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UPD 53/18 - 14.05.2018                                 Meldung als pdf

Sprachentstehung durch Sprachkontakt

Ein neues Projekt im Umfeld des Augsburger Sprachdokumentationsprojekts zu „Unserdeutsch“


MaitzCrainsAugsburg/PM/KPP – Seit Anfang des Jahres arbeiten Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler aus Augsburg und Cairns (Australien) an einem neuen, vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und von Universities Australia geförderten Projekt zum Thema „Language Emergence in Multilingual Contexts“. Es geht um die Frage, wie neue Sprachen nicht – wie traditonell vorausgesetzt – durch die Aufspaltung einer gemeinsamen Grundsprache entstehen, sondern als Mischformen im Gefolge des intensiven Kontakts unterschiedlicher Sprachen.

Bild: Zum Einstieg in das vom DAAD geförderte Projekt "Language Emergence in Multilingual Contexts" absolvierte Prof. Dr. Péter Maitz (auf der Stirnseite des Tisches vor der Tafel) bereits eine mehrwöchige Gastprofessur an der James Cook University in Crains. © Katarzyna Wojtylak

„Um hinter die sozialen und linguistischen Prozesse zu kommen, die unter intensivem Sprachkontakt zur Entstehung neuer Sprachen führen, werden wir Sprachen und Sprachkontaktszenarien in Ozeanien, Australien, Amazonien und Amerika eingehend und vergleichend untersuchen. Wir nehmen an, auf diese Weise zu allgemeinen Aussagen über Kontexte und Mechanismen der Entstehung von neuen Kontaktsprachen und letztlich zur Frage der Sprachevolution an sich gelangen zu können“, so Prof. Dr. Péter Maitz.

Zwei international renommierte Fachleute

Maitz ist Inhaber des Augsburger Lehrstuhls für deutsche Sprachwissenschaft. Er hat sich zuletzt durch die Dokumentation und Erforschung des „Unserdeutsch“, der um 1900 im Bismarck-Archipel entstandenen, einzigen deutschbasierten Kreolsprache, als Fachmann in Sachen Kontaktsprachen international einen Namen gemacht. Als solcher zählte er u. a. zu den Organisatoren des 4. Internationalen Workshops zur historischen Mehrsprachigkeit, der Anfang April 2018 in Bozen stattfand. Als weltweit anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Sprachtypologie und der Sprachkontaktforschung nicht minder renommiert ist Maitz' australische Kollegin Prof. Dr. Alexandra Y. Aikhenvald von der James Cook University in Cairns, die gemeinsam mit ihm das Projekt „Language Emergence in Multilingual Contexts“ konzipiert hat und leitet.

Sprachentstehung durch Aufspaltung oder durch Mischung?

Traditionell wird die Geschichte der Entstehung der alten Kultursprachen, darunter auch der europäischen, als Aufspaltung einer gemeinsamen Grundsprache im Zuge der Abwanderung und/oder einer bewussten Abschottung von bestimmten Bevölkerungsgruppen beschrieben. Im strikten Gegensatz dazu entstanden und entstehen allerdings die meisten jüngeren und jüngsten Sprachen unter intensiven Sprachkontaktbedingungen, als Ergebnis von Sprachkonvergenz also.

Multiethnolektale Sprachformen: vom Pidginenglisch bis zum Kiezdeutsch

Solche Mischsprachen sind z. B. die zahlreichen Pidgin- oder Kreolsprachen in den ehemaligen europäischen Kolonien im Atlantik oder im Pazifik; solche Mischsprachen sind aber auch zeitgenössische multiethnolektale Sprachformen, die von Sprecherinnen und Sprechern multiethnischer Gruppen in einem bestimmten Sprachraum verwendet und als für diese Sprecherinnen und Sprecher typisch eingestuft werden. Beispiele in Deutschland sind u. a. das sog. Gastarbeiterdeutsch oder das sog. Kiezdeutsch. Sie spiegeln grundlegende Veränderungen sozialer Strukturen von ehemals geschlossenen, homogenen, einsprachigen Gesellschaften hin zu offenen, heterogenen und mehrsprachigen Gruppen.

Soziale Bedingungen und linguistische Mechanismen

Welche Hintergründe und Prozesse stehen bzw. laufen hinter der Entstehung von solchen neueren Kontaktsprachen? „Uns geht es darum“, so Maitz, „die sozialen Kontextbedingungen und linguistischen Mechanismen zu identifizieren und zu beschrieben, die zur Entstehung von neuen Sprachen als Folge von Sprachkontakt führen.“

Breites Spektrum zu analysierender Kontaktsprachen

Die Liste der Sprachen, die zu diesem Zweck analysiert werden sollen, ist lang. Sie reicht von in Australien gesprochenen Auswanderervarietäten des Hmong über Witoto-Sprachen in Kolumbien, Kumandene Tariana in Amazonien, Chamacoco in Paraguay und das inzwischen ausgestorbene Pomo in Nordkalifornien bis hin zu im schulischen Kontext entstandenen Kontaktsprachen wie Unserdeutsch in Papua-Neuguinea, Bilingual Navajo in den USA, Tayo in Neukaledonien oder Roper River Kriol in Australien.

Da ein zentrales Anliegen des Projekts auch die Förderung des sprachwissenschaftlichen Nachwuchses ist, sind unter der Leitung von Aikhenvald und Maitz auch zahlreiche junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die umfangreichen Studien eingebunden. An der Universität Augsburg sind dies – teils aus Maitz’ Unserdeutsch-Projekt bereits bewährt – Siegwalt Lindenfelser, Salome Lipfert, Katharina Neumeier und Lena-Marie Schmidtkunz.

Diskussion und erste Ergebnisse beim ersten Projekt-Workshop in Cairns

„Der erste Projekt-Workshop wird am 11. und 12. Juli 2018 an der James Cook University in Australien stattfinden, wo die individuellen Teilprojekte vorgestellt und diskutiert werden sollen“, sagt Maitz, der von Januar bis März 2018 im Rahmen einer projektbezogenen Gastprofessur bereits in Cairns geforscht und Seminare gehalten hat.

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Kontakt:

Prof. Dr. Péter Maitz
Telefon -49(0) 821/598-2775
peter.maitz@philhist.uni-augsburg.de