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UPD 185/17 - 18.12.2017                                 Meldung als pdf

Die Wechselwirkungen von Geschlecht und Fürsorge

Nach eineinhalbjähriger Forschungsarbeit zieht der Bayerische Forschungsverbund ForGenderCare eine erste Zwischenbilanz


Kinnebrock&AndreAugsburg/München/KPP - Die theoretische wie empirische Untersuchung des Zusammenhangs von Gender/Geschlecht und Care/Fürsorge ist Auftrag des vom bayerischen Wissenschaftsminister seit Mitte 2015 mit über 3 Mio. Euro geförderten interdisziplinären Forschungsverbunds ForGenderCare. Von der LMU München aus koordiniert, arbeiten in diesem Verbund Arbeitsgruppen an acht bayerischen Universitäten bzw. Hochschulen und mehreren außeruniversitären Forschungseinrichtungen in zwölf Teilprojekten. Drei dieser Teilprojekte werden von Wissenschaftlerinnen der Universität Augsburg geleitet, zwei von der Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Susanne Kinnebrock, ein weiteres von der Informatikerin Prof. Dr. Elisabeth André. In dem im Folgenden zitierten Statement ziehen die beiden Verbundsprecherinnen Prof. Dr. Barbara Thiessen (HAW Landshut) und Prof. Dr. Paula-Irene Villa (LMU München) eine erste Bilanz der ForGenderCare-Forschungsarbeiten.

BU: Die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Susanne Kinnebrock (links) und die Informatikerin Prof. Dr. Elisabeth André leiten drei der zwölf ForGenderCare-Teilprojekte. Fotos: privat

Care ist grundlegend. Für jede und jeden Einzelnen und für das gesellschaftliche Miteinander. Darauf verweisen auch die aktuellen Zwischenergebnisse des vom Freistaat Bayern seit Mitte 2015 geförderten Forschungsverbundes „Gender und Care. Dynamiken von Fürsorge im Kontext von Institutionen, Praxen, Technik und Medien in Bayern – ForGenderCare“. Dieser Verbund beforscht in 12 Teilprojekten (TP) den Zusammenhang zwischen Geschlecht (Gender) und Fürsorge (Care). Ausgangspunkt ist, dass Care historisch, ökonomisch, sozialpolitisch, kulturell geschlechtlich konnotiert ist. Aktuelle gesellschaftliche und ökonomische Dynamiken bringen zudem neue Konstellationen von Geschlecht und Fürsorgepraxen hervor. Care wird politisch, juristisch, technisch, medial und nicht zuletzt individuell und familial gestaltet. Fürsorge changiert zudem zwischen öffentlicher und privater Zuständigkeit. Dies ermöglicht neue Freiheiten, es erzeugt aber auch neue Probleme und Zwänge.

Für Bayern ist dabei der Zusammenhang von Gender und Care in besonderer Weise relevant: Ländliche und urbane Räume, strukturstarke und -schwache Regionen, kulturell vielfältige Milieus, unterschiedliche Religionen und Weltanschauungen sind nur einige der für Bayern typische Charakteristika. Auf der Suche nach Konzepten für Care in Familien, Nachbarschaften, sozialen und pflegerischen Einrichtungen sowie Medien und Technikentwicklung muss diese Vielfalt einbezogen werden. Hierzu haben wir erste Anhaltspunkte entwickelt.

Die zentralen Fragen des Verbundes sind:

  • Wie wünschen und imaginieren Menschen Zukunft, gerade in Situationen der Verletzbarkeit und Angewiesenheit (Krankheit, Alter, Kindheit), und wie wollen sie diese Szenarien gestalten?
  • Welche Mittel und Methoden lassen sich finden und entwickeln – sei es bei der Verbesserung der Pflegearbeit, in "caring communities”, oder in der partizipativen Technikentwicklung –, um fürsorgliche Prozesse zu ermöglichen?
  • Inwieweit müssen gängige Konzepte von Arbeit neu gedacht werden, um der Lagerung von Care zwischen öffentlich und privat, ökonomisiert und intim, lebensnotwendig und doch abgewertet, gerecht zu werden?
  • Was macht gutes Arbeiten bzw. gute Praxen in professionalisierten, familialen und/oder technikbasierten Care-Kontexten aus?
  • Und insbesondere: Wie wird Care-Arbeit geschlechtergerecht? Wie können Männer und Frauen an der Lust und Last von Care teilhaben?

In der Gesamtschau zeigen sich erste projektübergreifende Ergebnisse zum Verhältnis von Gender und Care im Kontext aktueller Veränderungsdynamiken in Bayern:

Durch technische Innovationen verändern sich Care-Praxen. Aber diese tragen nicht unbedingt zu Veränderungen im Geschlechterverhältnis bei. Dabei stellt z. B. das TP 3 (Prof. Dr. Susanne Ihsen, TU München) fest, dass die Affinität zu technischen Hilfsmitteln und Dienstleistungen in dieser Altersgruppe höher ist, als ihr gemeinhin zuerkannt wird. Daraus leitet sich die Forderung ab, Technikentwicklung partizipativer zu gestalten. Das TP 3 hat ein Konzept zur beteiligungsorientierten Technikentwicklung formuliert, das aktuell erprobt wird. Es könnte Teil des ingenieurwissenschaftlichen Studiums werden. Künftigen Ingenieuren und Ingenieurinnen kann so bereits in der Ausbildung vermittelt werden, worauf es ihren Großeltern ankommen wird. Partizipative Technikentwicklung ist auch Thema des TP 1, im Feld der Robotik. Dort entwickelte das Team rund um Prof. Dr. Elisabeth André (Universität Augsburg) gemeinsam mit Altenheimbewohnerinnen und –bewohnern die Nutzungsmöglichkeiten sozialer Roboter für die Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden.

Fürsorgepraxen sind nicht auf Familie, Nachbarschaft und sozial-pflegerische Einrichtungen beschränkt. Im TP 6 (Prof. Dr. Maria S. Rerrich/Prof. Dr. Gerd Mutz, Hochschule München, und Birgit Erbe, FAM München) wird untersucht, wie alte Menschen in der Großstadt versorgt werden. Sie stellen fest, dass weibliche Familienangehörige noch immer den zentralen Pfeiler eines Care-Arrangements bilden und sich oft zusätzlich zur eigenen Berufstätigkeit um ihre Angehörigen kümmern. Unterstützt werden sie aber von einem breiten, bislang wenig beachteten Netzwerk, in dem professionelle Fachkräfte ebenso wie Freundinnen, Freunde sowie Menschen aus der Nachbarschaft mitwirken. Dabei wird klar, dass Versorgung und Unterstützung weit vor der formal festgestellten Pflegebedürftigkeit gebraucht und bislang nur informell geleistet werden. Wenn dann (zunehmend auch die weiblichen) Angehörige beruflich bedingt mobil und beansprucht sind, dann entstehen Versorgungsengpässe, die bislang wenig beachtet werden. Männer sind zunehmend nicht nur in solchen Versorgungsnetzen, sondern auch am Lebensanfang zunehmend aktiv fürsorgend beteiligt. Der Anspruch, aktive Vaterschaft zu leben, ist weit verbreitet. Gerade in Bayern beantragen überdurchschnittlich viele Väter Elterngeldmonate. Aber: In TP 11 (Prof. Dr. Barbara Thiessen, HAW Landshut, und Dr. Laura Castiglioni, DJI e. V.) zeigen erste Ergebnisse, dass auch Väter Vereinbarkeitsprobleme haben und dass sich Familien die Elternzeit von Vätern erst ein Mal leisten können müssen. Wesentlich ist: Da wo Mütter erwerbstätig sind, ist der Anteil aktiver Väter in Elternzeit höher. Die Umstellung auf den Familienalltag fällt nicht leicht, weil Leben mit Kindern einen anderen Rhythmus erfordert. Wenn sich Männer jedoch auf aktive Familienarbeit einlassen, verbessert sich dadurch unter Umständen auch ihre Erwerbsarbeit in Unternehmen. Das TP 7 unter der Leitung von Prof. Dr. Claudia Peus (TU München) untersucht, inwieweit Fürsorge für Angehörige auch einen fürsorglichen Führungsstil bei Leitungskräften fördert. Erste Befunde zeigen, dass ein moderner Führungsstil durch Care-Erfahrungen unterstützt wird. In dieser Perspektive verlieren geschlechtliche Zuordnungen an Bedeutung, dafür werden soziale Erfahrungen und daraus entstehende Kompetenzen wichtiger.

Aufschlussreich ist sowohl in historischer als auch aktueller Perspektive, wo und wie Gender und Care thematisiert werden, ob politisch, juristisch, ökonomisch, kulturell. Das historisch ausgerichtete TP 5 unter der Leitung von Prof. Dr. Sylvia Schraut (Universität der Bundeswehr, München) und Prof. Dr. Susanne Kinnebrock (Universität Augsburg) zeigt, dass die Strategie der bürgerlichen Frauenbewegung um 1900, sich für berufliche Care zu engagieren und daraus die weibliche Zuständigkeit für Care als politische Partizipationsforderungen abzuleiten, erfolgreich waren (z. B. beim Kampf um das Frauenwahlrecht). Allerdings hat diese differenztheoretisch gerahmte Strategie längerfristig nicht zu Geschlechtergerechtigkeit geführt. Umso schwerwiegender ist der Befund einzuschätzen, dass Care-Themen in aktuellen Schulbüchern (immer noch) weiblich besetzt sind. Hier konnte das TP 10 (Leitung Prof. Dr. Heidrun Stöger, Universität Regensburg) anhand von computergestützten Textanalysen zeigen, dass technikbezogene Themen in Schulbüchern fast durchgängig männlich konnotiert sind, wohingegen die Themen Care-Berufe, Familie und Haushalt eher, allerdings weniger ausgeprägt, mit Weiblichkeit verknüpft werden. Bayerische Schulbücher, das zeigt die Analyse bereits jetzt, bilden die vielfältige Realität nicht ab, sondern zeigen traditionelle Geschlechtermuster. Umso bemerkenswerter ist es – das zeigt TP 12 (Leitung Prof. Dr. Paula-Irene Villa, LMU München) –, dass Jugendliche und junge Erwachsene Fürsorglichkeit – zumindest in ihrer Vorstellung – nicht geschlechtlich zuordnen: „Füreinander da sein“ hat einen hohen Stellenwert für junge Menschen in Bayern.

Einen hohen Stellenwert im Forschungsverbund nehmen Fragen von Alter, Pflegebedürftigkeit und Vorstellungen zum Sterben ein. Sechs Projekte befassen sich damit. Neben den bereits genannten befasst sich TP 4 (Leitung Prof. Dr. Nicole Saam, FAU Erlangen-Nürnberg) mit dem Einfluss von institutionellen Rahmenbedingungen auf die Lebensqualität von Alten- und Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohnern. Erste Ergebnisse verweisen darauf, dass eine möglichst hohe Eigenständigkeit und Mitbestimmung der Bewohnerinnen und Bewohner (etwa bei Besuchszeiten) sowie ihre Einbindung in den Sozialraum wesentlich für ihre Lebensqualität sind. Zeigt sich in diesem Projekt bereits, dass Personalnot die Pflegequalität schmälert, wird dies im TP8, das sich dezidiert mit den Arbeitsbedingungen im Pflegeberich befasst, noch deutlicher. Prof. Dr. Clarissa Rudolph (OTH Regensburg) konnte mittels umfangreicher Befragungen zeigen, dass durch die Ökonomisierung auf dem ‚Pflegemarkt‘ kaum mehr eine fachlich vertretbare Pflege stattfinden kann. Bemerkenswert ist, dass es den Fachkräften weniger um mehr Lohn geht. Für sie steht vielmehr Fachlichkeit und Professionalität im Vordergrund. Der ‚Bayerische Weg‘, also die Einrichtung der Vereinigung von Pflegenden in Bayern wird von den Fachkräften als wenig wirkungsvoll einschätzt. Den privaten Markt der 24h-Pflegerinnen erreicht diese Vereinigung gar nicht, hier hilft nur die gegenseitige Unterstützung der oft prekär Beschäftigten.

Im TP 2 wird unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Kinnebrock (Universität Augsburg) die „Sorge um die Fürsorge“ am Lebensende untersucht. Erste Ergebnisse zeigen, dass die im Internet stattfindende, anonyme Kommunikation zwischen Bürgerinnen und Bürgern nicht nur den Austausch von Informationen zu gesundheitlicher Vorsorge, sondern auch einen auf emotionaler Unterstützung basierenden Erfahrungsaustausch ermöglicht. In der massenmedialen Berichterstattung ist die Debatte stark an Fragen nach der Autonomie des Einzelnen ausgerichtet: Die individuelle Selbstbestimmung – gewährleistet durch Patientenverfügungen – wird aus politischer, rechtlicher und medizinischer Sicht häufig zum obersten Ziel erklärt. Der Anspruch auf würdevolle Fürsorge in Situationen der Abhängigkeit wird eher selten betont. Ein weiteres Ergebnis ist, dass carebezogene Fragestellungen häufig in den Vordergrund rücken und dabei Fragen zu Geschlechterverhältnissen und Geschlechterkulturen verdrängen können, mithin eine ‚Geschlechtsneutralität‘ suggerieren.

Als gemeinsame Fragestellung, die auch im Hinblick auf die kommenden zwei Jahre bedeutsamer werden wird, bleibt die Auseinandersetzung um ein Menschenbild, das Autonomie und Angewiesenheit gleichermaßen berücksichtigt, ohne dabei geschlechtliche Setzungen vorzunehmen. Hier erarbeitet das TP 9 (Leitung Prof. Dr. Tatjana Schönwälder-Kuntze, LMU München) aus philosophischer Perspektive begriffliche Klärungen, die für alle Projekte wesentlich sind. Die anvisierte Grundlegung der Ethik beruht insbesondere auf zwei faktischen Prämissen: der unumgehbaren Pluralität von einzigartigen Menschenwesen und ihrer ebenfalls unumgehbaren relationalen Bedingtheit. Dabei implizieren beide Prämissen, dass alle Kategorisierungen oder Zuschreibungen wie Geschlecht, soziale oder ethnizitätsbezogene Herkunft als freiheitsnegierend im grundlegendsten Sinne zurückzuweisen sind.

Ausblick

Für die weitere Laufzeit des Verbundes beschäftigt uns die Auseinandersetzung um Gestaltungsoptionen eines "Guten Lebens", die wir jeweils in den Projekten konkretisieren. Was hat das "gute Leben" mit guter Fürsorge (Zugänge, Qualität und Rahmenbedingungen) und mit Geschlechtergerechtigkeit zu tun? In einem geplanten öffentlichen ‚Bar Camp‘ soll diese Frage im Mittelpunkt stehen. Hierzu wird herzlich eingeladen: am 30. Juni 2018 in München. Darüber hinaus entstehen zahlreiche Fachpublikationen, u. a. ein Handbuch ‚Care’. Auch die laufende Rückkopplung an die sowie der intensive Austausch zwischen Praxis- und Forschungsaktivitäten wird fortgeführt.

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Verbund-Homepage mit Informationen zu den Einzelprojekten, zu Veranstaltungen und sonstigen Aktivitäten: http://www.forgendercare.de/home/

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ForGenderCare-Leitung:

Dr. Susanne Schmitt
Geschäftsstelle, LMU München, Telefon 0163-9680847, geschaeftsfuehrung@forgendercare.de

Prof. Dr. Barbara Thiessen
HAW Landshut, Telefon 0871/506-436,
barbara.thiessen@haw-landshut.de

Prof. Dr. Paula-Irene Villa
LMU München, Telefon 089/2180-2441,
paula.villa@lmu.de

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Ansprechpartnerinnen an der Universität Augsburg:

TP 1
Prof. Dr. Elisabeth André
Lehrstuhl für Multimodale Mensch-Technik-Interaktion
Telefon 0821/598-2341
andre@informatik.uni-augsburg.de

TP 2 „Die Sorge um die Fürsorge“ und TP 5 „Mütter für den Staat“
Prof. Dr. Susanne Kinnebrock
Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Öffentliche Kommunikation
Telefon 0821/598-5665
susanne.kinnebrock@phil.uni-augsburg.de

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Pressefoto zum Download:

Kinnebrock&AndreBild: Die Kommunikations-wissenschaftlerin Prof. Dr. Susanne Kinnebrock (links) und die Informatikerin Prof. Dr. Elisabeth André leiten drei der zwölf ForGenderCare-Teilprojekte. Fotos: privat