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UPD 84A/08 - 23.06.2008

Morgen im Colloquium Augustanum:

Über den Antichristen - mit einem Exkursus in die evangelikale Theologie US-amerikanischer Prägung

Gastvortrag des kanadischen Historikers Andrew Colin Gow im Rokokosaal der Regierung von Schwaben


Der Legende vom "Antichristen" werde von der Mittelalterforschung nicht diejenige Bedeutung beigemessen, die sie tatsächlich gehabt habe, meint Prof. Dr. Andrew Colin Gow von der University of Alberte. Auf Einladung des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte wird der kanadische Historiker am 24. Juni im Colloquium Augustanum des Instituts für Europäische Kulturgeschichte sprechen. Wie Gow in seinem öffentlichen Vortrag "Laienexegese und gelehrte Skepsis zur Legende vom jüdischen Antichrist zwischen Mittelalter und Endzeit" erläutern wird, ist diese Unterschätzung auch insofern von Bedeutung, als der wiederbelebte "Antichrist" via Reagan und George W. Bush erheblichen Einfluss auf die aktuelle US-amerikanische Außen- und Innenpolitik gewonnen habe. Der öffentliche Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Rokokosaal der Regierung von Schwaben (Fronhof, 86152 Augsburg). Der Eintritt ist frei.

Die Legende des Antichristen, so Gow, erscheine auf den ersten Blick als Phantasiebild, vergleichbar mit manch anderen mittelalterlichen Phantasien wie dem Drachen, den Einhörnern oder verwunschenen Schlössern. Und aus heutiger, wissenschaftlicher Sicht sei der Antichrist ja auch in der Tat eine Figur der Imagination, ein Produkt kollektiver, historischer, exegetischer, literarischer und mythenbildender Funktionen der mittelalterlichen Vorstellungswelt - insbesondere der Vorstellungswelt der weniger Gebildeten.

Gelehrte Theologen und Doktoren der Heiligen Schrift seien sich durch das ganze Mittelalter hindurch mehr oder weniger einig gewesen, dass der "Antichrist" allenfalls als "corpus antichristianorum", als Verkörperung des Bösen und der Gegnerschaft Christi zu verstehen sei, nicht jedoch als eine persönliche Figur. Den ungelehrten, recht oft volkssprachlichen Darstellungen des "Antichristen" als des real existierenden jüdischen und mit einer rasterhaften Un-Heiligenvita ausgerüsteten Widersachers Christi stehe also zwar in der Tat eine gelehrte Tradition gegenüber, die von Tyconius über Rupert von Deutz und die Schulmänner bis hin zu Luther reiche. Aber dass diese gelehrte Tradition viel mehr Beachtung in der heutigen Wissenschaft finde, stehe im Widerspruch zur Tatsache, dass die volkstümlichere Tradition mit dem personifizierten "Antichristen" viel weiter verbreitet und auch viel einflussreicher gewesen sei, als die meisten Mediävisten dies heute berücksichtigen.

Für Gow ist dieser Befund gerade heute wieder von beachtlicher Bedeutung für die Kirche. Denn die volkstümliche mittelalterliche Legende sei wiedererweckt worden von einer einflussreichen Gruppe unter den amerikanischen Evangelikalen, deren Ideen großen Einfluss sowohl auf Ronald Reagan wie auf George W. Bush und somit auch auf die amerikanische Innen- und Aussenpolitik gehabt hätten.