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UPD 195/10 - 17.09.2010

Formeln pauken ade!

Fibonacci-Projekt: Mathematik aktiv-entdeckend lernen

Universität Augsburg als Referenzzentrum beteiligt am größten EU-Bildungsprojekt zur Verbesserung des Mathematikunterrichts


Augsburg/VU/CW - Die Europäische Union hat zu Beginn des Jahres 2010 ein Bildungsprojekt auf den Weg gebracht, das sich um die Verbreitung des aktiv-entdeckenden Lernens im Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften bemüht. An 25 Institutionen in 21 europäischen Ländern wird 'Fibonacci' als größtes europäisches Bildungsprojekt im siebten Forschungsrahmenprogramm der EU gefördert. Dabei fungiert der Lehrstuhl für Didaktik der Mathematik an der Universität Augsburg unter Leitung von Prof. Dr. Volker Ulm als Referenzzentrum für den Mathematikunterricht an Grundschulen. In Paris an der Ecole Normale Supérieure, der Koordinationsstelle des EU-Projektes, fand im Januar die Auftaktveranstaltung statt für das über 38 Monate laufende Fünf-Millionen-Projekt. Ausgehend von den Referenzzentren wird erworbenes Wissen an 12 sogenannte Twin-Center und weitere 12 neue Partner weitergegeben. So entsteht bis zum Ende des Projektes im Jahr 2013 ein immer engeres Netz an Fibonacci-Institutionen, Schulen, Lehrern und Klassen. Am 12. und 13. Oktober 2010 finden in Augsburg Internationale Fortbildungstage statt. Hier wird Prof. Beat Wälti von der Fachhochschule Nordwestschweiz an der Universität Augsburg für alle 400 schwäbischen Lehrer der Projekte SINUS bzw. Fibonacci zwei Fortbildungstage gestalten. Die Grundschulen Fischach-Langenneufnach, Türkheim und Zusmarshausen präsentieren an diesen Tagen erste Ergebnisse der neuen Unterrichtsmodelle.

Mathematik kreativ und aktiv

"Stures Rechnen und Auswendiglernen von Einmaleins-Aufgaben gehören der Vergangenheit an, vielmehr spielen Verständnis und Kreativität im Mathematikunterricht in der Grundschule eine viel größere Rolle. Dabei wird großer Wert auf lebensnahe Aufgabenstellungen gelegt, die die Bedeutung der Mathematik im Alltag herausstellen und einen ganzheitlichen, problemlösenden Zugang erfordern", erklärt Ulm, "über 400 schwäbische Lehrer sind so auf dem besten Weg, dem Probieren, Forschen und Entdecken in ihrem Mathematikunterricht mehr Raum zu geben."
Nach dem Pisa-Schock und den für Deutschland ungünstigen Ergebnissen internationaler Vergleichsstudien im Bildungsbereich, besonders aber im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, entstanden zunächst nationale Projekte zur Verbesserung des Unterrichts in Mathematik und Naturwissenschaften, so z.B. "Sinus-Transfer Grundschule" als Programm zur Verbesserung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts an der Grundschule sowie "Sinus-Transfer" für die Sekundarstufe.

IBSME - Inquiry based science and mathematics education

Auf europäischer Ebene fordert ein Bericht des früheren französischen Premierministers Michel Rocard mit dem Titel "Science for the Future of Europe" wirksame und langfristige Maßnahmen, um das Interesse an der Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern bei jungen Menschen wieder zu sichern. "Wenn keine wirksameren Maßnahmen ergriffen werden, werden Europas langfristige Innovationsfähigkeit und auch die Qualität seiner Forschung leiden." Eine reelle Chance, die Trendumkehr zu schaffen, wird gesehen in der Abkehr von herkömmlichen, häufig demotivierenden Unterrichtsmethoden (Formeln lernen, Formeln anwenden, Prüfung ablegen) und in einer Zuwendung zu eigenständigem, forschend-entdeckendem Lernen (IBSME = inquiry based science and mathematics education). Diese Idee wurde von dem Mathematikdidaktiker Heinrich Winter so formuliert: "Den Aufgaben und Zielen des Mathematikunterrichts wird in besonderem Maße eine Konzeption gerecht, in der das Mathematiklernen als ein konstruktiver, entdeckender Prozess aufgefasst wird. Der Unterricht muss daher so gestaltet werden, dass die Kinder möglichst viele Gelegenheiten zum selbsttätigen Lernen in allen Phasen eines Lernprozesses erhalten." Dieser Ansatz wird insbesondere im Rahmen des Projekts Fibonacci von zunehmend mehr interessierten Lehrern umgesetzt. Dabei geht es z.B. um "gute Aufgaben", den konstruktiven Umgang mit Fehlern, die Sicherung von Basiswissen, die gleichmäßige Förderung von Jungen und Mädchen, gleitende Übergänge zwischen Kindergarten, Grundschule und weiterführenden Schulen und einiges mehr.

12. und 13. Oktober 2010 Internationale Fortbildungstage an der Universität Augsburg

Ausgehend von den Erfahrungen der Lehrer in ihrem Unterricht erarbeiten sie Materialien, die den Kriterien eines aktiv-entdeckenden Unterrichts entsprechen. In regelmäßigen Treffen tauschen die beteiligten Lehrer Erfahrungen aus, geben sich gegenseitig Tipps und entwickeln gemeinsam Unterricht weiter. Fachliche Weiterbildung geschieht durch Referenten aus Wissenschaft und Forschung. Beispielsweise wird am 12. und 13. Oktober 2010 Prof. Beat Wälti von der Fachhochschule Nordwestschweiz an der Universität Augsburg für alle 400 schwäbischen Lehrer der Projekte SINUS bzw. Fibonacci zwei Fortbildungstage gestalten. Solche Impulsreferate ausgewiesener Experten geben den Teilnehmern inhaltliche Anregungen und Motivation zur Veränderung ihres eigenen Unterrichts. Wälti wird aus seiner Forschung und Erfahrung mit mathematischen Lernumgebungen berichten, in denen sich leistungsschwache wie leistungsstarke Kinder mit ein und demselben mathematischen Lerngegenstand beschäftigen und auf ihrem jeweiligen Lernstand zu neuen Erkenntnissen gelangen. In einer dem Vortrag anschließenden Ausstellung präsentieren die Grundschulen Fischach-Langenneufnach, Türkheim und Zusmarshausen Unterrichtsmodelle und -ergebnisse aus ihrer Erprobungsphase des forschend-entdeckenden Unterrichts.
Im Rahmen der europäischen Zusammenarbeit bei Fibonacci und der Vernetzung der einzelnen Teilnehmerinstitutionen werden zum selben Zeitpunkt auch Besucher aus Griechenland, Bulgarien, England, Dänemark und der Schweiz in Augsburg sein. Vor Ort bekommen sie Einblick in die Fortbildungstätigkeit für die schwäbischen Grundschullehrer und die Gestaltung von Mathematikunterricht in den Grundschulen der Region. Im Gegenzug bringen sie Erfahrungsberichte aus ihren jeweiligen Ländern mit. Weitere Schritte internationaler Zusammenarbeit werden geplant.
"Zusammenfassend kann man sagen", so Ulm, "Fibonacci ist ein Projekt, das aus der Praxis des Schulalltags Verbesserungen für die Unterrichtspraktiken an unseren Schulen und damit für die Kinder anstrebt und so zu einem verständnisvolleren Lernen und flexibleren Umgang mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Wissen führt."

Ansprechpartner für die Presse:

Prof. Dr. Volker Ulm
Lehrstuhl für Didaktik der Mathematik
Universität Augsburg
D-86135 Augsburg
Telefon +49(0)821/598-2492
ulm@math.uni-augsburg.de
http://www.math.uni-augsburg.de/de/prof/dida/
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Mehr zum Fibonacci-Projekt:
http://fibonacci-project.eu