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UPD 139/16 - 19.10.2016                                 Meldung als pdf

Der Geschmack der Legalität

Am 20. Oktober 2016 wird der Anti-Mafia-Priester Luigi Ciotti mit dem Mietek Pemper Preis der Universität Augsburg für Versöhnung und Völkerverständigung 2016 ausgezeichnet


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Augsburg/KPP – Luigi Ciotti – bekannt auch als "Don Ciotti" – ist Jahrgang 1945, römisch-katholischer Priester, er lebt in Turin. Als dem Begründer der Anti-Mafia-Vereinigung "Libera" und der Monatszeitschrift "Narcomafie", die sich der organisierten Kriminalität in Italien entgegenstellen, ist Ciotti der Kampf gegen die Mafia zum Lebensinhalt geworden. Am 20. Oktober 2016 wird ihm im Goldenen Saal des Rathauses Augsburg der „Mietek Pemper Preis der Universität Augsburg für Versöhnung und Völkerverständigung 2016“ verliehen. „Don Luigi Ciotti hat sich für einen schwierigen, mühsamen und gefährlichen Weg entschieden, um sein Land und die Welt zum Besseren zu verändern. Er stellt sich mit seiner ganzen Kraft gegen Gewalt, Repression und Erpressung und wirkt für Versöhnung und Frieden in der Gesellschaft. Sein jahrzehntelanger Einsatz gegen die organisierte Kriminalität verdient unser aller Respekt und Anerkennung", so Staatssekretär Bernd Sibler, der das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst beim Festakt am morgigen Donnerstag vertreten wird.

Foto: Luigi Giotti ist der fünfte Träger des Mietek Pemper Preises der Universität und der Friedensstadt Augsburg.

Luigi Ciotti gründete 1965 bereits die Vereinigung „Gruppo Abele“ mit dem Ziel, sich um kriminell gewordene Jugendliche und Drogenabhängige zu kümmern. Nach seinem Theologiestudium und seiner Priesterweihe arbeitete er dann als Straßenpriester in sozialen Brennpunkten. Nach mehreren Aufenthalten in Süditalien intensivierte er sein Engagement und gründete im Jahr 1995 die „Libera“.

Die Libera: der Geschmack der Legalität

Ursprünglich verstand sich die „Libera“ als Interessenvertretung der bis heute rund 3.500 Opfer der Mafia in Italien. Sie sammelte innerhalb weniger Monate über eine Million Unterschriften für ein Gesetz, das die definitive Konfiszierung von Mafia-Gütern ermöglichen sollte. 1996 bereits trat dieses Gesetz in Kraft. Heute verwalten die Unterorganisationen des „Libera“-Dachverbands rund 450 der vom Staat beschlagnahmten Mafia-Güter, die jetzt als landwirtschaftliche Betriebe von ehemaligen Kriminellen, Drogenabhängigen, Arbeitslosen und Mafia-Aussteigern bewirtschaftet werden. Sie erzeugen Produkte wie Olivenöl, Wein oder Pasta, die unter dem Label „Libera Terra“ in eigenen Bioläden verkauft werden Der erste dieser Läden, die den Namen „Sapori della legalità“ – „Geschmack der Legalität“ – tragen, wurde 2007 in Rom eröffnet. Mehrfach hat die Mafia seither Anschläge auf „Libera“-Projekte verübt.

Die „Libera“: Ein nicht mehr leicht zu besiegender Kosmos

Am 20. März 2015 feierten rund 200.000 Demonstranten das 20-jährige Bestehen von „Libera“, Als Dachorganisation von mehr als 1.300 Vereinen und Bürgerinitiativen ist sie heute das größte Anti-Mafia-Netzwerk Italiens. Furchtloser Priester wie Pino Puglisi und Giuseppe Diana gedenkend, die vor ihm bereits den Kampf gegen die Mafia aufnahmen und Anfang der 1990er Jahre dann ermordet wurden, sagt Ciotti: "Sie können das Leben einer einzelnen Person auslöschen, aber mit ‚Libera’ ist ein ganzer Kosmos entstanden, der nicht mehr so leicht zu besiegen ist."

Unter ständigem Polizeischutz

Ciotti fordert ein Anti-Korruptionsgesetz und er ist der Überzeugung, dass auch die Kirche mutiger sein müsse bei der Bekämpfung der Mafia. Aufgrund seines Engagements gilt er als der am meisten gefährdete Geistliche Italiens. Nach Morddrohungen der Mafia steht er unter ständigem Polizeischutz.

Widerstand gegen Gewalt als Angebot zum Miteinander

Wie Mietek Pemper sei es Luigi Ciotti gelungen, aus dem Widerstand gegen Gewalt, Repression und Korruption ein Werkzeug für Versöhnung zu machen, so die Jury des Mietek Pemper Preises der Universität Augsburg für Versöhnung und Völkerverständigung. Ciotti werde in seiner Person und mit seinem Wirken allen Maßstäben, die an die Trägerinnen und Träger dieser Auszeichnung angelegt werden, in herausragender Weise gerecht, denn:

  • Luigi Ciottis Wirken ist auf Versöhnung ausgerichtet: Die „Libera“-Projekte machen explizit auch Mafia-Aussteigern das Angebot, in ein gesellschaftlich anerkanntes Leben zurückzufinden. Hinter diesem Angebot steht Ciottis Überzeugung, dass gesellschaftlicher Frieden mit der Durchsetzung des Rechtsstaates alleine nicht zu erringen und nicht zu sichern ist, dass vielmehr gerade in der Konfrontation mit extremsten Formen von Kriminalität gesellschaftliche Initiativen gefragt sind, die sich in ihrem konkreten Handeln eindeutig zu Versöhnung bekennen.
  • Luigi Ciottis Wirken verspricht, nachhaltig zu sein: Die Entwicklung der „Libera“ belegt beeindruckend, dass Ciottis Initiative und Engagement in ihrer Wirksamkeit über ihn als Person hinausreichen, dass es ihm gelungen ist,  nicht nur immer mehr Bürgerinnen und Bürger für die Versöhnungsziele von Libera zu mobilisieren, sondern auch bedeutende Institutionen und Organisationen - nicht zuletzt die Katholische Kirche - als Mitstreiter mit ins Boot zu holen.
  • Luigi Ciotti scheut keine persönlichen Nachteile: Für seine in der „Libera“ manifestierten Werte und Überzeugungen nimmt er seit zwanzig Jahren bereits die ständige Bedrohung seines Lebens durch die Mafia in Kauf und - damit unweigerlich verbunden - die massiven Beeinträchtigungen seiner Bewegungsfreiheit und seiner Lebensqualität insgesamt durch die unverzichtbaren Sicherheits- und Schutzmaßnahmen.
  • Und schließlich ist Luigi Ciottis Wirken unkonventionell: Als ein Priester, der eine Nichtregierungsorganisation gegründet hat, die erfolgreich wirksame Gesetzesänderungen einforderte, die dann vom Staat als Partner anerkannt und weiterhin als Wirtschaftsunternehmen erfolgreich wurde und ist; als einer, der auf diese Weise eigene kreative Konfliktlösungs- und Versöhnungsideen auf eine solide Basis gestellt und mit breiter Unterstützung – bis hin zur katholischen Amtskirche – nachhaltig umgesetzt hat und umsetzt;  als eine Persönlichkeit, die dies alles initiiert und aufgebaut hat sowie mit unvermindertem Engagement weiter vorantreibt, ist "Don Ciotti" ebenso beispiellos wie beispielgebend.

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Feierliche Preisverleihung am 20. Oktober 2016

Die feierlich Verleihung des „ Mietek Pemper Preises der Universität Augsburg für Versöhnung und Völkerverständigung“ 2016 beginnt am 20. Oktober um 19.00 Uhr im Goldenen Saal des Rathauses Augsburg (Rathausplatz 1, 86150 Augsburg).

Laudatorin ist die Schriftstellerin und Journalistin Petra Reski, die für ihre Reportagen und Bücher über die Mafia mehrfach bereits ausgezeichnet wurde, die für ihr Anti-Mafia-Engagement in Italien u. a. den „Premio Civitas“ und den „Amalfi Coast Media Award“ erhalten hat und die in Deutschland als Autorin der Bücher „Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“  (2008), „Von Kamen nach Corleone. Die Mafia in Deutschland“  (2010) und zuletzt „Die Gesichter der Toten“ bekannt ist.

Das ausführliche Programm der feierlichen Preisverleihung steht auf http://www.uni-augsburg.de/download/pemper.pdf zum Download zur Verfügung.

Die Veranstalter bitten um Verständnis, dass der Einlass zum Festakt nur bei erfolgter Anmeldung und Vorlage der Einladungskarte gewährt werden kann.

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Bisherige Trägerinnen und Träger ...

... des vor zehn Jahren von Dr. Georg Haindl initiierten und mit 10.000 Euro dotierten „Mietek Pemper Preises der Universität Augsburg für Versöhnung und Völkerverständigung“, der gemeinsam von der Universität und der Stadt Augsburg vergeben wird, sind:

  • 2014: die kenianische Frauenrechtlerin Selline Korir (http://idw-online.de/de/news579060)
  • 2012: die Versöhnungsaktivisten Khaled Abu Awwad und Nir Oren als führende Köpfe des palästinensisch-israelischen "Parents Circle Families Forum" (http://idw-online.de/de/news478259)
  • 2009: der inzwischen verstorbene US-Sonderbeauftragte und Botschafter Richard C. Holbrooke für seine Verdienste, die er sich in den 1990er Jahren bei der Beilegung der Balkankriege erworben hatte (http://idw-online.de/de/news348064)
  • und 2007 als erste die Schweizer Juristin Carla Del Ponte in ihrer Eigenschaft als Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichthofs für Ruanda und des Internationalen Strafgerichtshofs für das frühere Jugoslawien (http://idw-online.de/de/news236135).

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Foto zu dieser Pressemitteilung:

don Luigi Ciotti-klein-bearbLuigi Giotti ist der fünfte Träger des Mietek Pemper Preises der Universität und der Friedensstadt Augsburg.