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UPD 205a/09 - 01.11.2009

Augsburger Historische Ringvorlesung im November 2009

Zwei Wendepunkte der Weltgeschichte zu Beginn des 16. und des 17. Jahrhunderts

Vorträge von Prof. Dr. Marita Krauss und Prof. Dr. Wolfgang E. J. Weber am 4. und 18. November


Nach der Auftaktveranstaltung des Mediävisten Prof. Dr. Marin Kaufhold über Canossa setzen die Landeshistotikerin Prof. Dr. Marita Krauss (Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte) und der Frühneuzeithistoriker Prof. Dr. Wolfgang E. J. Weber (Institut für Europäische Kulturgeschichte) die Augsburger Historische Ringvorlesung des Wintersemesters 2009/10 fort. Krauss erläutert am 4. November unter dem Titel "Die Kreuzfahne, die Reichsacht und eine bayerische Exekution", wie sich der Dreißigjährige Krieg bereits 1607/08 in Donauwörth ankündigte. Weber zeichnet unter dem Titel "Der Aufstand der Frommen und die Weltgeschichte" am 18. November nach, wie sich im Gefolge des Lutherschen Thesenanschlags von 1517 erstmals eine christliche Reformbewegung durchsetzte, die über zweihundert Jahre Hinweg alle Lebensbereiche in Europa prägte und auch die europäische Expansion nach außen entscheidend mitbestimmte. Beide Vorträge beginnen um 18.15 Uhr im Hörsaal II des Großen Hörsaalzentrums, Universitätsstraße 10, 86159 Augsburg.

Zum Vortrag "Die Kreuzfahne, die Reichsacht und eine bayerische Exekution: Donauwörth 1607/1608 und die Wende in den Dreißigjährigen Krieg"

Weltgeschichtliche Ereignisse beginnen oft im Kleinen. Noch scheint alles offen, noch liegt die Katastrophe weit in der Zukunft. Und doch brennt bereits die Lunte, die einen Weltenbrand entzünden kann.

So war es auch in Donauwörth: Als Protestanten 1606 und 1607 Prozessionen störten, bei denen Katholiken mit wehender Kreuzfahne durch die mehrheitlich protestantische Stadt zogen, als sie die Fahne dabei durch den Dreck schleiften, war dies erst einmal ein lokaler Skandal. Doch diese "Kreuz- und Fahnengefechte", die Konflikte um die bikonfessionelle Freie Reichsstadt Donauwörth, ihre Behandlung durch den Kaiser und letztlich die Besetzung der Stadt durch Maximilian I. von Bayern legten für die Zeitgenossen die Brüchigkeit des Augsburger Religionsfriedensordnung offen. Der Reichstag vom April 1608, der den Konflikt hätte entschärfen sollen, ging ohne Ergebnis auseinander. Aufgrund der Ereignisse von Donauwörth entstanden mit der "Protestantischen Union" und der katholischen "Liga" die Parteiungen, die den Weg in den Dreißigjährigen Krieg bestimmten.

Als der Halley'sche Komet 1618 am Nachthimmel erschien, sahen die Zeitgenossen dies als Zeichen für bevorstehende Katastrophen, für Blutvergießen und Seuchen. Doch die eigentliche Ankündigung des großen Krieges hatte bereits zehn Jahre früher stattgefunden und sie ist mit dem Namen Donauwörth verbunden.

Zum Vortrag "1517/20: Der Aufstand der Frommen und die Weltgeschichte"

Mit dem Thesenanschlag 1517 und der Veröffentlichung der lutherischen Hauptreformationsschriften 1520 begann sich erstmals weittragend eine derjenigen Erneuerungsbewegungen durchzusetzen, welche die Geschichte der christlichen Kirche seit ihren Anfängen begleiten. Obwohl sich die verschiedenen reformatorischen Gruppierungen und die römische Kirche bei ihrer Reform moderner Mittel bedienten, handelte es sich bei ihrem Aufbruch jedoch um einen genuinen "Aufstand der Frommen", der auf nichts weniger als eine fundamentale Verchristlichung der scheinbar unchristlich gewordenen Welt zielte.

Die historischen Wirkungen dieses Verchristlichungsversuchs sich in frommem Eifer gegenseitig überbietender großer und kleiner Glaubensgemeinschaften sind kaum zu überschätzen. Für mindestens zwei Jahrhunderte erfuhren tendenziell alle Lebensbereiche Europas, von der Kultur über die Gesellschaft bis zur Politik und Wirtschaft, noch nie da gewesene christliche Imprägnierung. Als unchristlich oder nach christlicher Norm zumindest als bedenklich angesehene Vorstellungen, Praktiken und Strukturbildungen verfielen der Verdammung und wurden entschieden bekämpft. Das neue Streben nach christlicher Vollkommenheit bestimmte unweigerlich sogar Europas Expansion nach außen entscheidend mit; deshalb wurde es auch welthistorisch bedeutsam.

Entsprechend schwierig und zäh vollzogen sich seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert die allmähliche innere Auflösung und äußere Überwindung dieses umfassenden Komplexes. Was von ihm blieb, ist jedoch sein Entstehungs-, Entwicklungs- und Wirkungsmuster: überzogene Weltlichkeit provoziert die Frommen aller Glaubensrichtungen und verhilft diesen zum erfolgreichen Aufstand, der in eine fundamentalistische Epoche mündet, deren Ablösung viel Zeit und Energie kostet.
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Weitere Vorträge in der Augsburger Historischen Ringvorlesung:

2. Dezember 2009
Die Französische Revolution von 1789: Erfahrung, Deutung und Inszenierung des Umbruchs (Prof. Dr. Lothar Schilling)

16. Dezember 2009
10. Dezember 1948: Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen (Prof. Dr. Susanne Popp)

20. Januar 2010
6. Oktober 1976: Die Zerschlagung der "Viererbande" und Chinas Rückkehr in die Weltgeschichte (Prof. Dr. Andreas Wirsching)

3. Februar 2010
Der 11. September 2001: Das Ende des amerikanischen Jahrhunderts? (Prof. Dr. Philipp Gassert)
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Alle Vortragsreihen und Ringvorlesungen des Wintersemesters 2009/10 im Überblick: http://www.uni-augsburg.de/upd/2009/2009_192/