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Malta: Exemplarische Forschungen in transitorischen Gesellschaften

UniPress

in: Augsburg UniPress

Verlag: Selbstverlag


Seit Juli 1994 sind die University of Malta und die Universität Augsburg durch einen Kooperationsvertrag verbunden. Die Beziehungen zwischen diesen beiden Universitäten, initiiert durch meinen verstorbenen Mann Prof. Dr. Horst Reimann und mich, bestehen jedoch bereits seit 1972 und sind damit fast genauso alt wie die Universität Augsburg selbst.

Wir hatten herausgefunden, daß diese Insel ein vorzügliches Terrain für exemplarische Forschungen in transitorischen Gesellschaften darstellt: Englisch ist die offizielle Zweitsprache, die fast alle Malteser beherrschen; die Malteser selbst sind dafür bekannt, daß sie Fremden aufgeschlossen und freundlich begegnen, so daß man bei Recherchen auf keine Widerstände stößt. Dies gilt im besonderen Maße für die Kollegen an der Universität, deren Ausbildung durchaus internationalen Standards entspricht, weil sie in der Regel in Großbritannien, den Vereinigten Staaten oder in Australien stattgefunden hat.

Wir haben also unsere Studierenden und Doktoranden sowohl in der WiSo-Fakultät als auch in der Philosophischen Fakultät I dazu motiviert, ihre empirischen Forschungen für Magister- oder Doktorarbeiten in Malta zu unternehmen. Natürlich haben wir selbst den entsprechenden Forschungsrahmen vorgegeben sowie einschlägige Kontakte zur Universität und zu anderen wichtigen Institutionen auf der Insel geknüpft. Zudem haben wir entsprechende Spezialseminare über die Kultur und spezielle Sozialstruktur Maltas abgehalten. Dazu haben wir auch immer wieder Kollegen und andere Experten aus Malta eingeladen, maltesische Botschafter in Bonn sowie die sehr aufgeschlossenen deutschen Politiker, die Malta im Europaparlament unterstützen.

Diese Unternehmungen wurden - im Rahmen einer größeren Untersuchung über die Zukunftsaussichten Maltas - einmal von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dann durch eine Reihe kleinerer Stipendien (häufig von der Universität Augsburg selbst) finanziert. Längere Aufenthalte, wie sie für Dissertationen insbesondere notwendig wurden, haben die Studierenden selber dadurch ermöglicht, daß sie in zunehmendem Maße nebenher als Fremdenführerinnen tätig waren. Zwei Doktorandinnen, die für ihre Untersuchungen auch den Zugang zu maltesischen Familien bzw. innenpolitischen Zirkeln brauchten, haben auch die sehr ungewöhnliche Sprache des Maltesischen gelernt, die von den Maltesern selbst häufiger als eine Art Geheimsprache benutzt wird.

Diplom- und Magisterarbeiten


So sind zahlreiche Diplomarbeiten in der WiSo-Fakultät, viele Magisterarbeiten in der Philosophischen Fakultät I und einige Dissertationen in beiden Fakultäten entstanden, und zwar über ein weites die wirtschaftliche, die soziale und auch die kulturelle Entwicklung dieses Inselstaates betreffendes Themenspektrum. Ich habe diese Aktivitäten nach dem Tode meines Mannes ab 1994 weitergeführt, nun weitgehend beschränkt auf die Philosophische Fakultät I. Momentan betreue ich zwei soziologische Dissertationen und eine Magister-Examensarbeit. Sie betreffen interkulturelle Beziehungen in den Bereichen Kulturpolitik und Tourismus. Eine bereits abgeschlossene Arbeit galt dem interkulturellen Management, das sich in Malta deshalb so gut studieren läßt, weil dort etwa fünfzig süddeutsche mittlere Betriebe Filialen aufgebaut haben. Aus diesen Untersuchungen hat sich - was im Zeitalter der Globalisierung vielleicht nicht mehr so überraschend sein dürfte - ergeben, daß die Vertretung der ”Malta Development Corporation” von Dr. Birgit Bosch geleitet wird, die bei mir eine entsprechende Dissertation angefertigt hat. Eine weitere Promovendin, die ihre Recherchen noch auf Malta betreibt, arbeitet halbtags für diese Institution, die deutsche Investoren für Malta gewinnen will.

Der Austausch zwischen beiden Universitäten ist leider wenig ausbalanciert. Zunächst haben wir nur den Rat der maltesischen Kollegen und auch ihre Spezialbibliothek für unsere Forschungen genutzt. Später konnten wir einzelne Kollegen zu Gastvorträgen einladen und schließlich dreimal Gastprofessoren aus Malta gewinnen, die bei uns mit beträchtlichem Erfolg ihre Seminare in Englisch abgehalten haben. Andererseits waren unsere Professoren nur selten professionell auf der Insel, Prof. Dr. Wilhelm Gessel aus der Katholisch-Theologischen Fakultät zu Forschungszwecken und der Englischdidaktiker Prof. Dr. Konrad Schröder als Berater für die zweisprachige Ausbildung. Die Universität Malta ist materiell nicht in der Lage, Gastprofessoren die bei uns üblichen Mittel zu gewähren.

Dagegen waren einige Augsburger Studentinnen und Studenten aus der Soziologie, der Politologie und der Anglistik zu Studienaufenthalten von ein bis zwei Semestern an der University of Malta. Sie haben nicht nur eine Affinität zu dieser Insel entwickelt, sondern die dort gemachten Erfahrungen auch weiter genutzt: Stephanie Anzinger hat eine entsprechende Magisterarbeit geschrieben und arbeitet jetzt an einer einschlägigen Dissertation in Soziologie; der Anglistikstudent Michael Graminger konnte seine Erfahrungen mit Fremdsprachenunterricht in den in Malta zahlreich zu findenden privaten Sprachenschulen vertiefen; und Stefan Heller hatte die Möglichkeit, nach seinem Magisterexamen ein Praktikum bei der besten englischsprachigen Zeitung der Insel zu absolvieren.

Das zeigt, daß unsere maltesischen Kontakte inzwischen weit über die Universität hinausreichen und Studierende in die Lage versetzen, auch praxisrelevante Erfahrungen zu machen. Leider hat demgegenüber noch kein maltesischer Studierender die Chance wahrgenommen, bei uns zu studieren oder auf Kosten des DAAD, der Malta pro Jahr immerhin fünf Stipendien für Ferienkurse anbietet, unseren Internationalen Sommerkurs zum Erlernen der deutschen Sprache zu besuchen. Das hängt vor allem damit zusammen, daß die Universität Malta keine eigene deutsche Abteilung hat, sondern lediglich für Lehramtskandidaten Deutschkurse eines auswärtigen Lektors anbietet. An den Gymnasien wird inzwischen jedoch in zunehmendem Maße auch Deutsch als Fremdsprache angeboten, ebenso beim Deutsch-Maltesischem Zirkel, der vom Goethe-Institut unterstützt wird. Dennoch findet man unter den maltesischen Studierenden nur selten ausreichende Deutschkenntnisse. Wenn die Universität Augsburg bereit wäre, maltesischen Studierenden das Privileg zu erteilen, hier ein Jahr lang ausschließlich Deutsch lernen und dann ein Fachstudium aufnehmen zu dürfen, könnte das Dilemma gelöst werden. Da wir bisher keine Studiengebühren erheben, sind nämlich die Kosten eines Studiums an der Universität Augsburg auch für maltesische Studierende erschwinglich.

Künstllerischer Austausch


Die langjährige Kooperation zwischen den Universitäten Augsburg und Malta hat auch auf den künstlerischen Bereich ausgestrahlt und auch dort zu einem Austausch geführt: So nahm der Kammerchor der Universität Augsburg unter Leitung von Prof. Kurt Suttner im Herbst 1994 an einem von der Universität Malta mitveranstalteten Internationalen Chorwettbewerb teil und konnte den ersten Preis in der Kategorie gemischte Chöre erringen.

Schon in den achtziger Jahren und zuletzt 1993 haben wir große Photoausstellungen über Malta und die dortigen Forschungen in der WiSo-Fakultät und der Universitätsbibliothek arrangiert. 1994 folgte im Augsburger Café Mercedes eine Ausstellung von Gemälden und Linoldrucken der maltesischen Künstlerinnen Isabelle Borg und Ebba von Fersen-Balzan, bei deren Eröffnung der ehemalige Deutsche Botschafter in Malta, Dr. Pagenstert, zugegen war. Großes Interesse fand 1996 in der Universitätsbibliothek eine weitere Ausstellung mit Ölgemälden der Kunsthistorikerin und Künstlerin Isabelle Borg.

Im selben Jahr waren Prof. Dr. Helga John-Winde und sechs Mitarbeiter ihres Lehrstuhls für Kunstpädagogik Gäste der Universität Malta und konnten die Inselszenerie in den frischen Frühlingsfarben festhalten. Die Ergebnisse des einwöchigen Aufenthalts wurden zunächst im Palazzo Messina, der Heimat des Deutsch-Maltesischen-Zirkels, ausgestellt, in den darauffolgenden Sommermonaten wurden sie in den Räumen des Lehrstuhls für Kunstpädagogik an der Schillstraße gezeigt.

Diese langjährigen und vielfältigen Beziehungen haben dazu geführt, daß die Universität Augsburg mittlerweile über eine der besten Malta-Spezialbibliotheken in Deutschland verfügt, die auch von Maltesern, die sich vorübergehend in Deutschland aufhalten, genutzt wird. Darüber hinaus sind wir in ein Netzwerk der ”Maltafreunde” in Deutschland eingebunden und pflegen sehr gute Beziehungen zur Deutsch-Maltesischen-Gesellschaft in Adenau, zu den hiesigen maltesischen Konsuln und Generalkonsuln in Deutschland sowie zur maltesischen Botschaft in Bonn und zur deutschen Botschaft in Malta.

Auch andere Fachrichtungen der Universität Augsburg könnten die mit diesen Beziehungen verbundenen Möglichkeiten nutzen, insbesondere die Historiker, die Geographen und die Anglisten. Nachdem die neue maltesische Regierung den EU-Beitritt stark forciert, dürften sich bald auch Perspektiven für gemeinsame, aus Brüssel finanzierte Forschungsprojekte eröffnen. Malta-Aufenthalte von Augsburger Studenten werden schon heute dadurch erheblich erleichtert, daß aufgrund des Deutsch-Maltesischen Kulturabkommens eine bestimmte Anzahl deutscher Studenten von Studiengebühren, wie sie normalerweise von ausländischen Studierenden entrichtet werden müssen, befreit ist. Dank der guten Beziehungen zum Auslandsamt der Universität Malta, das von dem früheren Botschafter Leslie Agius geleitet wird, ist die Einschreibung an der Universität Malta relativ einfach und rasch zu erledigen. Zudem bietet das Gästehaus bzw. das Studentenheim zumindest für den Anfang gute und preiswerte Wohnmöglichkeiten.

Alle, die bisher die Möglichkeiten des Austausches Augsburg - Malta genutzt haben - zuletzt war dies ein Angehöriger der maltesischen Universitätsverwaltung, der sich bei uns über die Verwaltung knapper Ressourcen kundig gemacht hat - waren von den Erfahrungen und Eindrücken sehr angetan.

Helga Reimann