motivation und ihres Engagements in der Regel schon in Deutschland bleiben
werden. Es scheint mir unklug, die Nerven gut ausgebildeter junger Forscher auf
dem Höhepunkt ihrer Produktivität einfach auf dem 'Schleudersitz'
auszutesten. Ich hätte mir gewünscht, dass man mir hier im Lande ein
klein wenig mehr Vertrauen geschenkt hätte, aber bevor ich dann das
Boston-Angebot angenommen habe, waren meine international als hervorragend
anerkannten Forschungsergebnisse für mich im persönlichen Bereich ja
nicht einmal soviel Wert, dass ich mir sicher hätte sein können, in
ein paar Monaten noch meine Miete bezahlen zu können! Mein Zeitvertrag war
kürzlich ausgelaufen, und trotz einiger Listenplätze hatte ich leider
noch keinen Ruf in Deutschland erhalten. Die Berufungsverfahren ziehen sich hier
oft viel zu lang hin. Die Boston University war es, die mir unaufgefordert diese
Sorge genommen hat - auf Kosten freilich der ERC-Forschungsgelder, die nun eben
leider nach Brüssel zurückgehen."
Deutsche und europäische Flexibilitätsgrenzen
Selbst mit dem knapp 1,3 Millionen schweren ERC-Starting Grant im Hintergrund
hatte die Universität Augsburg trotz bester Bemühungen nicht den
Spielraum, Schneider ein Angebot zu machen, das demjenigen aus Boston auch nur
annähernd vergleichbar gewesen wäre. Und auch die Augsburger
Anstrengungen, die EU zu überzeugen, Schneider im Einvernehmen mit Boston
für wenigstens ein Viertel seiner Zeit an der Universität Augsburg mit
einer eigenständigen Arbeitsgruppe zu etablieren und sein Know-how so
wenigstens partiell für Deutschland und Europa zu erhalten, scheiterten an
den Flexibilitätsgrenzen der Brüsseler Forschungsverwaltung.
Selbstverantwortete Konkurrenz-(Un)fähigkeit
"Der Fall Matthias Schneider ist ein sehr konkretes Beispiel dafür, dass
wir hier in Deutschland und Europa aus von uns selbst zu verantwortenden
strukturellen Gründen nicht fähig dazu sind, international
ausgewiesenen Forschernachwuchs gegen die unvergleichlich attraktiveren
Bedingungen, die insbesondere US-amerikanische Universitäten bieten, im
Land bzw. auf dem Kontinent zu halten", meint Prof. Dr. Bernd Stritzker. Nach
Ansicht des zum Zeitpunkt der Verhandlungen in Sachen Schneider
Geschäftsführenden Direktors des Instituts für Physik der
Universität Augsburg ist dies zwar nicht der einzige, aber wohl auch ein
wesentlicher Grund, weshalb man sich nicht wundern müsse über das eher
mittelmäßige Abschneiden Deutschlands bei internationalen
Universitätsrankings, wie eines jüngst wieder vom britischen
Hochschulmagazin "Times Higher Education" publiziert wurde.
Unabhängig von alledem bleibt für Wixforth zumindest die Genugtuung,
sich darüber freuen zu können, "wie einer meiner nun - leider -
ehemaligen Mitarbeiter auf der Homepage der Boston University herzlich
willkommen geheißen wird - samt seinem Anspruch 'to untangle the
complexity of biological processes and find a unified explanation or law of
seemingly independent phenomena in nature, to finally see the forest and not the
trees'."
(http://www.bu.edu/me/2009/09/21/me-department-welcomes-matthias-schneider)
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Ansprechpartner:
Prof. Dr. Achim Wixforth
Lehrstuhl für Experimentalphysik I/Materialwissenschaften
Institut für Physik
Universität Augsburg
86135 Augsburg
Telefon: +49(0)821-5098-3300
achim.wixforth@physik.uni-augsburg.de
http://www.physik.uni-augsburg.de/exp1
Prof. Dr. Matthias Schneider
Department for Mechanical Engineering
Boston University
110 Cummington Street, ENG 301
Boston, MA 02215
Telefon: +1-617-353-3051
mfs@bu.edu
http://www.bu.edu/me/people/faculty/pz/schneider/