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UPD 73/08 - 28.05.2008

Augsburger Sportwissenschaftler analysieren Spielunterbrechungen:

Langweiler EM: 14 Minuten Warten auf Freistöße!

Der Ball ist zwar rund, rollt aber im Schnitt nur 55 statt 90 Minuten.


Der Bewegungs- und Trainingswissenschaftler Prof. Dr. Martin Lames und seine Mitarbeiterin Dr. Claudia Augste haben am Institut für Sportwissenschaft der Universität Augsburg die Spielunterbrechungen im Fußball analysiert und dabei Erstaunliches entdeckt. So etwa, dass es im Durchschnitt 117 Unterbrechungen pro Spiel gibt bzw. dass das Spiel 1,3 Mal pro Minute unterbrochen wird. Alleine die durchschnittlich 39,2 Freistöße verursachen insgesamt knapp 14 Minuten Unterbrechungszeit. Alle Unterbrechungen zusammen nehmen ungefähr 35 Minuten in Anspruch. "Da könnte man auf die Idee kommen, dass bei der EM die große Langeweile ausbricht", resümiert Lames, meint dies allerdings nicht ganz ernst: "So ist nun einmal die Struktur des modernen Spitzenfußballs, der uns trotzdem alle in seinen Bann schlägt."

Die Augsburger Fußballforscher haben ein Beobachtungssystem entwickelt, mit dem Spielunterbrechungen - Einwürfe, Freistöße, Abstöße, Anstöße, Eckbälle, Verletzungen, Auswechslungen oder Elfmeter - präzise registriert und klassifiziert werden können. Marcel Baur hatte nun das "Vergnügen", die 1686 Unterbrechungen der 16 Spiele der WM-Endrunde 2006 im Rahmen seiner Staatsexamensarbeit zu analysieren. "Wir gehen davon aus, dass die Ergebnisse der WM sich sehr ähnlich wieder bei der EM zeigen werden, aber das werden wir im Rahmen unseres Forschungsschwerpunkts Fußball natürlich überprüfen", so Lames.

Claudia Augste nennt die Ziele der Untersuchung: "Über eine reine Beschreibung des Spiels hinaus", beschreibt Claudia Augste die Untersuchungsziele, "interessieren wir uns zum einen für die Belastungsstruktur im Fußball: Wie muss ich trainieren, um mich tatsächlich auf die Belastungen eines Fußballspiels vorzubereiten? Zum zweiten wollen wir in Erfahrung bringen, ob und inwieweit Unterbrechungen als taktisches Mittel eingesetzt werden: Dauert der Eckball kurz vor Schluss bei einer Führung tatsächlich länger als bei Rückstand?"

Spielunterbrechungen und Belastungsstruktur

Auf den ersten Blick mögen die Laufumfänge von 12 Kilometern und mehr pro Spieler eindrucksvoll erscheinen, doch dieses Pensum in 90 Minuten zu bewältigen, bringt kaum einen Freizeit-Jogger zum Schnaufen. Bedenkt man aber, dass sich die Belastungen im Wesentlichen auf die 55 Minuten reine Spielzeit konzentrieren und darüber hinaus noch eine Vielzahl von Sprintbelastungen eingestreut werden, dann wird die Bedeutung der physischen Vorbereitung deutlich.

Spielunterbrechungen und Taktik

Zahlreiche Ergebnisse liegen zur Rolle von Spielunterbrechungen als taktisches Mittel vor. "Besonders die Torhüter zeigen ein ausgeprägtes Zeitgefühl", berichtet Lames. "Während ein Abstoß bei Rückstand in der letzten Viertelstunde gerade mal 12 Sekunden beansprucht, findet man bei Vorsprung etwa den doppelten Wert." Ähnliches gilt für Einwürfe, an deren Dauer man theoretisch während des gesamten Spiels ablesen kann, ob die einwerfende Mannschaft in Führung liegt oder nicht. Weniger deutlich ist dies bei Eckbällen, da deren Unterbrechungszeit häufig für das Aufrücken kopfballstarker Abwehrspieler benötigt wird, was zu einer in etwa konstanten Dauer von 25 Sekunden führt. "Wenn kurz vor Schluss eine Führung verteidigt werden soll, geht man das Risiko aufgerückter Verteidiger nicht mehr ein und greift eher zu einer kurzen Ecke, wie frühere Untersuchungen gezeigt haben", meint Augste, selbst ehemalige Bayern-Auswahlspielerin

66 Sekunden für den Biernachschub

Zum Schluss hat der Bewegungswissenschaftler Lames noch einen Tipp für alle Bierholer: Sobald der Schiedsrichter die Mediziner aufs Feld winkt, sei eine gute Gelegenheit, die Vorräte aufzufüllen. Denn das Spiel werde im Durchschnitt erst 66 Sekunden später fortgesetzt.
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Kontakt:

claudia.augste@sport.uni-augsburg.de
martin.lames@sport.uni-augsburg.de